Neulich…beim Kieser-Training: Selbstversuch als Selbstzweck

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Kolumne

Es kommt ja immer etwas seltsam daher, wenn jemand quasi über sich selbst eine Studie verfasst – so nach dem Motto: Ich beweise Euch jetzt, dass ich Recht habe. Andererseits soll man Studien sowieso nicht trauen, es sei denn, man hat sie selbst gefälscht.

Insofern ist es wahrscheinlich egal, ob Werner Kieser oder das Institut XY jetzt „vor den Augen der Öffentlichkeit“ den Beweis antreten wollen: „Kieser Training wirkt!“ 500 Frauen und Männer ab 18 Jahren werden gesucht, die sich ein halbes Jahr lang am Aufbau ihrer Rückenmuskeln versuchen. Kostenlos, aber dafür mit regelmäßiger wissenschaftlicher Begleitung – Schwänzen geht also nicht. (Interessenten können sich bei Kieser bewerben.) Eine Art Dschungelcamp für abgeschlaffte Büromenschen.

Denn vor allem diese Spezie Mensch ist es, die man in den Kieser-Studios trifft. Wer hofft, einen Blick auf durchtrainierte Männeroberarme oder Waschrettbäuche werfen zu können, wird enttäuscht. Hier sind alle genauso haltungsgeschädigt wie man selbst, aber immerhin gibt es weder Tätowierungen noch Goldkettchen oder gar kahlrasierte Glatzköpfe. Auch in ihrer Schlichtheit sollen die Kieser-Studios offenbar dem Geschmack einer bestimmten Klientel entsprechen: Parkettboden, weiß gespachtelte Wände, Fabrik-Loft-Ambiente. Zu lesen gibt es die FAZ und eine Lokalzeitung. Bei Kieser verzichtet man bewusst auf Saftbar und Sauna, und selbst die Duschen sind so schlicht, dass sie erst gar nicht zum gemütlichen Trödeln unter heißem Wasser einladen.

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Hier geht es schließlich nicht um Wellness oder Aussehen, sondern um ein medizinisches Programm. Dass machen die Trainer auch jedem deutlich, der etwa nach einer einzigen klitzekleinen Übung um der Schönheit willen verlangt. Ein paar Bauchmuskeln oder straffe Oberschenkel für die Bikinifigur im nächsten Sommer…. „Hier geht es darum, die Rückenmuskeln zu stärken und die Wirbelsäule zu entlasten“, belehrt der Trainer in diesem stets freundlichen, aber irgendwie autoritären Ton, den sie bei Kieser alle verinnerlicht haben. In diesem Ton sind auch die Briefe gehalten. Sie werden den Trainingsmuffeln nach Hause geschickt, die glauben, sie könnten sich  eine kleine Auszeit gönnen. Eine Mischung aus Mahnung und besorgter Nachfrage, ob alles in Ordnung sei. Und so schnallt man sich wieder schuldbewusst, mindestens zwei Mal pro Woche bitte, auf die Geräte, die je nach Übung an Zahnarztsessel, Gynäkologen-Stühle oder Weltraumschiff-Sitze erinnern.

Gut möglich, dass allein schon dieses Gefühl, für irgendetwas muss die Quälerei ja gut sein, dem Rücken hilft. Tatsache ist: Die meisten Menschen berichten, es ginge ihnen besser, seit sie „Kieser machen“. Eine Spontanumfrage in Redaktion und Bekanntenkreis stützt diese These. Und Herr Kieser sowieso, der in der Ankündigung seines Selbstversuches eine frühere Studie der Uni Ulm zitiert: 80 Prozent der von Rückenschmerzen geplagten Teilnehmer des Krafttrainings waren nach zwei bis drei Monaten schmerzfrei.

Eigentlich ist hiermit doch alles gesagt und wunderbar. Wieso braucht es dann noch diesen Selbstversuch, dessen Ergebnis mehr als erwartbar ist? Oder möchte Herr Kieser nebenbei noch ein bisschen Werbung dafür machen, dass ein „volkswirtschaftlicher Gesamtschaden von jährlich fast 50 Milliarden Euro“ verhindert werden könnte, wenn nur alle regelmäßig ins Kieser-Training gehen würden? Am besten auf Rechnung der Krankenkasse? Oder des Arbeitgebers? Etwa 18 Milliarden Euro pro Jahr würde das bei 40 Millionen Erwerbstätigen kosten. Peanuts in Zeiten der Finanzkrise.

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