Neulich…beim Kita-English: "Sägebein" für 30 Euro im Monat

kolumneNeulich…beim Kita-English: "Sägebein" für 30 Euro im Monat

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Kolumne

Vorsicht! Derzeit trifft man auf Partys wieder auf aufgeregte Eltern, die sich die Köpfe heiß reden über die Wahl der richtigen Schule für ihre Sprösslinge. Drehen Sie schnell ab, falls Sie ein Freund des simplen Menschenverstandes sind.

Fremdsprachenlernen an der Grundschule bringt nichts - diese miese Nachricht überbringt uns soeben der Deutsche Philologenverband. Die meisten Lehrer seien dafür nicht richtig ausgebildet, zudem sei mangels Standards völlig beliebig, was gelehrt werde und ein bis zwei Wochenstunden wären ohnehin für die Katz, schreibt der Lehrerverband.

Den Verdacht, dass an "Early English" etwas faul ist, hatte ich - ehrlich gesagt - schon seit längerem. Mein Sohn, den ich pflichtbewusst ins Kita-Englisch schickte, antwortete auf meine neugierige Frage "Was habt Ihr denn gelernt?" Immer wieder mit einem einzigen Wort:"Sägebein". Auch nach drei Monaten blieb der kleine Knirps bei seiner Aussage, ja, heute habe er wieder "Sägebein" gelernt. Für mehr als 30 Euro im Monat immer nur "Sägebein" kam mir zwar merkwürdig vor. Doch da ich nicht verantwortlich dafür sein wollte, dass bei meinem Kind die für Fremdsprachen zuständigen Synapsen-Verknüpfungen nicht stattfinden, zahlte ich pflichtschuldig weiter und gab mich mit dem mageren Ergebnis zufrieden.

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Das Rätsel um "Sägebein" sollte sich erst aufklären, als wir eines Tages auf der Rückfahrt von der Kita in einen Song im Radio hörten und mein fünfjähriger Spross von der Rückbank brülle: "Mama, mach' lauter, die singen da Sägebein." Ich fummelte am Radio und hörte folgenden Refrain: "Now it's time to say goodbye". Glücklich darüber, dass mein Söhnchen immerhin ein englisches Lied als solches erkannte, ließ ich Early-English und dem dazu gehörigen Dauerauftrag seinen freien Lauf.

Sinnloser Englisch-Unterricht für Knirpse

Doch man ahnt, welche Dabatten die desillusionierende Meldung vom sinnlosen Englisch-Unterricht für die Kleinen bei übereifrigen Müttern und Vätern von Kindern im Vorschul- oder Grundschulalter auslösen wird. Ohnehin sollte man Partys tunlichst meiden, wo man Eltern von fünf- oder sechsjährigen treffen könnte. Denn die haben derzeit, wo die Schulanmeldungen laufen, meist nur ein Thema: Wie sie es schaffen, ihren tendenziell hochbegabten Söhnen und Töchtern in der globalisierten Welt die allerbesten Startchancen zu bieten, die Wohlstand, Karriere und ein nützliches Netzwerk garantieren. Chinesisch, Englisch, Gruppenarbeit auf höchstem Niveau in kleinen Klassen, dazu naturwissenschaftliche Experimentierkurse, Konfliktmanagement, Klavierunterricht - und das alles von der ersten Klasse an, am besten bilingual, mit Ganztagsbetreuung sind das mindeste, was Eltern ihren sechsjährigen Sprösslingen heutzutage bieten wollen.

Aber wohin mit den Kindern?

In die nächstgelegene zuständige Grundschule? Unmöglich eigentlich, schwindet doch das Vertrauen in das deutsche Schulsystem mit jeder Horrormeldung aus staatlichen Klassenzimmern, wo aggressive Kinder in maroden Gebäuden auf überforderte Lehrer treffen, die mit ihrem einschläfernden Frontalunterricht jegliche Begeisterungsfähigkeit und Wissbegierde der Kleinen abwürgen. Dann doch lieber eine der vielen Privatschulen, denen die Eltern zur Zeit in Scharen zulaufen? Waldorf oder besser Montessori? Klassisch konfessionell oder besser international und bilingual?

Wer da als Eltern zugibt, keine Ahnung von Montessori und Co. zu haben, steht gleich im Verdacht, das eigen Fleisch und Blut sträflich zu vernachlässigen. Wer zugibt, wegen der kurzen Wege und der Freunde aus der Nachbarschaft schlicht die nächstliegende Grundschule zu wählen muss sich anhören, dass er aus purer Bequemlichkeit die Zukunft der Brut verspielt. Während gleichzeitig jenen Eltern höchste Anerkennung widerfährt, die ihre Kids alltäglich zig Kilometer entfernt in eine neu gegründete private Grundschule mit schillerndem Namen kutschieren (Neue xy, Demokratische xy, Freie xy oder Internationale xy). Die ihre Kinder in Schulen schicken, wo die Farben der Wände "die Geister der Luft und des Wassers geneigt macht" (Feng-Shui), aber das Schulsekretariat stundenlang nicht erreichbar ist.

Die für eine Privatschule schlappe 700 Euro im Monat auf den Tisch legen, damit die Kids mit handverlesenen Kindern aus gutem Hause unterrichtet werden und nicht etwa mit Bälgern aus Hartz IV-Familien, wo aber nicht einmal ein Notbetreuung organisiert wird, wenn die Lehrer vormittags (!!!) auf Fortbildungskurs sind. Oder die - wenn es schon eine staatliche Schule sein soll - zumindest die "Umweltschule" mit Natur- und Klimaschutzprofil samt Umwelttheater anvisieren (dafür den Behörden einen Umzug vorgaukeln und einen Schein-Wohnsitz anmelden), was immer das auch heißen mag.

Locker bleiben!

Der ganz normale Menschenverstand hat es bei den aufgeheizten Debatten aufgeregter Eltern schwer. Und der besagt: Locker bleiben! Keine Hysterie!

Erstens: Wenn die jetzt fünf- oder sechsjährigen Kids in zwölf Jahren ein Lehrstelle suchen, ein Praktikum planen oder sich um einen Studienplatz bewerben, werden sie mit offenen Armen empfangen, ob ihre Synapsen richtig verknüpft sind oder nicht - denn in Zeiten des demographischen Wandels wird es dann nämlich weniger junge Menschen geben, als die Wirtschaft gebrauchen kann.

Zweitens: Dass Englisch mit ein, zwei Wochenstunden in der Grundschule nichts bringt, wissen wir jetzt. Kindern steht in punkto Sprachen später ohnehin noch alles offen, wenn sie einen Schüleraustausch oder ein Auslandssemester einlegen.

Drittens: Wollen wir wirklich, dass unsere Kinder schon mit sechs zu leistungs- und karriereorientierten Strebern werden, deren Terminkalender vollgepackter sind als die mancher Manager und denen keine Zeit mehr fürs Abhängen, für Langeweile oder stundenlanges Spiel bleibt, das in Nutzenkategorien nicht zu fassen ist? Glauben wir im ernst, dass sie das zu selbstbewussten, glücklichen, zufriedenen Erwachsenen macht, mit denen man gerne ein Bier trinken gehen möchte?

Mein Aha-Erlebnis in diesem Zusammenhang hatte ich neulich, als mir eine Kosmetikerin ihren Kummer klagte, während sie mich für eine Moderation ausgerechnet zum Thema Bildungspolitik schminkte. "Wir tun wirklich alles für unsere Tochter", sagte die junge Frau, "bilinguale Schule, Ballet, Reiten, Klavier, aber irgendwie wirkt das Kind bedrückt." "Hmmmm….", brummte ich, da ich meine Wangen nicht bewegen sollte. "Und außerdem weiß sie noch gar nicht, was sie werden will, ist das nicht schrecklich?" fuhr die Dame fort. "Wie alt ist sie denn?", fragte ich. "Zwölf", antwortete die Mutter.

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