exklusivNürburgring: Not am Ring

von Florian Zerfaß

Der Nürburgring-Verkauf droht zum Fiasko zu werden: Das vermeintliche Angebot von Bernie Ecclestone gibt es offensichtlich nicht, die Insolvenzverwalter suchen händeringend nach einem Käufer für die Rennstrecken samt angeschlossenem Pleite-Freizeitpark. Auch der Zeitplan dürfte kaum zu halten sein.

Der Zampano sorgte mal wieder für Wirbel. Vor drei Wochen verkündete Bernie Ecclestone in einem Interview mit WirtschaftsWoche und Handelsblatt, dass er für den Nürburgring geboten habe. „Wir haben ein Angebot gemacht, und nun warten wir, ob es akzeptiert wird“, sagte der damalige Formel-1-Chefvermarkter und löste ein Presseecho von Finnland bis Venezuela aus. Einen Tag später ließ das Landgericht München die Anklage gegen Ecclestone wegen angeblicher Bestechung zu, der Brite wurde formal von der Formel-1-Spitze abgezogen, leitet nur noch das Tagesgeschäft. Das Angebot für den Nürburgring? Scheinbar nicht mehr als ein PR-Coup.

In Nürburgring-Kreisen heißt es, dass Ecclestone nicht zum engeren Kreis der Bieter gehörte, die im Datenraum Zugriff auf vertrauliche Geschäftsunterlagen hatten. Er soll auch kein verbindliches Angebot abgegeben haben, sondern allenfalls in einer früheren Phase des Verkaufsprozesses ein unverbindliches. Je mehr der Staub sich legt, desto klarer wird die Sicht darauf, wie trist die Realität in der Eifel tatsächlich ist, wie groß die Not von Insolvenz-Sachwalter Jens Lieser (Koblenz) und Sanierungsgeschäftsführer Thomas Schmidt (Trier). Nicht nur, dass Ecclestone offensichtlich gar nicht zu den ernsthaften Kaufkandidaten gehört, nein, auch das sonstige Interesse hält sich in engen Grenzen.  Beim Ablauf der ursprünglichen Bietfrist im Dezember lag kein einziges substantiiertes Angebot vor, wie Lieser in einem Schreiben an die WirtschaftsWoche erstmals öffentlich eingesteht.

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„Keine zuschlagsfähigen Angebote“

Der 11. Dezember des vergangenen Jahres war das Datum, an dem das Insolvenzverwalter-Duo ursprünglich die verbindlichen Angebote für die Rennstrecken samt angeschlossenem Pleite-Freizeitpark sehen wollte. Das sei keine ausschließende Frist, teilt Lieser mit, Interessenten könnten jederzeit auch nach Ablauf noch verbindliche Angebote einreichen. Doch was auf den ersten Blick  großzügig aussieht, war tatsächlich eher die letzte Ausfahrt, mehr blanke Not als Generosität. „Da viele Details für Interessenten noch zu klären sind und wir keine zuschlagsfähigen Angebote bis zum 11. Dezember 2013 vorliegen hatten, haben wir die Frist entsprechend bis Mitte Februar 2014 verlängert“, schreibt Lieser.

Das Nürburgring-Desaster

  • Formel 1-Verluste

    Die legendäre Rennstrecke in der Eifel ist für ihre Eigentümer seit Jahren ein Millionengrab. Die Nürburgring GmbH – sie gehört zu 90 Prozent das Land Rheinland-Pfalz und zu zehn Prozent der Landkreis Ahrweiler – ist seit 2006 bilanziell überschuldet und kann sich nur dank immer neuer Landes-Millionen über Wasser halten. Haupt-Verlustbringer ist die Formel 1, die von 2003 bis 2009 ein Loch von 55 Millionen Euro in die Kasse riss. Für das Rennen 2011 kalkuliert das Land mit einem Minus weiteren 13,5 Millionen Euro. Der Landesrechnungshof geht von höheren Kosten aus.

  • Nürburgring 2009

    Um aus den Miesen zu kommen, wollten der damalige Nürburgring-Geschäftsführer Walter Kafitz (SPD) und die damalige SPD-Alleinregierung von Kurt Beck mit dem riesigen Erlebnispark „Nürburgring 2009“ zusätzliche Besucher anlocken. Die Einnahmen sollten die Verluste aus der Formel 1 decken. Der Park besteht aus zwei Bauabschnitten: Die Nürburgring GmbH baute ein Erlebniszentrum mit Rennsportmuseum (Ringwerk), eine Achterbahn, eine überdachte Shoppingmeile (Boulevard) sowie zwei Veranstaltungshallen. Der zweite Abschnitt, entwickelt von Kai Richters Firma Mediinvest, umfasst zwei Hotels mit Personalwohnhaus, einen Ferienpark und das Eifeldorf „Grüne Hölle“, in dem sich eine Disco und diverse Restaurants befinden.

  • Finanzdesaster

    Die Baukosten stiegen von ursprünglich geplanten 215 auf 330 Millionen Euro. Der erste Bauabschnitt sollte zur Hälfte, der zweite komplett privat finanziert werden. Bei der Suche nach Investoren für den ersten Bauabschnitt fielen Land und Nürburgring GmbH auf dubiose Finanzvermittler herein. Die für den zweiten Bauabschnitt zuständige Firma Mediinvest von Kai Richter erhielt 85,5 Millionen Euro von der Rheinland-Pfälzische Gesellschaft für Immobilien und Projektmanagement mbH (RIM). Die ist eine hundertprozentige Tochter der Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz (ISB), welche wiederum zu hundert Prozent dem Land gehört. Die MSR wurde später mitsamt der Gebäude von Landesgesellschaften übernommen.

  • Privatisierungsdebakel

    Ab Mai 2010 vergab die Nürburgring GmbH den Betrieb des kompletten Parks inklusive der Rennstrecken an die private Nürburgring Automotive GmbH (NAG), die je zur Hälfte Kai Richters Mediinvest und der Düsseldorfer Lindner-Hotelgruppe gehört. Im Februar 2012 kündigte das Land den Betreibern wegen ausstehender Pachtzahlungen. Die NAG geht juristisch gegen die Kündigung vor. Nach ihrer Sicht der Dinge schuldet das Land den Betreibern noch Geld, diese Forderungen habe man mit der Pacht verrechnet. Streit gibt es um die von den Betreibern angekündigte Entlassung von einem Viertel der Belegschaft. Die EU-Kommission prüft nach mehreren Beschwerden von Konkurrenten, ob das Land bei der Verpachtung an die NAG gegen Vergaberecht verstoßen hat.

  • Investitionsruine

    Die erhofften Besuchermassen bleiben aus. Die als schnellste der Welt geplante Achterbahn funktioniert bis heute nicht. In der „Grünen Hölle“ ist von Oktober bis März nur ein einziges Restaurant durchgängig geöffnet, der Rest ist die meiste Zeit dicht. Das Land wirft den Betreibern zudem vor, die Gebäude vernachlässigt zu haben. In mehreren Restaurants ist Schimmel aufgetreten. Der Landesrechnungshof schätzt den zusätzlichen Investitionsbedarf des Landes in den nächsten 20 Jahren auf bis zu 420 Millionen Euro.

  • Aufarbeitung

    Wegen ihrer Rolle bei der gescheiterten Privatfinanzierung hat die Staatsanwaltschaft Koblenz im Februar 2012 Anklage wegen Untreue gegen den ehemaligen rheinland-pfälzischen Finanzminister Ingolf Deubel (SPD) erhoben. Auch der frühere Nürburgring-Hauptgeschäftsführer Walter Kafitz und zwei weitere ehemalige Manager der Nürburgring GmbH wurden wegen Untreue angeklagt. Der frühere ISB-Chef und ein RIM-Manager wurden wegen Beihilfe zur Untreue angeklagt. Die Ermittlungen wegen des Verdachts der Untreue gegen Kai Richter dauern an.

     

Nur zwei Bieter sollen nach Informationen der WirtschaftsWoche zum Stichtag im Dezember überhaupt ein Angebot vorgelegt haben:  Der Düsseldorfer Automobil- und Motorsportzulieferer Capricorn sowie der Finanzinvestor HIG Capital mit Hauptsitz in Atlanta, Europazentrale in London und Deutschland-Büro in Hamburg. Capricorn soll rund 50 Millionen Euro für den Komplex geboten haben, HIG rund 90 Millionen – allerdings mit Klauseln, nach denen die volle Kaufpreisfälligkeit vom Erreichen bestimmter wirtschaftlicher Ziele abhängt. Weder die Insolvenzverwalter noch die potenziellen Käufer HIG oder Capricorn äußerten sich auf Nachfrage dazu.

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