Nürburgring: Beschwerde soll Verkauf stoppen

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Der komplette Verkaufsprozess des Nürburgrings könnte kippen.

von Florian Zerfaß

Beim Nürburgring-Verkauf gibt es offenbar einen Favoriten – aber auch zunehmende rechtliche Auseinandersetzungen. Die EU-Kommission muss sich mit einer neuen Beihilfebeschwerde auseinander setzen. Die könnte den kompletten Verkaufsprozess kippen.

Otto Flimm merkt man seine mittlerweile 84 Jahre kaum an, er wirkt munter und agil, ein angenehmer Gesprächspartner vom Typ rheinische Frohnatur, stets für einen Scherz zu haben. Doch wenn es um den Nürburgring geht, versteht der Spirituosenunternehmer und ADAC-Ehrenpräsident aus Brühl bei Köln längst keinen Spaß mehr. „Wir können nicht akzeptieren, dass der Nürburgring durch weitere fatale Fehler seiner Zukunft beraubt wird“, sagt Flimm mit einer Mischung aus Ärger und Kampfeslust in der Stimme.

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Seit Jahrzehnten kämpft Flimm für den Erhalt der Motorsport-Kultstätte, er sammelte Millionen für den Bau des Grand-Prix-Kurses,  auf dem die Formel-1-Rennen stattfinden, oder für die Sicherheit der legendären Nordschleife, der Grünen Hölle. Aktuell stemmen sich Flimm und der von ihm initiierte Verein „Ja zum Nürburgring“ gegen den anstehenden Verkauf des „Rings“, der sich seit seinem Bau 1927 stets im Besitz der öffentlichen Hand befunden hat. Den Verkauf will der Verein jetzt mit einer Beihilfebeschwerde bei der EU-Kommission in Brüssel stoppen.

Das Nürburgring-Desaster

  • Formel 1-Verluste

    Die legendäre Rennstrecke in der Eifel ist für ihre Eigentümer seit Jahren ein Millionengrab. Die Nürburgring GmbH – sie gehört zu 90 Prozent das Land Rheinland-Pfalz und zu zehn Prozent der Landkreis Ahrweiler – ist seit 2006 bilanziell überschuldet und kann sich nur dank immer neuer Landes-Millionen über Wasser halten. Haupt-Verlustbringer ist die Formel 1, die von 2003 bis 2009 ein Loch von 55 Millionen Euro in die Kasse riss. Für das Rennen 2011 kalkuliert das Land mit einem Minus weiteren 13,5 Millionen Euro. Der Landesrechnungshof geht von höheren Kosten aus.

  • Nürburgring 2009

    Um aus den Miesen zu kommen, wollten der damalige Nürburgring-Geschäftsführer Walter Kafitz (SPD) und die damalige SPD-Alleinregierung von Kurt Beck mit dem riesigen Erlebnispark „Nürburgring 2009“ zusätzliche Besucher anlocken. Die Einnahmen sollten die Verluste aus der Formel 1 decken. Der Park besteht aus zwei Bauabschnitten: Die Nürburgring GmbH baute ein Erlebniszentrum mit Rennsportmuseum (Ringwerk), eine Achterbahn, eine überdachte Shoppingmeile (Boulevard) sowie zwei Veranstaltungshallen. Der zweite Abschnitt, entwickelt von Kai Richters Firma Mediinvest, umfasst zwei Hotels mit Personalwohnhaus, einen Ferienpark und das Eifeldorf „Grüne Hölle“, in dem sich eine Disco und diverse Restaurants befinden.

  • Finanzdesaster

    Die Baukosten stiegen von ursprünglich geplanten 215 auf 330 Millionen Euro. Der erste Bauabschnitt sollte zur Hälfte, der zweite komplett privat finanziert werden. Bei der Suche nach Investoren für den ersten Bauabschnitt fielen Land und Nürburgring GmbH auf dubiose Finanzvermittler herein. Die für den zweiten Bauabschnitt zuständige Firma Mediinvest von Kai Richter erhielt 85,5 Millionen Euro von der Rheinland-Pfälzische Gesellschaft für Immobilien und Projektmanagement mbH (RIM). Die ist eine hundertprozentige Tochter der Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz (ISB), welche wiederum zu hundert Prozent dem Land gehört. Die MSR wurde später mitsamt der Gebäude von Landesgesellschaften übernommen.

  • Privatisierungsdebakel

    Ab Mai 2010 vergab die Nürburgring GmbH den Betrieb des kompletten Parks inklusive der Rennstrecken an die private Nürburgring Automotive GmbH (NAG), die je zur Hälfte Kai Richters Mediinvest und der Düsseldorfer Lindner-Hotelgruppe gehört. Im Februar 2012 kündigte das Land den Betreibern wegen ausstehender Pachtzahlungen. Die NAG geht juristisch gegen die Kündigung vor. Nach ihrer Sicht der Dinge schuldet das Land den Betreibern noch Geld, diese Forderungen habe man mit der Pacht verrechnet. Streit gibt es um die von den Betreibern angekündigte Entlassung von einem Viertel der Belegschaft. Die EU-Kommission prüft nach mehreren Beschwerden von Konkurrenten, ob das Land bei der Verpachtung an die NAG gegen Vergaberecht verstoßen hat.

  • Investitionsruine

    Die erhofften Besuchermassen bleiben aus. Die als schnellste der Welt geplante Achterbahn funktioniert bis heute nicht. In der „Grünen Hölle“ ist von Oktober bis März nur ein einziges Restaurant durchgängig geöffnet, der Rest ist die meiste Zeit dicht. Das Land wirft den Betreibern zudem vor, die Gebäude vernachlässigt zu haben. In mehreren Restaurants ist Schimmel aufgetreten. Der Landesrechnungshof schätzt den zusätzlichen Investitionsbedarf des Landes in den nächsten 20 Jahren auf bis zu 420 Millionen Euro.

  • Aufarbeitung

    Wegen ihrer Rolle bei der gescheiterten Privatfinanzierung hat die Staatsanwaltschaft Koblenz im Februar 2012 Anklage wegen Untreue gegen den ehemaligen rheinland-pfälzischen Finanzminister Ingolf Deubel (SPD) erhoben. Auch der frühere Nürburgring-Hauptgeschäftsführer Walter Kafitz und zwei weitere ehemalige Manager der Nürburgring GmbH wurden wegen Untreue angeklagt. Der frühere ISB-Chef und ein RIM-Manager wurden wegen Beihilfe zur Untreue angeklagt. Die Ermittlungen wegen des Verdachts der Untreue gegen Kai Richter dauern an.

     

Capricorn aktuell offenbar Favorit

50 Seiten umfasst der Schriftsatz, der der WirtschaftsWoche vorliegt. Ein Sprecher von EU-Wettbewerbskommissar Joaquin Almunia bestätigte den Eingang der Beschwerde. Die Forderungen haben Sprengpotenzial. „Wir haben keinen anderen Weg gesehen als zu verlangen, dass der Verkaufsprozess komplett neu konzipiert werden muss“, sagt Flimm, „da ist zu viel Geheimniskrämerei und Schönfärberei drin. Hier muss mehr Ehrlichkeit rein.“

Wer der künftige Eigentümer sein soll, ist noch einigermaßen nebulös. Im Dezember lief die Frist für die Abgabe verbindlicher Angebote ab, wie viele tatsächlich eingegangen sind, haben die Insolvenzverwalter bisher noch nicht mitgeteilt. Nach WirtschaftsWoche-Informationen soll der Düsseldorfer Automobil- und Motorsportzulieferer Capricorn aktuell mit einem Angebot von etwa 50 Millionen Euro der Favorit sein. Am Montag vergangener Woche stellte sich eine Capricorn-Abordnung am Nürburgring bereits Führungskräften vor und führte Gespräche mit Mitarbeitern. Die Insolvenzverwalter lehnten auf Nachfragen dazu einen Kommentar ab.

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