Neue Deutsche Welle: Zurück aus Harvard

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Nicola Fuchs-Schündeln

Nicola Fuchs-Schündeln erforscht, wie politische und wirtschaftliche Systeme die Bürger verändern – und warum Menschen sparen.

Die Vereinigten Staaten von Amerika waren Nicola Fuchs-Schündeln früher ziemlich unsympathisch. Ein zu schwacher Staat, der sich zu wenig um seine Bürger kümmert, so lautete ihre Meinung über die USA. Doch dann ging sie als Doktorandin an die Universität Yale, und während der Arbeit in den USA veränderte sie ihre Einstellung. Inzwischen schätzt die 38-Jährige das US-System sehr – und hat die Frage, wie das politische und wirtschaftliche Umfeld die Menschen prägt, zu einem Schwerpunkt ihrer wissenschaftlichen Forschung gemacht. Ihre These: Politische und ökonomische Systeme entfalten immanent eine starke Bindungskraft. Einfacher ausgedrückt: Wer lange genug in einem System lebt, findet es irgendwann gut.

Die Aufmerksamkeit der Fachwelt ist Fuchs-Schündeln gewiss: In der vergangenen Woche entschied der European Research Council, eine Exzelenzinitiative der EU für junge Wissenschaftler, der Ökonomin eine Million Euro für ihre Forschung bereitzustellen.

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Die auf den ersten Blick etwas unscheinbar wirkende Ökonomin hat eine steile Karriere hingelegt. Nach ihrem Volkswirtschaftsstudium an der Universität Köln und der Doktorarbeit in Yale forschte sie zunächst – mit damals erst 32 Jahren – mit dem Spitzenökonom Alberto Alesina an der Harvard-Universität. Seit zwei Jahren leitet sie nun den Lehrstuhl für Makroökonomie und Entwicklung an der Universität Frankfurt. Harvard hätte sie gerne behalten. Aber ihr Mann und sie wollten wieder näher bei ihrer Familie sein. Matthias Schündeln ist ebenfalls Ökonom und bekam von der Uni Frankfurt auch gleich eine Stelle angeboten. Seit dem Studium in Köln hat das Ehepaar, das drei Söhne hat, stets für denselben Arbeitgeber gearbeitet.

Unter den Top 30

Im „Handelsblatt“-Ranking der besten Nachwuchs-Ökonomen schafft es Nicola Fuchs-Schündeln unter die Top 30 — als eine von nur zwei Frauen überhaupt. Die gebürtige Essenerin ist weniger ordnungspolitisch als empirisch orientiert und zieht ihre ökonomischen Schlüsse bevorzugt aus der Analyse von Datenbergen, etwa im Rahmen des Sozio-Ökonomischen Panels (SOEP). In dem Panel befragt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin seit 27 Jahren die Deutschen detailliert nach ihren Vorlieben und Einstellungen; viele Wissenschaftler nutzen diese Daten als Grundlage ihrer Forschung.

Im vergangenen Jahr erhielt Fuchs-Schündeln vom DIW den Preis für die beste Publikation auf Basis des SOEP. Auch diesmal wieder war das Thema die Veränderungskraft von Systemen, genauer: die Frage, warum Menschen wie viel sparen. Mit ihrer Arbeit stützt sie empirisch die sogenannte Lebenszyklus-Theorie. Die besagt unter anderem, dass Menschen mehr von ihrem Einkommen auf die Seite legen, wenn sie Angst vor der Zukunft haben.

Fuchs-Schündeln hat dazu die Sparneigung in Ost- und Westdeutschland vor und nach der Wiedervereinigung analysiert. „In der DDR haben sich die Bürger weniger vor der Zukunft gefürchtet als in den alten Bundesländern“, stellt sie fest. Sie hätten sich mehr auf den Staat verlassen, auch sei die Arbeitslosigkeit geringer gewesen. Nach der Maueröffnung sahen die ehemaligen DDR-Bürger die Zukunft dann nicht mehr so rosig: Im vereinigten Deutschland gab es plötzlich mehr Arbeitslose, der Sozialstaat sorgte zwar für die Schwachen, forderte aber gleichwohl Eigenverantwortung von den Bürgern. Deshalb, so die Ökonomin, passten die ehemaligen DDR-Bürger die Größe ihrer Sparstrümpfe an: Schon nach zehn Jahren waren sie so gut gefüllt wie die der Westdeutschen.

Ein im SOEP abgefragtes Thema ist auch, wer sich um benachteiligte Gruppen wie Arbeitslose kümmern soll. Bevor die Mauer fiel, plädierten die Ostdeutschen weit stärker als die Westdeutschen dafür, dass der Staat Verantwortung für diese Gruppen übernimmt. Heute haben die Ostdeutschen weitgehend die gleiche Ein-stellung zum Staat wie die Westdeutschen, sagt Fuchs-Schündeln. Als Nächstes will die junge Ökonomin herausfinden, warum in vielen Ländern immer noch weniger Frauen als Männer berufstätig sind. Dazu untersucht sie den Einfluss des Steuersystems auf deren Erwerbsbeteiligung. Ihre Vermutung: Das Ehegatten-Splitting ist schuld.

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