Neulich...beim Arzt: Ich leide, du leidest, er/sie/es leidet

kolumneNeulich...beim Arzt: Ich leide, du leidest, er/sie/es leidet

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Neulich...

Kolumne

Diskutieren Sie nie mit Ihrem Arzt über die aktuelle Honorarreform oder sonstige gesundheitspolitische Themen! Die Risiken und Nebenwirkungen sind zu groß.

Ich wusste sofort, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Eisern hatte ich mich bisher an die Regel gehalten, nie, wirklich nie einem meiner Ärzte, dem Apotheker um die Ecke oder dem Physiotherapeuten meines Kindes auch nur anzudeuten, dass ich mich für Gesundheitspolitik interessiere. Weil ich mir nämlich genau vorstellen konnte, was dann passieren würde: Mein Leiden wäre plötzlich völlig uninteressant, dafür das Leiden der Ärzte, der Apotheker oder der Physiotherapeuten um so dringlicher. Und das diese Berufsgruppen leiden, weiß ja jeder – unter überbordender Bürokratie, ständigen Gesundheitsreformen, Geldmangel aufgrund von Honorarreformen und, und, und.

Und so war klar, dass es so kommen musste, neulich beim Internisten, als ich einen Moment lang meine Sinne nicht beisammen hatte. Geschickt verwickelte mich der Arzt in ein Gespräch, während er meinen Bauch abtastet und da rutscht mir eine Bemerkung heraus, die erkennen lässt, dass der Ärzteprotest um die aktuelle Honorarreform für mich kein Fremdwort ist. „Aha“, sagt der Herr im weißen Kittel, lässt sofort von meinem Bauch ab, springt auf, greift eine Schachtel Medikamente aus der Schublade - „davon jeden Morgen eine“ – und sagt: „Jetzt muss ich Ihnen aber doch einmal sagen, wie es wirklich ist.“

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Bevor ich widersprechen kann (außerdem war ich noch beim Anziehen) legt der sonst doch eher wortkarge Mediziner so richtig los. Rabattverträge bei Arzneimitteln seien das Allerletzte, weil vor allem ältere Patienten überhaupt nicht damit klarkämen, wenn ihre Medikamente ständig durch andere – preiswertere - ersetzt werden. „Statt der zwei blauen vor dem Essen jetzt drei grüne nach dem Essen und ein paar Wochen später alles wieder anders, das verstehen die nicht“, sagt er. Dass die Kassen ihn zwängen, alte, längst überholte Medikamente zu verschreiben, die zwar billig, aber längst nicht auf dem neusten Stand der Medizin seien. Dass die neue Honorarreform ein einziger Chaoshaufen sein.

Dann greift er ins Regal und knallt einen übervollen Ordner auf den Tisch. „Hier, alles Schriftwechsel mit den Kassen“, sagt er, „Regressdrohungen und -forderungen, weil ich angeblich zu viele oder zu teure Medikamente verschreibe.“ Aber was solle er denn machen, wenn bei einem Patienten die Bauchspeicheldrüse nicht richtig arbeite, der brauche halt ein teures Medikament mit einem Enzym, und wenn es ihm der Hausarzt nicht mehr aufschreiben wolle, weil es zu teuer sei, dann müsse er das doch tun. Kurz kam mir die Frage, ob auch meine Bauchspeicheldrüse vielleicht... Aber angesichts der gravierenden Probleme des hiesigen Gesundheitssystems verwarf ich den egozentrischen Gedanken sofort wieder.

Mir wird übel

„Hier, alles Schriftwechsel mit der AOK, meiner Lieblingskasse“, ereifert sich der Mediziner mit ironischem Unterton weiter. „Die Fragen dreimal nach, warum der Patient das Enzym braucht, dabei hat der gar keine Bauchspeicheldrüse mehr“. Das müssten die doch aus der Patientenakte wissen, die Drüse wurde ihm doch entfernt, schimpft er. „Und wissen sie, was die AOK-Dame da zu mir sagte?“, fährt er fort, „dass sie mit der Abteilung nichts zu tun habe, wo diese Daten vorliegen.“ Eine Unverschämtheit sei das. Das sehe ich sofort ein.

Sein Freund, ebenfalls Arzt, der wandere jetzt nach Norwegen aus. „Der macht es richtig“, sagt der Internist. „Hätte ich hier nicht so viele Schulden aufgenommen, um die Praxis aufzubauen, dann wäre ich schon längst weg.“ Ganz, ganz schlimm würden die Zustände hierzulande, wenn das so weitergehe, ein schleichender Prozess, wir merkten das nur noch nicht richtig, Wartelisten, Billigmedizin, bald hätten wir englische Verhältnisse. Mir wird ganz übel.

Immerhin, so viel Zeit hat sich schon lange kein Arzt mehr für mich genommen. Und eigentlich könnte ich jetzt ganz, ganz viel erwidern. Dass nicht alle preiswerten Generika schlecht sind, dass Rabattverträge auch ihre guten Seiten haben, dass es doch ok ist, wenn die  Kasse kritisch die Ausgaben prüft, schließlich sind das doch auch meine Versichertengelder, die da ausgegeben werden. Und dass von einer Verelendung der Ärzte doch keine Rede sein können, den meisten jedenfalls gehe es doch ganz gut, und dass...

Da fällt mir ein, ich war doch eigentlich wegen Magenschmerzen hergekommen. „Jeden morgen eine?“ frage ich, schon auf dem Weg zur Tür. Warum, wieso, weshalb, welche Diagnose oder so ist mir in diesem Moment völlig egal. „Ja“, sagt er, „und wenn es nicht hilft, kommen sie wieder.“

Nun hoffe ich inständig, dass die Medikamente wirken. Und wenn nicht, dass zumindest aber der Krach um die Ärztehonorarreform bald aus der Welt ist. Außerdem werde ich alle meine Freunde und Nachbarn im Einzugsgebiet des besagten Arztes warnen: Gebt Euch so unpolitisch, wie es irgend geht. Und sprecht nur über das Wetter, oder über die schönen Osterglocken, die vor der Praxis blühen. Nicht zu vergessen die Krokusse.

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