NRW-Schulministerin Löhrmann: "Bildungswege öffnen, Bildungsaufstieg erleichtern"

InterviewNRW-Schulministerin Löhrmann: "Bildungswege öffnen, Bildungsaufstieg erleichtern"

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Die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne)

Nordrhein-Westfalen steht am Beginn eines neuen Schuljahres und vor weitreichenden Reformen. Die rot-grüne Landesregierung will durch die umstrittene Einführung der Gemeinschaftsschule für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen und das bevölkerungsreichste Bundesland bildungspolitisch wieder wettbewerbsfähig machen. NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann über die Notwendigkeit von Schulreformen, ein Bundesschulgesetz und weit verbreiteten Standesdünkel.

wiwo.de: Frau Ministerin, im Grunde sind sich Deutschlands Bildungspolitiker doch einig: Die Bildungschancen sollen verbessert werden. Warum sind Reformen dann so schwer umzusetzen?

Sylvia Löhrmann: Weil bei uns das ständische Denken immer noch so fest verankert ist und sich unser Schulsystem seit einem Jahrhundert nicht grundlegend geändert hat. Nur: Wir haben heute nicht mehr die Gesellschaft wie vor hundert Jahren. Ich finde es bedauerlich, dass das nicht mehr Menschen erkennen. Sonst gäbe es nicht heftige Auseinandersetzungen wie in Hamburg. Wir müssen auch die Bildungselite davon überzeugen, dass eine Schule für alle Kinder auch gut für die eigenen leistungsorientierten Kinder ist. So weit sind wir in Deutschland aber offensichtlich noch nicht.

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In Hamburg scheiterte die Reform am Widerstand der Eltern. Muss Ihnen vor Ihrer eigenen Reform nicht bange sein?

Nein, denn wir legen unseren Reformprozess in NRW ganz anders an. Trotz der großen Unzufriedenheit mit dem bestehenden System muss eine Reform wohlüberlegt sein. Wenn Eltern das Gefühl haben, eine Reform kommt zu schnell oder wird ihnen übergestülpt, gibt es Abwehrreflexe. Es kommt also auf das richtige Maß an und darauf, dass man die Menschen mitnimmt. Wir haben zwei große Mängel in unserem Bildungssystem: Der Zugang zu und der Aufstieg durch Bildung hängt zu stark von der sozialen Herkunft und dem Geldbeutel der Eltern ab. Und im internationalen Leistungsvergleich hinken wir hinterher, sowohl in der Breite als auch in der Spitze. Ganz zu schweigen von rund 20 Prozent eines Jahrgangs, die die sogenannte Risikogruppe bilden. Das alles ist Auftrag für Veränderungen, auch aus wirtschafts- und sozialpolitischer Sicht.

Bildungspolitik gilt als Schlüssel, um dem Fachkräftemangel und dem Demografiewandel entgegenzuwirken. Was kann Schulpolitik leisten, um die Probleme in den Griff zu bekommen?

Zunächst einmal gilt: Je mehr Jugendliche wir zu guten Abschlüssen führen, desto besser für die Wirtschaft. Deshalb müssen wir dafür sorgen, die Bildungswege länger zu öffnen und damit Bildungsaufstieg zu erleichtern. Das ist auch die Grundidee der Gemeinschaftsschule in NRW: Sie bietet neben dem Haupt- und Realschulabschluss auch die Option aufs Abitur. Außerdem reagieren wir auf den demografischen Wandel. Viele Schulen, gerade im ländlichen Raum, stehen jetzt schon vor dem Aus, weil nicht genügend Kinder angemeldet werden. Deshalb brauchen wir flexible und pragmatische Konzepte. Genau da setzt unsere Schulreform an. Die Kommunen können selbst entscheiden, ob sie die Gemeinschaftsschule einführen und darin bestehende Bildungsgänge zusammenführen. So wirken wir dem drohenden Schulsterben entgegen. Wir sorgen dafür, dass die Schule im Dorf bleibt.

Schulpolitik als eines der wenigen noch verbliebenen Landesthemen ist immer Gegenstand von Wahlkämpfen. Umfragen zeigen jedoch, dass sich ein Großteil der Eltern für eine bundesweite Lösung ausspricht. Sie selbst befürworten ein Bundesschulgesetz. Wollen Sie sich selbst überflüssig machen?

Nein, mir geht es um einen modernen Föderalismus. Ich habe lediglich dafür geworben, dass die bundesweit einheitlichen Standards, die es ja bereits gibt, für die Öffentlichkeit auch deutlich sichtbarer werden. Leider hat das, was die Kultusministerkonferenz beschließt, in der öffentlichen Wahrnehmung meist nicht den gleichen Stellenwert wie ein Bundesgesetz. Nur darum geht es mir. Ich bin dagegen, dass der Bund die Schulpolitik von NRW bestimmt. Schulpolitik sollte Ländersache bleiben, auch wenn im Moment die Rufe nach weniger Föderalismus lauter werden. Ich kämpfe dafür, das Kooperationsverbot wieder aufzuheben. Indem er Länder und Kommunen unterstützt, kann der Bund die Gesamtverantwortung des Staates für Bildung stärken. Dafür gibt es ja erfreulicherweise auch die Unterstützung aus Teilen der CDU und der FDP.

Sie sind erst seit gut zwei Monaten im Amt. Was ist für Sie die größte Herausforderung in der Schulpolitik?

Ich glaube, die größte Herausforderung im Schulsystem ist, die guten Ansätze, die es ja gibt, zu systematisieren und weiterzuentwickeln. Wichtig ist, dass unsere Reformen pragmatisch und nachhaltig angelegt sind, damit mehr Kinder und Jugendliche mehr und besser lernen. Dazu müssen wir uns aber auch von ideologischen Debatten verabschieden.

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