Neulich.... beim Kinderpsychologen: Mehr Pillen für den Zappelphilipp

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Kolumne

Kinder sind heutzutage nicht nervig oder schlecht erzogen, nein, die Ärmsten haben das Zappelphilipp-Syndrom – und schlucken immer mehr Psychopharmaka.

Besuche von Freunden mit kleinen Kindern sind oft eine Freude – und nicht selten die Hölle.

Die süßen blondgelockten Mädchen und die schnuckeligen stupsnasigen Jungs mutieren in kurzer Zeit zu kleinen Monstern, die die Bude auf den Kopf stellen.

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Bringen Sie das Thema Kinderbesuche auf die Tagesordnung, sollte Ihnen beim Mittagessen mit den Kolleginnen und Kollegen einmal das Thema ausgehen! Garantiert entzündet sich eine lebhafte Diskussion. Dabei können Sie gleich noch das Thema Haftpflichtversicherungen mit debattieren, denn nicht selten enden die Besuche als Versicherungsfall.

So erzählte eine Kollegin gerade, dass sechs Besucher-Kids im neu gekauften Haus die frisch tapezierte Dachschräge mit Hilfe unterschiedlicher Staubsauger-Aufsätze durchlöchert hatten, während die Eltern entspannt im Wohnzimmer beim Kaffee saßen.

Gibt es wirklich so viele Kinder mit ADHS?

Geschichten von angemalten Klaviertasten, aufgeschlitzten Designer-Sofas und zerkratzten Autotüren gibt es en masse.

Das wäre für sich genommen zwar bedauerlich, aber noch unbedenklich.

Bedenklich jedoch ist, dass die Rechtfertigungen der Eltern inzwischen immer wieder in eine Richtung gehen: Die süßen Kleinen leiden inzwischen massenhaft unter dem Zappelphilipp-Syndrom, im Fachjargon AD(H)S genannt, die sogenannte Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitäts-Störung.

1,5 Millionen Packungen zur Behandlung von AD(H)S gingen im letzten Jahr über den Apothekentresen. Das sind 31 Prozent mehr als noch vor drei Jahren. Statistisch gesehen hat jedes zehnte Kind in Deutschland im letzten Jahr ein solches Präparat verordnet bekommen.

Gibt es wirklich so viele Kinder mit ADHS? Oder greifen Ärzte und Eltern heute leichtfertiger zu den Psychopillen für die kleinen als noch vor Jahren? Und ist ADHS nicht auch oft die bequeme Erklärung für anstrengende Kinder, die von ihren überforderten Eltern nicht erzogen werden?

ADHS wird zunehmend mehr als Erkrankung denn als asoziales Verhalten verstanden

Experten schätzen, dass zwei bis sechs Prozent der Kinder und Jugendlichen von ADHS betroffen sind, Jungen deutlich häufiger als Mädchen.

Dabei wird ADHS zunehmend mehr als Erkrankung denn als asoziales Verhalten verstanden. Die Übergänge von gesund zu krank sind jedoch fließend. Vielen Kindern fällt es schwer, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Sie sind zappelig, entdecken ständig neue Dinge, die ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, sind mal Himmel-hoch-jauchzend, mal zu Tode betrübt.

Der Fachwelt gibt der Zappelphilipp Rätsel auf.

Wie genau die medizinischen und sozialen Zusammenhänge sind, ist unklar.

Klar ist offenbar nur, dass es viele verschiedene Gründe für den rasanten Anstieg beim Verbrauch der Psychopillen gibt. Veränderte Familienstrukturen, Bewegungsarmut, Medienkonsum en masse – all dies wird (mit) verantwortlich gemacht für die Verhaltensstörungen der Kinder.

Zahlreiche Buchautoren von aktuellen Erziehungsratgebern geben auch Eltern eine Mitschuld. Sie erzögen ihre Kinder nicht mehr richtig, so die Erklärung, setzten zu wenig Grenzen, ließen zu, dass die Kinder sich zu Tyrannen entwickelten. Kommen Väter und Mütter dann nicht mehr mit den kleinen Querulanten klar, werden sie zum Psychiater geschickt, der es dann richten soll, notfalls auch mit Pillen.

Eltern betroffener Kinder fühlen sich durch solche Aussagen oft angegriffen. 

Andererseits kennt vermutlich jeder von uns Väter und Mütter von ärztlich attestierten "ADHS-Kandidaten" oder "an der Grenze zu"-Kandidaten, bei denen wir jedoch den Verdacht hegen, die Bälger würden einfach nicht richtig erzogen. Freundschaften zwischen Eltern gehen über derartige Debatten zu Hauf in die Brüche, kaum ein Thema im Bereich Kinderkrankheiten wird ähnlich kontrovers diskutiert.

Höchste Zeit also, dass die Debatte versachlicht wird. Dazu sind mehr evidenzbasierte Informationen nötig.

Erste Ergebnisse eines Forschungsprojektes des Bundesgesundheitsministeriums sind aber erst Ende 2010 zu erwarten. In der Zwischenzeit finden Betroffene Infos beim ADHS-Netzwerk. 

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