Nils Ole Oermann: "Verdiene (und gib), so viel Du kannst!"

Nils Ole Oermann: "Verdiene (und gib), so viel Du kannst!"

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Der Wirtschaftsethiker und Schäuble-Berater Nils Ole Oermann.

von Dieter Schnaas

Der Wirtschaftsethiker und Schäuble-Berater Nils Ole Oermann über den "ehrlichen Kaufmann", den "protestantischen Geist" des Kapitalismus - und über Reichtum, den Martin Luther meinte.

Deutschland feiert 500 Jahre Reformation und das Wirken Martin Luthers. Aus Sicht der Wirtschaft stellt sich die Frage: Ein „christlicher Unternehmer“ sein, „protestantisch verantwortlich handeln“ oder „mit Luther wirtschaften“ – geht das überhaupt?
Den christlichen Unternehmer“ gibt es genauso wenig wie „die christliche Wirtschaftsethik“, aber es gibt im Sinne Luthers viele freie Christenmenschen, die als ihre Berufung gewählt haben, unternehmerisch tätig zu sein und damit nicht nur Verantwortung für ihr eigenes Tun, sondern für ihre Mitarbeiter und Kunden übernehmen. Dabei ist es kein Zufall, dass der heutige Begriff „Beruf“ seine Wurzeln bei Martin Luther hat. Für ihn war der Mensch zum Arbeiten geboren „wie der Vogel zum Fliegen“. Die eigene Berufung, der eigene Beruf wird damit bei Luther immer auch zum Ort der ethischen Bewährung.

Zur Person

  • Nils Ole Oermann

    Univ.-Prof. Nils Ole Oermann, D.Phil. (Oxon) lehrt Ethik mit Schwerpunkt Wirtschaftsethik in Lüneburg und St Gallen. Zudem arbeitet er seit 2002 für und mit Dr. Wolfgang Schäuble, aktuell im Bundesministerium der Finanzen.

Was unterscheidet einen christlichen Unternehmer von einem „ehrbaren Kaufmann“?
Nicht jeder ehrbare Kaufmann ist Christ, aber jeder im Wirtschaftsleben aktive Christ wird sich auch an den hanseatischen Maßstäben des ehrbaren Kaufmanns messen lassen. Mit „ehrbar“ ist nach diesem Ideal weit mehr gemeint, als „ehrlich“. Dass ein Kaufmann ehrlich agiert, verlangt bereits das geltende Zivil- und Strafrecht ganz selbstverständlich von ihm. „Ehrbar“ bedeutet aber das Geradestehen-Können vorm Spiegel, die Bereitschaft, sich dem Urteil seiner Kunden auszusetzen, der Wille, fair zu agieren. Das ist ein durchaus hoher, da tagtäglich zu lebender Anspruch, dem sich Christen wie Nicht-Christen in Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen stellen.

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Von Milton Friedman stammt der schöne Satz: The business of business is business. Das wirft die Frage auf: Warum überhaupt sollen Unternehmen einen moralischen Überschuss produzieren?
BASF oder SAP sind weder „gut“ noch „böse“. Denn aus ethischer Perspektive sind sie als juristische Personen gar nicht moralfähig. Sehr wohl moralfähig und haftbar sind aber die für sie handelnden, natürlichen Personen. Darum gilt für sie alle nicht nur John Donnes „no man is an island“, sondern deren Mitarbeiter leben immer auch in konkreten gesellschaftlichen Zusammenhängen von Wolfsburg bis Untertürkheim. Zudem greifen Unternehmen bei der Ausbildung ihrer Mitarbeiter, bei Infrastruktur und dem öffentlichen Gesundheitssystem bis hinein in das Steuerrecht in besonders hohem Maße auf gesellschaftliche Ressourcen zurück. Und wem viel gegeben ist, von dem wird zurecht viel erwartet. Dabei beschreibt der Begriff „Talent“, der bereits im Neuen Testament vorkommt, im Griechischen eine Gewichtseinheit. Wer im Bereich „Human Resources“ (allein diese Wortwahl lässt aufhorchen!) in den „war for talent“ (McKinsey, 1997) eintritt, der sollte nicht vergessen, dass auch die Krankenschwester, der Lehrer, die Busfahrerin viele dieser Talente erst dahin gebracht haben, wo sie sind und entsprechend viel von ihnen erwarten dürfen.

Friedhelm Wachs "Ich kann mir mein Seelenheil nicht durch Ablass erkaufen"

Der evangelische Unternehmer Friedhelm Wachs über Martin Luthers Geldkritik, Arbeit als Gottesdienst - und die Vereinbarkeit von Kapitalismus und christlicher Liebesbotschaft.

500 Jahre Reformation: Kapitalismus und Christentum heute. Quelle: imago

Hat nicht ausgerechnet der streng bibeltreue Luther darauf beharrt, dass die Liebesbotschaft des Evangeliums sich prinzipiell nicht mit dem Kapitalismus verträgt?
Wo haben Sie das gelesen? In meinem Neuen Testament steht das so pauschal nicht drin. Da steht zwar was von Kamelen und Nadelöhren und reichen Jünglingen, aber da liest man auch das wenig kapitalismuskritische Gleichnis von den anvertrauten Talenten. Wahr ist: Luther selbst geht in seiner Schrift „Von Kaufshandlung und Wucher“ (1524) kritisch mit marktwirtschaftlichen Exzessen seiner Zeit um. Wahr ist aber auch: Luther wusste sehr wohl die Menschen nicht nur so zu sehen, wie sein sollen, sondern wie sie sind. Und dazu gehört eben deren gesellschaftlich unverzichtbares Agieren auf Märkten genauso, wie auch das Betrügen ebendort. Reichtum scheint für Luther wie für die Evangelisten nicht per se ein Problem, sondern dann, wenn er zwischen dem Mensch und Gott beziehungsweise seinem Nächsten steht.

PremiumReformation Luthers Mobilmachung gegen die Macht des Geldes

Für Luther passte das Liebesgebot des Evangeliums nicht zur Geldwirtschaft. Als Fundamentalchrist wetterte er gegen die "Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse" – und schürte Vorbehalte gegen Geld und Unternehmertum.

Teuflisches Kapital: Luthers Mobilmachung gegen die Macht des Geldes und die Ökonomisierung der Lebensverhältnisse. Quelle: Patrick Schuch für WirtschaftsWoche, Playmobil - Geobra Brandstätter Stiftung & Co. KG, Zirndorf

Dennoch: “Höchst geschäftig“ soll ein Christ nicht im Wirtschaftsleben, sondern allein in seiner „Liebe zu den Nächsten“ sein, so Luther…
Der Ahnherr des Methodismus John Wesley brachte diese Dichotomie des Geldverdienens und Dienstes am Nächsten noch einprägsamer auf den Punkt: „Verdiene, so viel die kannst. Spare, so viel Du kannst. Gib, so viel Du kannst.“ Das eine gab es für ihn nicht ohne das andere. Beides schließt einander bei ihm und Luther allerdings dann aus, wenn das Geldverdienen einem den Weg zum Nächsten versperrt.

Gibt es so etwas wie einen „protestantischen Geist“  des Kapitalismus, eine verinnerlichte Arbeitsmoral, die mit Luther – und Calvin – in die Welt kam?
Interessant, dass Sie nicht nach einem „evangelischen“ Geist des Kapitalismus fragen, sondern gleich im Sinne Max Webers nach einem „protestantischen Geist“. Denn in der theologischen Unterscheidung beider Adjektive liegt die Antwort auf Ihre Frage. Seit der protestatio der Fürsten von 1529 auf dem Reichstag zu Speyer bezeichnen sich diejenigen pointiert als „Protestanten“, die ihren christlichen Glauben mitten in der Welt leben wollen – mit allen Konsequenzen. Arbeit und Beruf haben ihren Ort mitten in der Welt. Und Max Weber war es, der Anfang des 20. Jahrhunderts als einer der ersten merkte, dass jene vor allem calvinistisch geprägten Protestanten, die in Holland, Schottland, Südwestdeutschland oder Neuengland ihren Berufen nachgingen, in ihrer kapitalistischen Aktivität besonders erfolgreich waren. Und er registrierte: In ihren Werten und ihrem Glauben kamen sie nicht aus dem Nichts. Also ja, die Wurzeln unseres modernen Kapitalismus sind durchaus protestantisch, wenn auch nicht so exklusiv und monokausal, wie Weber das noch meinte.

Martin-Luther-Quiz Wie lutherfest sind Sie?

Der Reformator hat seine berühmten 95 Thesen in Wittenberg angeschlagen, klar. Aber wissen Sie auch, welchem Mönchsorden er angehörte und wer seine Schriften „verworrenen Quark“ nannte? Testen Sie ihr Allgemeinwissen.

Martin-Luther-Statue. Quelle: Ian Danbury - Fotolia

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