Niedrige Zinsen: Sind die Sparer selbst schuld?

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Niedrige Zinsen: Sind die Sparer selbst schuld?

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Sind die Sparer selbst schuld? Fragen an Carl Christian von Weizsäcker und Stefan Homburg.

von Malte Fischer und Bert Losse

Wer ist dafür verantwortlich dass die Zinsen auch in Deutschland immer weiter sinken – die EZB oder die Sparer selbst? Ein Streitgespräch mit den Ökonomen Carl Christian von Weizsäcker und Stefan Homburg.

Professor von Weizsäcker, für zehnjährige deutsche Staatsanleihen sind die Zinsen unter null gesunken. Viele Experten machen die Europäische Zentralbank (EZB) dafür verantwortlich. Sie hingegen sehen eine globale Sparschwemme als Ursache. Hat sich EZB-Chef Mario Draghi bei Ihnen schon für den Freispruch bedankt?

Weizsäcker: Das muss er gar nicht, und ich glaube, er teilt meine Meinung. Meine These von der Sparschwemme hat ihren Ursprung in der Kapitaltheorie. Weltweit nimmt die Lebenserwartung zu, pro Jahr im Schnitt um zwei Monate. Jedes Jahr, das wir länger leben, erfordert ein halbes Jahr an zusätzlichem Vermögensaufbau. Die Nachfrage des Produktionssektors nach Kapital wächst aber nicht im gleichen Ausmaß. Der Sparwunsch übersteigt also die Möglichkeit, Geld zu über der Inflation liegenden Zinsen, also zu positiven Realzinsen, anzulegen.

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Zu den Personen

  • Carl Christian von Weizsäcker

    Carl Christian von Weizsäcker, 78, ist seit 2004 Senior Research Fellow am Bonner Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern. Er führt die Niedrigzinsen auf die Alterung der Gesellschaft zurück.

  • Stefan Homburg

    Stefan Homburg, 55, ist Professor an der Leibniz Universität Hannover. Für ihn sind die Niedrigzinsen eine Folge der schwachen Kreditnachfrage und der expansiven Geldpolitik der Notenbanken.

Die steigende Lebenserwartung ist nicht neu. Wieso soll das jetzt die Zinsen drücken?

Weizsäcker: Die Alterung drückt die Zinsen seit Langem. Nur wurde dies in der Vergangenheit durch mehrere Faktoren überlagert. Während des Kalten Krieges hat man den Rückgang der Realzinsen auf die Inflation zurückgeführt. Als sich die Länder Osteuropas vom Sozialismus befreiten, gab es dort großen Nachholbedarf bei den Investitionen, was die Zinsen vorübergehend stützte. Erst als sich China in den Neunzigerjahren öffnete und Sparüberschüsse im Westen, vor allem in Amerika, anlegte, wurde die zinssenkende Wirkung der Sparschwemme sichtbar.

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Professor Homburg, Sie halten nichts von der These einer Sparschwemme. Warum?

Homburg: Wäre die Alterung mit einer Sparschwemme verbunden, müssten die Realzinsen ebenfalls im Trend sinken. Langfristig ist das nicht der Fall. Im Schnitt der vergangenen 100 Jahre verharrte der reale Zins bei etwa zwei Prozent. Allerdings gab es in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche Schwankungen. Anfang der Sechzigerjahre lag der Realzins in Deutschland bei etwa drei Prozent. In der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre kletterte er spürbar, danach fiel er auf drei Prozent. Im Anschluss an die Finanzkrise stürzte er auf null Prozent ab. Diese Volatilität spricht gegen eine Sparschwemme.

Was ist dann die Ursache der Niedrigzinsen?

Homburg: Die Finanzkrise hat die Haushalte und Unternehmen gezwungen, ihre Schulden abzubauen. Die schwache Kreditnachfrage drückte die Zinsen nach unten. Die Zentralbanken haben dann mit expansiver Geldpolitik den Abwärtsdruck verstärkt. Man darf die EZB also nicht aus der Verantwortung entlassen, wie es Kollege von Weizsäcker tut.

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Wie lange müssen wir mit den Niedrigzinsen leben?

Weizsäcker: Die Niedrigzinsen dürften ein Dauerphänomen werden. Zum einen steigt die Ersparnis aufgrund der demografischen Entwicklung weiter. Zum anderen bleibt die Nachfrage nach Kapital schwach. Schauen Sie sich die deutschen Unternehmen an! Die brauchen keinen größeren Kapitalstock. Die Digitalisierung und die Share Economy lassen den Bedarf an Maschinen und Anlagen sinken. Bald können vier Personen ein Auto vermutlich genauso effizient nutzen wie heute eine Person. Daher werden die Ersparnisse weiter größer als die Investitionen sein. Das hält die Zinsen unten.

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