Neue Vorsitzende der Kultusministerkonferenz: Löhrmann ignoriert Bildungsmängel

KommentarNeue Vorsitzende der Kultusministerkonferenz: Löhrmann ignoriert Bildungsmängel

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Die neue Präsidentin der Kultusministerkonferenz und Schulministerin Nordrhein-Westfalens, Sylvia Löhrmann (Grüne, r), und der Vizepräsident Stephan Dorgergloh (l) am 15.01.2014 im Bundesrat in Berlin.

von Ferdinand Knauß

Nordrhein-Westfalens Schulministerin Sylvia Löhrmann meldet sich als neue Vorsitzende der Kultusministerkonferenz zu Wort. Für die Probleme der beruflichen Bildung und des Niveauverlusts der Schulen bleibt sie blind. 

Pünktlich zu ihrer Amtseinführung als turnusmäßige Vorsitzende der Kultusministerkonferenz meldet sich die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann  mit einem Urteil über das Ergebnis ihrer Politik zu Wort. Alles bestens, lautet es.

Die Kritik aus Wirtschaftskreisen an der mangelnden Ausbildungsreife vieler Schulabgänger weist sie zurück. Die Jugendlichen würden heute in der Schule nicht schlechter auf einen Beruf vorbereitet als früher, sagte die nordrhein-westfälische Schulministerin der Nachrichtenagentur dpa. Das Problem sei, dass die Betriebe in den vergangenen Jahren immer weniger Lehrstellen angeboten hätten. 80 000 Schulabgänger hatten, obwohl die Arbeitsagenturen  sie als „ausbildungsfähig“ einstuften, keinen Ausbildungsplatz gefunden. Das sind allerdings – auch demografisch bedingt - deutlich weniger als in früheren Jahren.

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Getreu dem nordrhein-westfälischen Regierungsmotto „Kein Kind zurücklassen!“ startet Löhrmanns Ministerium nun in Zusammenarbeit mit Unternehmen ein Programm namens "Kein Abschluss ohne Anschluss".

An solchen Kümmer-Programmen herrscht in deutschen Landes- und Bundesministerien nie ein Mangel. Mit diesem Aktivismus der selbsternannten Problemlöser lässt sich auch wunderbar kaschieren, dass die Wurzel des Problems nicht zuletzt in der eigenen Schulpolitik zu suchen ist.

Bildungspolitik Die Nachwuchskatastrophe der beruflichen Bildung

Das Erfolgsmodell der deutschen Berufsbildung droht auszubluten. Vor allem in Nordrhein-Westfalen ist der Mangel an Lehrern dramatisch.

Quelle: imago/caro

Diese Wurzel ist der lange Zeit schleichende aber in den letzten Jahren unter Löhrmann und ihren Länder-Kollegen galoppierende Niveauverlust der Schulbildung. Dieser ist vermutlich nicht unmittelbar beabsichtigt, aber er wird in Kauf genommen, da das vorrangige Ziel in den Schulministerien die Steigerung der Abiturienten- und folglich Studierendenzahlen ist. Das Mittel dieser von der OECD propagierten Akademisierungspolitik ist die Herabsetzung der Ansprüche in Prüfungen. Jeder Lehrer in Nordrhein-Westfalen und anderswo kann bestätigen, welche erstaunlichen „Verbesserungen“ des Notenschnitts und der Abschluss-Quoten beispielsweise die Einführung zweitsprachiger Wörterbücher in Englisch-Klausuren bewirkt. Auch die ehemalige Englisch-Lehrerin Löhrmann dürfte sich das gut vorstellen können. 

„Wir sollten uns freuen, dass es einen Trend zu immer besseren Abschlüssen gibt“, verkündet Löhrmann. Damit erliegt sie, leider nicht als einzige Bildungspolitikerin, der lockenden Versuchung, den formalen Abschluss mit dem tatsächlichen Bildungserfolg zu verwechseln.

Fatal an dem Prozess der amtlichen Inflationierung der Schulabschlüsse ist nicht zuletzt die Vernachlässigung und das absehbare Ausbluten des dualen Systems, also der kombinierten Ausbildung in beruflichen Schulen und Lehrbetrieben. Auch hier steht Nordrhein-Westfalens Ministerin Löhrmann an der Spitze einer verheerenden Entwicklung. Ihre forcierte Akademisierungspolitik entzieht der Berufsbildung und dem Arbeitsmarkt  talentierte junge Menschen. Gleichzeitig gehen den Berufsschulen  schon jetzt die Lehrer aus, während die Landesregierung untätig zusieht.

Löhrmann sagt, man solle in der Debatte nicht Studium und Berufsbildung gegeneinander ausspielen. „Sowohl als auch“ laute die Devise. Diese Aussage ist indiskutabel. Natürlich nimmt die Zahl der Berufsschüler unweigerlich ab, wenn die der Studierenden steigt. Wer das akademische Studium durch Wort und politische Tat zum Standardwerdegang junger Menschen macht, der schwächt damit unweigerlich das Ansehen der beruflichen Ausbildung.

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Diese Diskreditierung und der zunehmende Lehrermangel der beruflichen Bildung schwächen einerseits ihr traditionell hohes Niveau und andererseits den Ruf ihrer Schüler bei Arbeitgebern. Es ist kein Geheimnis, dass Personalabteilungen immer mehr auf Hochschulabsolventen setzen, wo sie bisher mit Azubis gut bedient waren. Heute machen immer mehr studierte Betriebswirte Jobs, die noch vor wenigen Jahren nicht studierte Kaufleute erledigten – und zwar nicht schlechter! Aber ein Kaufmanns-Azubi mit Realschulabschluss brachte vor dreißig Jahren auch oft bessere Mathematik-Kenntnisse mit als mancher Abiturient des Jahrgangs 2013.

Es wird Zeit, dass die Bildungspolitik in Deutschland sich von der Fixierung auf Abschlussquoten freimacht. Der Schulabschluss eines Schülers, der nicht ausbildungsfähig ist, hat außerhalb der Schulministerien keinen Wert. Entscheidend für die Qualität eines Bildungssystems und die Beschäftigungsfähigkeit sind nicht die Zahlen von Bildungszertifikaten, sondern die tatsächlichen Kenntnisse der Schüler.  Von der neuen Vorsitzenden der Kultusministerkonferenz ist diese Einsicht leider nicht zu erwarten. 

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