Nobelpreisträger Selten: "Ich vertraue nicht auf die Stimmung der Märkte"

Nobelpreisträger Selten: "Ich vertraue nicht auf die Stimmung der Märkte"

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Reinhard Selten

Der Ökonomie-Nobelpreisträger verrät seine Anlagestrategie - und erklärt, warum er den Euro für ein erfolgreiches Projekt hält.

WirtschaftsWoche: Professor Selten, wo hängt Ihre Nobelpreis-Medaille?

Selten: Die bewahre ich hinter ein paar Aktenordnern im Regal auf. Auch meine Urkunde hängt nicht an der Wand. Ich muss das nicht zur Schau stellen. Schließlich weiß ich, dass ich den Preis bekommen habe.

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Und was haben Sie mit dem Preisgeld von umgerechnet rund 255.000 Euro gemacht?

Ich hatte schon damals das Gefühl, dass die Aktien an den deutschen Börsen über ihrem fundamentalen Wert liegen. Stattdessen habe ich mein Preisgeld in japanische Fonds investiert, die waren damals deutlich unterbewertet. Die meisten Papiere besitze ich sogar noch, ich verkaufe grundsätzlich nur, wenn ein Unternehmen von einem Mehrheitsaktionär übernommen wird. Hin und her macht schließlich Taschen leer. Meine Anlagestrategie ist eher fundamental ausgerichtet, ich vertraue auf volkswirtschaftliche Kenntnisse statt auf die Stimmung der Märkte.

In der Spieltheorie haben Sie den Begriff des Nash-Gleichgewichts verfeinert, bei dem sich jeder Spieler in einer optimalen Lage befindet und für sich keinen Vorteil erzielen kann, indem er einseitig von seiner Strategie abweicht. Die sogenannte Teilspiel-Perfektheit verlangt, dass das Nash-Gleichgewicht nicht nur im Spiel als Ganzem, sondern auch in all seinen Teilen besteht. Lassen sich Ihre Erkenntnisse eigentlich im alltäglichen Leben nutzen?

Ja sicher. Die Spieltheorie lässt sich beispielsweise auf jede Art von Verhandlungssituation anwenden, auch auf politische. Sie schärft den Blick für strategische Interaktion. Dem Verhandelnden fällt es leichter, die erwartete Reaktion seines Gegenspielers sowie daraus resultierende Konsequenzen in seine eigenen Entscheidung einfließen zu lassen. Man muss sich aber darüber im Klaren sein, dass die Spieltheorie die eingeschränkte Rationalität der Menschen nicht ausreichend berücksichtigt.

Zuletzt haben Sie sich viel mit volkswirtschaftlichen Laborexperimenten beschäftigt. Lassen sich Verhandlungssituationen im Labor tatsächlich nachspielen?

Wir sollten uns die experimentelle Wirtschaftsforschung viel stärker zunutze machen. Anhand solcher Experimente lassen sich beispielsweise die Auswirkungen einer Reform schon im Vorhinein bestimmen. So müssten viele unsinnige Gesetze gar nicht erst verabschiedet werden.

In Brüssel verhandeln Europas Politiker seit Monaten über immer neue Rettungspakete für verschuldete Staaten. Könnte die experimentelle Wirtschaftsforschung auch da weiterhelfen?

Ja. Nehmen Sie beispielsweise die verschiedenen Szenarien zur Griechenland-Rettung, die diskutiert wurden. Hier hätte ein Laborversuch für mehr Klarheit sorgen können.

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