Neulich... beim Arzt: Der Morbi RSA - Eine Liste mit Risiken und Nebenwirkungen

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Neulich...

Kolumne

Morbi-RSA klingt wie eine böse Krankheit. Die Abkürzung definiert aber ab 2009, wie viel Geld die Krankenkassen aus dem Gesundheitsfonds erhalten. Katharina Koufen erklärt die Nebenwirkungen in ihrer Kolumne "Neulich..."

Es kommt schon mal vor, dass ich über einen Textanfang nachdenke und nebenher eine Tafel Schokolade verdrücke, auch mal einen ganzen Nikolaus oder einen der vielen Schoko-Adventskalender, die seltsamer Weise vor allem die Krankenkassen vor Weihnachten an die Journalisten schicken. Komplett von Tür eins bis 24 – die Adventszeit ist sowieso vorbei.

Solange ich in meine Hosen hinein passe, kein Problem. Dachte ich. Bisher. Bis ich neulich beim Arzt im Wartezimmer eines dieser Gesundheitshefte in die Hand bekam. Jene  Kassen, die eben noch Schoko-Kalender verschickten, legen sie nun moralinsauer in den Praxen aus.

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Das Aufmacherthema: Diabetes! Schon nach wenigen Zeilen wurde mir klar: Wenn ich nicht längst schon unbemerkt an dieser Krankheit leide, dann gehöre ich bestimmt zur Risikogruppe. Wegen des vielen Zuckers. Und des vielen Sitzens. Noch dazu wog einer meiner Söhne bei der Geburt mehr als vier Kilo. Symptome über Symptome.  

Zum Glück ist meine Ärztin eine bodenständige Frau. „Wenn ich lange genug suche, finde ich bestimmt was“, brummte sie. Von wegen Diabetes. Und dass sie auch jeden Nachmittag ein Stück Kuchen zum Kaffee esse.  Zum Schluss sagte sie noch: "Mit Diabetes hat das nichts zu tun. Das ist der Morbi RSA."

RSA steht für Risikostrukturausgleich

Zum Glück ist der  Morbi RSA  keine schlimme Krankheit, auch wenn der Name so klingt. RSA steht  für "Risikostrukturausgleich", und "Morbi" bedeutet schlicht "Krankheiten". Eigentlich verbirgt sich hinter diesem Unwort nichts weiter als eine harmlose Liste von 80 Krankheiten. Doch diese Liste steckt voller Risiken und Nebenwirkungen.

Zu den  Risiken gehört, dass diese 80 Krankheiten bei den Deutschen in nächster Zeit vermehrt ausbrechen werden.

Das liegt nicht daran, dass wir alle kränker werden, sondern daran, dass die Krankenkassen ab 2009 für die Morbi-RSA-Krankheiten ihrer Versicherten Geld aus dem Gesundheitsfonds bekommen.

Wenn die Ärzte künftig, bitteschön, ihre Diagnosen so stellen möchten, dass die Patienten irgendwie in eine dieser 80 Krankheiten eingruppiert werden können? Denn da sind die Grenzen manchmal fließend.

Ob einer an unschädlichem Gebrauch von Alkohol leidet, für den es Null Cent gibt, oder an schädlichem, der 95,42 Euro pro Monat bringt, ist nicht immer klar. Und wo der erhöhte Zuckerwert aufhört und der Diabetes anfängt, ist auch manchmal Ermessenssache  – bedeutet für die Kasse aber einen Unterschied von bis zu 240,62 Euro monatlich.

Das wirklich Spannende am Morbi RSA jedoch ist seine Nebenwirkung: Von jetzt an kann jeder sehen, wie teuer er für seine Kasse ist.

Denn auch die große Masse, die bisher von solchen Übeln wie einer Spinalkanalstenose (127 Euro) oder einem Kaposi-Sarkom (1042Euro) verschont blieb und die nicht an einer Infektion durch opportunistische Erreger (432 Euro) oder an einem myelodysplastischem Syndrom (514 Euro) leidet - auch alle diese Normalgesunden sind unterschiedlich teuer. 

Diese Unterschiede fangen schon im Kreißsaal an. Für ein neugeborenes Mädchen bekommt eine Krankenkasse rund 376 Euro pro Monat, für einen Jungen dagegen 453 Euro.

Von wegen Gleichberechtigung! Ist die Kleine ein Jahr alt, erhält ihre Kasse rund 74 – seine dagegen 99 Euro. Erst in der Pubertät dreht sich das Blatt um: Dann kosten die jungen Frauen ihre Kasse offenbar mehr als die jungen Männer, denn die Kasse erhält via Morbi RSA höhere Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds  – kein Wunder, denn hier beginnt das gebärfähige Alter und Schwangerschaften bedeuten für die Krankenkasse vor allem eines: Kosten.

Kleine Jungs offenbar zarter besaitet als kleine Mädchen

Der Gesundheitsfonds kommt und Quelle: AP

Der Gesundheitsfonds kommt und mit ihm Morbi-RSA

Bild: AP

Aber von wegen "je älter desto teurer" – oder?

Ab Ende 30 sinken für Frauen die "alters- und geschlechtsspezifischen Zuweisungen" aus dem Gesundheitsfonds. Für die Gesundheit einer 44-jährigen Frau gibt es einen geringeren Betrag als für ein fünfjähriges Mädchen.

Man fragt sich, ob die häufigen, aber meist sehr kurzen Besuche beim Kinderarzt, und die Fieberzäpfchen, die pro Packung etwa einen Euro kosten, die Kassen derart beuteln. Denn wirklich teuer wird es bekanntlich erst im Krankhaus.

Oder  kommt es tatsächlich so häufig vor, dass Kleinkinder mit Waschmittel oder Murmeln im Bauch in der Notaufnahme landen?

Falsch, sagt Elisabeth Siegmund-Schultze, Ärztin bei  der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH): Erstens seien die Aufwendung für eine 44-jährige in Wirklichkeit deutlich höher als für ein fünfjähriges Mädchen, da die erwachsene Frau mit höherer Wahrscheinlichkeit an einer der 80 Morbi-RSA-Krankheiten leiden wird und deshalb Extra-Zuweisungen aus dem Fonds erhält.

Auch entstünden die Kosten für kleine Kinder weniger durch Waschmittel und Murmeln. „Vielmehr schlagen im zarten Kinderalter vor allem Blinddarmentzündungen und Atemwegserkrankungen zu Buche, außerdem Darmerkrankungen und Verletzungen, die stationär behandelt werden müssen“, erklärt Siegmund-Schultze.

Und hier sind kleine Jungs offenbar zarter besaitet als kleine Mädchen.

Eine US-Studie, die Anfang des Jahres veröffentlicht wurde, spricht von einem „unerwarteten Maß an männlicher Verwundbarkeit“. Ergebnis der Studie: Männliche Babies haben ein 24 Prozent höheres Sterberisiko als weibliche, ihr Immunsystem ist anfälliger.

Auch kommt es wegen der größeren Köpfe von Jungen bei der Geburt eher zu Komplikationen. Forscher wollen sogar herausgefunden haben, dass schon die männlichen Embryonen und gar Samenzellen besonders empfindlich sind. Das Berlin-Institut für Weltbevölkerung verzeichnete nach dem Mauerfall eine historisch niedrige Rate von männlichen Neugeborenen, auch nach Erdbeben oder anderen Naturkatastrophen sinkt angeblich die Geburtenrate von Jungen.

Im Alter zwischen 40 und  55 erhalten Frauen höhere Grundzuweisungen aus dem Fonds als Männer. Nach den Statistiken der KKH entstehen in diesem Alter bei Frauen besonders häufig hohe Kosten durch psychische Erkrankungen und Krebs. Bei Männern dagegen steigt in diesem Alter die Gefahr des Herzinfarkts. Psychische Erkrankungen kommen fast so häufig vor wie bei Frauen – im Zeitraum zwischen 20 und 40 Jahren liegen die Männer hier sogar vor den Frauen und machen für diese Altersgruppe den teuersten Posten im Kassenhaushalt aus.

Männer sind für ihre Kasse am teuersten zwischen 75 und 79

Insgesamt lässt sich sagen, dass Menschen diesen Alters, die an Krebs oder einem anderen tödlichen Leiden erkranken, in dem Jahr vor ihrem Tod oftmals sehr viel mehr Geld der Kasse in Anspruch nehmen, als alte Menschen.

Da werden dann alle Geräte auf der Intensivstation angeworfen, um die Lebenszeit zu verlängern und den Krebs vielleicht doch zu besiegen. Im höheren Alter vertragen Menschen oftmals die aggressiven Therapien nicht mehr. Trotzdem gilt für alle Altersstufen: Das Jahr vor dem Tod ist für die Kasse im Schnitt das teuerste.

Erst im Alter zwischen 55 und 59 Jahren liegen  Männer und Frauen bei den Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds gleichauf, dann aber werden die Frauen im Eilschritt von den Männern eingeholt. Was ist da los bei den Herren der Schöpfung?

Zu viel Stress beim Versuch, vor dem Renteneintritt noch schnell den Sprung in den Chefsessel zu schaffen? Allgemeine überdurchschnittliche Adrenalinausschüttung?

Tatsächlich liegt das Risiko, an einem Herzinfarkt oder an Krebs zu erkranken, jetzt deutlich höher als bei den Frauen, bei denen dafür die Arthrose für die Kasse richtig zu Buche schlägt.

Männer sind für ihre Kasse am teuersten zwischen 75 und 79, Frauen zwischen 85 und 89. Und, seltsam: Jenseits der 95 werden sowohl Männer als auch Frauen wieder deutlich billiger – jedenfalls sinken die Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds. Wahrscheinlich werden nur diejenigen überhaupt so alt, die unglaublich zäh sind und irgendwann einen schnellen Tod sterben. 

Die meisten Menschen wünschen sich das – und, so zynisch es klingt, die Kasse wünscht es sich auch. Bleiben Sie also entweder lange gesund - und billig für ihre Krankenkasse. Oder, wenn Sie doch erkranken, dann tun Sie es bitte Morbi RSA – verträglich!

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