Neulich…in der Unfallchirurgie: Von Pontius zu Pilatus

kolumneNeulich…in der Unfallchirurgie: Von Pontius zu Pilatus

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Kolumne

Das Gesundheitssystem ist krank - vor allem alleinstehende, hilflose, ältere Menschen werden häufig Opfer kollektiver Verantwortungslosigkeit. Ein dramatisches Beispiel.

Der Brief, der gestern bei Ulla Schmidt einging, hat es in sich. Er ist höflich im Ton, aber der Inhalt ist eine einzige Anklage. „Sehr verehrte Frau Ministerin Schmidt", beginnt ein angesehener Neurologe aus Göttingen - inzwischen im Ruhestand - seine Zeilen an die Bundesgesundheitsministerin und was er schildert, ist eine Haar sträubende Geschichte: Die Geschichte einer 74-jährigen Frau, die mit Ihrem Leiden von Pontius zu Pilatus geschickt wurde, nur durch die Hilfe des befreundeten Arztes nicht noch Schlimmeres erdulden musste und die in diesen Stunden schwer gehbehindert hilflos in ihrer Wohnung sitzt und immer noch nicht weiß, wie es weiter gehen soll.

Der Fall ist traurig, leider aber exemplarisch. Er zeigt, dass in unserem Gesundheitswesen zu häufig Probleme nicht gelöst, sondern einfach verschoben werden - vor allem dann, wenn es sich um hilflose, alleinstehende ältere Menschen handelt. Die werden gerne einfach weiter gereicht: von der Reha-Klinik zum Hausarzt, von der Kurzzeitpflege in die Notaufnahme, vom Krankenhaus nach Hause, auch wenn sie noch längst nicht gesund sind, dort der Kühlschrank leer ist und niemand da ist, der sich kümmern kann. Keiner fühlt sich verantwortlich für ihr Schicksal, all zu oft herrscht kollektive Verantwortungslosigkeit.

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Das ist nicht nur schrecklich und entwürdigend für die Betroffenen, sondern auch eine Geldverschwendung sondergleichen, da jede beteiligte Stelle sämtliche Leistungen abrechnet, ohne dass der Patient geheilt wird.

Wer das nicht glaubt, der sollte sich den Fall der 74-jährigen Frau aus Göttingen einmal genauer anschauen: Ende des vergangenen Jahres bekommt die alte Dame Probleme. Sie hat immer öfter schwache Beine und ist zunehmend unsicher beim Stehen und Gehen. Ihr Hausarzt überweist sie Anfang November 2008 zum Neurologen, einen Termin soll sie dort aber erst Ende Januar bekommen.

Da ihre Lähmungserscheinungen zunehmen, sorgt der befreundeter Neurologe und Briefeschreiber dafür, dass Frau G. in die Universitätsklinik aufgenommen wird. Verdacht: Spinalkanalstenose, also eine verschleißbedingte Erkrankung der Wirbelsäule mit Verengung des Wirbelsäulenkanals, wodurch das darin liegenden Rückenmarks beziehungsweise die darin verlaufenden Nervenwurzeln verengt werden.

Im Krankenhaus bewahrheitet sich der Verdacht, Frau G. muss dringend operiert werden, noch im Dezember. Weil die Patientin ein bestimmtes Medikament nicht rechtzeitig abgesetzt hat (das gerinnungshemmende Präparat ASS), wird sie am geplanten OP-Tag wieder nach Hause geschickt. Neuer Termin soll der 19. Janaur sein. Doch beim Verlassen der Klinik stürzt die Dame. Hinweise, dass sie alleine lebe, ihr Sohn im Ausland sei und sie zu Hause nicht klar komme, werden ignoriert. Schließlich bringt eine Freundin die Patientin nach Haus. Sie stürzte erneut auf dem Weg zur Wohnung, später auch in der Wohnung.

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