Öko-Pionier Friedrich Schmidt-Bleek: "Grüne Lügen" - Abrechnung mit den Klimarettern
Hybridautos sind alles andere als "Grün", sagt der Umweltexperte Friedrich-Schmidt-Bleek.
Foto: Marcel Stahn, imago/imagebrokerWirtschaftsWoche Online: Herr Schmidt-Bleek, ihr aktuelles Buch trägt den Titel „Grüne Lügen“. Darin liest man Sätze zum Thema Klimaschutz wie „Schluss mit der Volksverdummung“ oder „Es handelt sich um Augenwischerei“. Haben Sie sich in Rage geschrieben – oder regt Sie die deutsche Politik wirklich derart auf?
Friedrich Schmidt-Bleek: Es gibt Entwicklungen in der Politik, die mir Sorgen bereiten und die mich tatsächlich wütend machen und empören. Ich beschäftige mich seit Jahrzehnten mit dem Umweltschutz und kann wirklich nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn ich sehe, wie Politik und Industrie auf den Klimawandel reagieren. Um nicht falsch verstanden zu werden: Der Klimawandel ist real und eine der ganz großen ökologischen Gefahren, die wir heute kennen. Wir müssen dringend umdenken, um den Planeten zu retten. Die Rezepte, die die Bundesregierung und die Wirtschaft vorschlagen – von der Energiewende bis zu Hybridautos – taugen allerdings nicht dafür. Das sind Rezepte, die die Umwelt noch kränker machen. Sie bekämpfen das Fieber der Erde mit Maßnahmen am Ende des Auspuffs, ohne sich um die Ursachen des Fiebers zu kümmern.
Was haben Sie gegen die Energiewende, die weg von CO2-schädlichen Emissionen will und sauberen Strom unterstützt?
Sie ist ein Beispiel für das, wovon wir eben gesprochen haben. Immerzu ist von Kohlenstoffdioxidemissionen die Rede. CO2 ist aber nur ein Teilaspekt des Klimaproblems. Wenn man die öffentliche Diskussion verfolgt, könnte man tatsächlich glauben, es reiche der CO2-Fußabdruck eines Produkts oder von Strom, um festzustellen, wie ökologisch ein Gerät, eine Anlage, ja ganze Städte sind. Dem ist nicht so. Beim Klimaschutz gibt es gleich mehrere schädliche Gase, denken Sie an Methanemission von über einer Milliarde Kühen für den Fleischgenuss oder die Lachgas-Emissionen aus der Landwirtschaft. CO2 ist also nur ein Aspekt von vielen. Viel wichtiger aber: Den Kohlenstoffdioxidausstoß zu verringern, ist ein Herumdoktern an den Symptomen – wir müssen also die Ursachen angehen.
Friedrich Schmidt-Bleek ärgert sich über die Politik der Bundesregierung.
Foto: Dorle Riechert
Was sind die Ursachen – und was hat das mit der Kritik an der Energiewende zu tun?
Das wahre Problem, die Ursünde unserer Wirtschaft sozusagen, ist der ungeheure Verbrauch von natürlichen Ressourcen. In jedem technischen Produkt stecken im Schnitt etwa 30 Kilogramm Natur je Kilogramm Produkt. In elektronischen Geräten ist es oft das Zehnfache. Übrigens wird bei der Produktion auch das Zehnfache an Wasser gebraucht! Die meisten unserer Güter sind also extrem materialintensiv.
Wir verbrauchen Öl, Gas, Kupfer oder Seltene Erden, aber auch Holz und Sand, in hohem Maße. Die ökologischen Folgen sind gigantisch. So wie der Abbau von Sand das Meer und die Meeresstrände aus dem Gleichgewicht bringt, stört das Abholzen von Wäldern das Ökosystem. Die Ausbreitung von Wüsten, Artenverknappung und Landflächen, die unfruchtbar sind, sind die Folgen. Noch einmal: Ökologische Probleme entstehen nicht nur durch Kohlenstoffdioxid-Emissionen. Viele unserer Umweltprobleme haben mit CO2 nichts zu tun.
… sondern durch den enormen Ressourcenverbrauch.
Exakt. Und jetzt komme ich zur Energiewende. Sie trägt nämlich nicht zur Entschärfung von Umweltproblemen bei, weil sie anstelle der Ursachen nur die Symptome bekämpft. Sie trägt nicht einmal maßgeblich zur Verlangsamung des Klimawandels bei. Und zwar deshalb, weil viele als grün gepriesene Technologien, auch die Solarenergie, einen extrem hohen Materialeinsatz erfordern. Durch ihre Ressourcenintensität sind Photovoltaikpaneele Gift für die Umwelt und in Wahrheit alles andere als grün. Das ist Schwachsinn!
Im internationalen Vergleich gibt es kaum ein zweites Land, das sich derart ambitionierte Ziele zur Umstellung seines Energiesystems gesteckt hat wie Deutschland. Daher existiert auch kein Gesamtkonzept, das als Blaupause für die deutsche Energiewende dienen könnte. Dennoch kann Deutschland von anderen Ländern lernen. Eine Studie von McKinsey im Auftrag von Siemens stellt Beispiele aus verschiedenen Ländern vor und zeigt, was davon in welchem Umfang auch in Deutschland erfolgreich umgesetzt werden könnte. Die Fallbeispiele beziehen sich auf die wesentlichen Elemente der deutschen Energiewende entlang der Energiewertschöpfungskette: Stromerzeugung, Verteilung oder Balancierung von Angebot und Nachfrage sowie Steigerung der Energieeffizienz.
Foto: dpaDänemark, Niederlande, Brasilien - Versteigerung von Windparks
Der Ausbau von Solar und Windkraft wird die Regierung bis 2020 rund 30 Milliarden Euro kosten. Eine Möglichkeit, den Kostenanstieg zu drosseln, wäre eine Anpassung der Förderung, zum Beispiel durch Auktionierung von Windparkprojekten – wie in Brasilien, Dänemark oder den Niederlanden praktiziert. So kann erreicht werden, dass Windparks an windreichen Standorten mit einer geringeren Vergütung auskommen. Würden in Deutschland die infrage kommenden Windparkprojekte in Zukunft versteigert, könnten allein im Jahr 2020 rund 0,7 Milliarden Euro an Förderkosten eingespart werden.
Foto: dpaChina – bessere Nutzung von Abwärme
Abwärme lässt sich bei Temperaturen ab circa 300 Grad Celsius zur Stromerzeugung nutzen. In Deutschland gibt es unter anderem in der Zement- und Glasindustrie weitere Potenziale, die andere Länder beziehungsweise Pilotanlagen in Deutschland bereits nutzen: So wurden in China in den vergangenen zehn Jahren knapp 30 Zementwerke mit entsprechenden Anlagen ausgestattet oder werden aktuell umgerüstet. Durch Nachrüsten der in Deutschland infrage kommenden Werke könnten hier im Jahr 2020 etwa 2 TWh Strom erzeugt und so eine Megatonne CO2 eingespart werden. Die Investitionen würden sich bereits nach rund drei Jahren amortisieren, so die Autoren der Studie.
Foto: REUTERSShanghai – bessere Transformatoren
Jetzt wird es technisch, aber im Grunde simpel. Transformatoren sind für die Stromversorgung unverzichtbar, da elektrische Energie nur mittels Hochspannungsleitungen über weite Entfernungen wirtschaftlich sinnvoll transportiert werden kann; der Betrieb von Elektrogeräten ist aber nur mit Nieder- und Kleinspannung praktikabel und sicher. Transformatoren haben einen magnetischen Kern, meist Eisen, man kann aber auch so genannte amorphe Metalle verwenden. Sie haben bessere magnetische Eigenschaften und senken Übertragungsverluste im Netz. In Shanghai konnten die Leerlaufverluste der ausgetauschten Transformatoren um 80 % reduziert werden konnten. Allein die Ausstattung der in Deutschland bis 2020 neu zu installierenden Transformatoren mit amorphen Kernen könnte die Übertragungsverluste im Stromnetz im Jahr 2020 um 0,2 TWh reduzieren. Dies entspricht der Stromproduktion von circa 65.000 Aufdach-Solaranlagen. Durch die Einsparungen würden sich die erforderlichen Investitionen nach circa elf Jahren amortisieren.
Foto: dpaSchweden – mehr Wärmepumpen
Eine Wärmepumpe entzieht zum Beispiel dem Boden oder der Luft unter Aufwendung mechanischer oder elektrischer Energie thermische Energie und stellt diese zur Raumheizung zur Verfügung. Momentan sind in Schweden bei 9,5 Mio. Einwohnern 1 Mio. Wärmepumpen installiert, gegenüber circa 0,5 Mio. Wärmepumpen in Deutschland bei rund 81 Millionen Einwohnern. Der Ausbau zusätzlicher 0,7 Millionen Wärmepumpen in Deutschland bis 2020 würde zu einer Senkung des Primärenergiebedarfs um 18 PJ und zu einer Senkung der CO2-Emissionen um 0,6 Mt für das Jahr 2020 führen.
Foto: "Tourismusverband Westschweden
Foto: Blumenbüro Holland/dpa/gmsUSA – Stromnachfrage besser steuern
Die Stromerzeugung aus Wind und Sonne schwankt wetterabhängig sehr stark. Das belastet das Netz. Die Schwankungen lassen sich durch eine flexiblere Stromnachfrage ausgleichen. Im Nordosten der USA hat man dazu einen Markt für temporäre Nachfragereduzierung geschaffen. Zu Spitzenzeiten reduzieren Stromkunden ihren Verbrauch freiwillig und erhalten hierfür eine Vergütung. Bei diesem Fallbeispiel wurde die Spitzenlast in einem Markt, der größer als der deutsche ist, um circa 8 % reduziert. Würde Deutschland in ähnlicher Weise allein seine industrielle Nachfrage flexibilisieren, könnten 2020 etwa 0,5 Milliarden Euro eingespart werden. Das entspricht den jährlichen Betriebskosten von zwei großen Kohlekraftwerken.
Foto: APLos Angeles – LED-Straßenbeleuchtung
International hat eine Reihe von Städten den Austausch der klassisch verwendeten Natrium-Hochdrucklampen durch LED s vorangetrieben. In den USA installierte zum Beispiel Los Angeles von 2009 bis 2013 in 146.000 Ampeln und Straßenleuchten mit LED. Mit Investitionen von rund 45 Millionen Euro konnte eine Reduzierung des Stromverbrauchs von rund 60 % erreicht werden.
Foto: PresseÖsterreich – mehr öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV), mehr Elektrobusse
Im Jahr 2009 lag der ÖPNV-Anteil in Berlin bei 29 Prozent, in München bei 26 Prozent. In Wien dagegen liegt der Anteil bei 35 Prozent. Würde man den ÖPNV-Anteil in Berlin, Hamburg, München und Köln analog zu Wien auf 35 Prozent steigern, würde parallel dazu der Pkw-Verkehr zurückgehen. Da der öffentliche Nahverkehr geringere CO2-Emissionen erzeugt als Pkw, würde dies zu einem Rückgang der CO2-Emissionen führen.
Wien pilotiert aktuell außerdem den Einsatz von Elektrobussen. In Deutschland werden die Busflotten momentan nahezu komplett mit Diesel betrieben. Bei einer Erneuerungsrate von 8 Prozent pro Jahr würden bis 2020 mehr als 2.000 Elektrobusse auf deutschen Straßen fahren. Nach dem für 2020 erwarteten Strommix aus grünen und konventionellen Kraftwerken, würde dies zu weniger CO2-Emissionen führen, denn dann würden E-Busse deutlich sauberer fahren als Dieselbusse.
Foto: APChina – Fahrerassistenzsysteme in U-Bahnen
In Deutschland gibt es in vier Städten U-Bahnen, insgesamt sind 1.500 Züge im Einsatz. Sie verbrauchen 0,7 TWh Strom. Fahrerassistenzsysteme können den Verbrauch senken. Sie optimieren den Energieverbrauch von U-Bahn-Zügen durch Steuerung der Türen, der Stopps sowie der Fahrten zwischen den U-Bahnhöfen. In China werden alle neuen U-Bahnen mit Fahrerassistenzsystemen ausgestattet. Gegenüber einer konventionellen U-Bahn-Steuerung verbrauchen die U-Bahnen so 15 % weniger Strom.
Foto: REUTERSMexiko – Abwrackprämie für Haushaltsgeräte
Ein neuer Kühlschrank der aktuell höchsten Effizienzklasse verbraucht 150 kWh pro Jahr und damit circa 30 % weniger als ein durchschnittlicher, zehn Jahre alter Kühlschrank. Mexiko hat 2009 ein Anreizsystem für den Austausch von "Weißer Ware" aufgelegt . Ziel war es, Kühlschränke, die älter als zehn Jahre waren, durch neue Geräte zu ersetzen. Bedingung war, dass die Neugeräte den mexikanischen Effizienzstandard um mindestens 5 % überbieten mussten. Das Anreizsystem bot Barauszahlungen und Subventionen von Finanzierungslösungen sowie zusätzliche Leistungen für den Abtransport und das Recycling der Altgeräte. Im Rahmen des Programms haben seit 2009 1,5 Millionen Haushalte ihre alten Kühlschränke ersetzt. Dadurch konnte die durchschnittliche Stromnachfrage pro Haushalt um 7 % reduziert werden.
Foto: APSpanien – höhere Energieeffizienz
Elektrische Antriebe verbrauchten in der deutschen Industrie im Jahr 2010 etwa 85 TWh Strom. Die Energieeffizienz der derzeit eingesetzten Antriebssysteme könnte verbessert werden. Madrid setzt etwa für die Wasserversorgung drehzahlvariable Pumpen ein, nach zwei Jahren amortisierten sich die Kosten. Im Jahr 2020 könnte der industrielle Stromverbrauch in Deutschland um circa 6 TWh reduziert werden, wenn alle Antriebe ausgetauscht würden, deren Anschaffung sich nach maximal drei Jahren rechnet.
Foto: dpaIn Deutschland wird das Potenzial neuer Antriebe in Industrieanlagen noch nicht ausgeschöpft, so die Studie. Das Umrüsten im laufenden Betrieb sei zum Teil schwierig, in manchen Betrieben gebe es nur wenig Transparenz bezüglich realisierbarer Einsparungen und bei längeren Amortisationszeiten fehlt häufig die Bereitschaft der Entscheider, Kapital zu binden. Hier könnten Ansätze wie das Energiespar-Contracting helfen: Die Investitionen werden von einem Dienstleister finanziert und über die erfolgten Einsparungen beglichen, die zwischen Dienstleister und Besitzer aufgeteilt werden. Ähnliche Ansätze sind auch bei energetischen Gebäudesanierungen möglich und erleichtern dort die Überwindung der Investitionsschwelle.
Foto: dpaKönnen Sie ihre Vorwürfe mit Zahlen unterstreichen?
Christopher Manstein hat 1995 in seiner Diplomarbeit am Wuppertal Institut analysiert, wie viele natürliche Ressourcen bei der Stromerzeugung eingesetzt werden. Das Ergebnis: Kernenergie liegt mit 0,27 Kilogramm Ressourcen je Kilowattstunde produziertem Strom etwa gleichauf mit einem Heizölkraftwerk (0,31 Kilogramm). Steinkohle hat einen etwa doppelt so hohen Wert (0,72 Kilogramm), Braunkohle liegt mit 1,14 Kilogramm natürlichen Ressourcen je Kilowattstunde produzierten Strom vorne – aber noch weiter hinter der Photovoltaik. Hier fallen 1,8 Kilogramm an abgebauten und verbrauchten Rohstoffen je Kilowattstunde produziertem Strom an. Ein trauriger Höchstwert.
Die Zahlen sind von 1995. Inzwischen sind die Solarpaneele doch deutlich effizienter.
Das stimmt. Die Materialeffizienz von Photovoltaik und damit auch die Ökobilanz hat sich seit 1995 um den Faktor drei bis vier verbessert. Aber: Die alten Anlagen laufen noch. Aber lassen wir diesen Gedanken beiseite und gehen wir von den neusten Anlagen aus. Dann haben wir immer noch einen Ressourcenverbrauch, der ähnlich ist wie der von Strom bei der Atomkraft oder bei Gaskraftwerken. Der vermeintliche „Ökostrom“ aus Photovoltaikanlagen ist also selbst beim aktuellen Stand der Technik alles andere als „grün“. Der Begriff ist Augenwischerei oder noch krasser formuliert: Beschiss.
"Grüne Lügen" von Freidrich Schmidt-Bleek. Erschienen im Ludwig-Verlang. ISBN: 978-3-453-28057-1 Preis 19,90 Euro
Foto: PR
Ist der Atomausstieg ein Fehler?
Nein. Wichtig ist die Innovation von Alternativen, von möglichen Energieeinsparungen in unserer Wirtschaft, von Verstromungsanlagen und Produkten, die sehr viel weniger Materialintensiv und möglichst langlebig sind, und die ohne Tausende von Kilometer Hochspannungsleitung funktionieren. Wenn man Höhenwinde, die zwischen 300 und 400 Meter von der Erde zirkulieren, zur Energiegewinnung ausnutzt – etwa mit drachenähnlichen oder windradähnlichen Konstruktionen – könnte man eine hundertfach bessere Ökobilanz vorweisen, als jedes Gaskraftwerk. Das sind riesige Unterschiede. Hier würde es sich lohnen, in die Forschung zu investieren.
Lassen Sie uns über Mobilität sprechen. Sie sind kein Freund von Hybrid- oder E-Autos.
Nein, das bin ich aus guten Gründen nicht. Für die Produktion der neuen Fahrzeuge werden viele neue Ressourcen benötig, insbesondere Kupfer, Lithium und Neodym. Die Gewinnung dieser Materialen bezahlen wir mit einer ganzen Reihe von großen Eingriffen in die Natur. Lithium zum Beispiel wird in bislang weitgehend unberührten Ökosystemen, etwa in den Salzseen in Südamerika und China abgebaut. Die Schäden die insbesondere durch den Bau von Hybrid-Autos in der Natur verursacht werden, sind weit größer als die Entlastung, die durch geringere Emissionen erreicht wurden. Hybrid-Autos sind alles andere als grün.
CO2-Emissionen
Die gute Nachricht vorneweg: Die gesamte Autoindustrie hat in den letzten Jahren viel getan. Seit 2008 ist der CO2-Ausstoß pro produziertem Fahrzeug um 17 Prozent gesunken.
Allerdings beschränkt sich die Betrachtung bei den Autoherstellern eben oft nur auf den CO2-Ausstoß und nicht beispielsweise auf nachhaltige Produktion. Deshalb hat das Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach den ökologischen Fußabdruck von 13 globalen Automobilherstellern seit dem Jahr 2008 analysiert. So überprüft das CAM beispielsweise die Transparenz der Umweltberichterstattung, strategische Umweltziele oder die Entwicklung von umweltschonenden Produktionsmethoden.
Foto: dpaEnergie
Auch beim Gesamtenergieverbrauch hat sich etwas getan: Seit 2008 ist bei den Automobilherstellern der spezifische Gesamtenergiebedarf um 13,9 Prozent gesunken. Dieser liegt nun im Schnitt bei 2,6 Megawattstunde (MWh) je Fahrzeug. 2008 waren es noch 3,0 MWh.
Nicht zuletzt bedingt durch eine hohe Fertigungstiefe weist Daimler mit 3,6 MWh je Auto den höchsten Energiebedarf auf, Nissan mit 2,03 MWh den geringsten. Mit dem höchsten Energiebedarf der Branche verzeichnet Daimler mit 1,02 Tonnen pro Auto auch die höchsten CO2 Emissionen, jedoch konnten die Schwaben seit 2008 diesen Wert bereits überdurchschnittlich um rund 20 Prozent senken.
Foto: dpaAlternative Energien
Dass die CO2 Emissionen etwas stärker zurückgegangen sind als der Energiebedarf ist darauf zurückzuführen, dass einige Hersteller verstärkt auf erneuerbare oder CO2-arme Energieträger setzen. Mit BMW (21,4 Prozent), Renault (13,8 Prozent) und Fiat-Chrysler (6,7 Prozent) weisen zurzeit nur drei von dreizehn untersuchten Unternehmen einen nennenswerten Anteil erneuerbarer Energie (über zwei Prozent) am Gesamtenergiebedarf auf.
Foto: dpaAtomenergie
„CO2-arm“ kann zudem bedeuten, dass die Hersteller beim indirekten Energieträger auf Atomstrom setzen. Dies ist u.a. bei den beiden französischen Herstellern der Fall. So weist PSA mit nur 0,37 Tonnen je Fahrzeug die geringsten spezifischen CO2 Emissionen der Branche auf, benötigt mit 2,34 Megawattstunden je Auto jedoch kaum weniger als der Durchschnitt.
Foto: dapdWasserverbrauch
Des Weiteren hat sich seit 2008 die Menge des benötigten Frischwassers von 5,1 Kubikmeter um zwölf Prozent auf rund 4,5 Kubikmeter je Fahrzeug reduziert. Den geringsten Frischwasserbedarf weist 2012 mit rund 2.100 Litern je Fahrzeug BMW auf, während Mazda 13.300 Liter benötigt.
Foto: dpaLösemittel
Auch bei den Lösemitteln ist der Branchenschnitt deutlich um 16,8 Prozent auf 3,1 kg je Fahrzeug gesunken. Daimler setzt dabei im Bereich der PKW und Vans mit einem Wert von nur 1,37 kg Lösemittel je Fahrzeug den Bestwert. Mit 5,3 kg Lösemitteln je Fahrzeug bildet der Hyundai-Kia Konzern das andere Ende der Skala ab.
Foto: dpaTransparenz
Eine hohe Transparenz und Qualität der produktionsbezogenen Umweltberichte weisen die Hersteller Fiat-Chrysler, Volkswagen, BMW und General Motors auf. Sie liefern nicht nur auf konzernweiter Ebene detaillierte Informationen über alle relevanten Umweltindikatoren mit Fokus auf die Produktion, sondern benennen überwiegend auch für die untersuchten Dimensionen strategische Ziele, an denen sie gemessen werden können.
Foto: dpaMit Daimler gelangt eine weitere deutscher Hersteller zumindest ins obere Mittelfeld: Die Stuttgarter berichten zwar umfangreich über nahezu alle relevanten Umweltindikatoren und schlüsseln diese in einigen Bereichen
auch für die verschiedenen Divisionen des Unternehmens auf. Jedoch fehlen mit Ausnahme der Reduzierung der Treibhausgasemissionen weitere strategische Ziele. Das weitere Mittelfeld bilden Renault, Nissan, PSA und Ford.
Intransparenz
Eine im Konzernvergleich überraschend geringe Transparenz der Umweltberichte im Hinblick auf Produktion weisen die japanischen und koreanischen Hersteller auf. Bei Hyundai-Kia und Mazda fehlen wichtige Umweltangaben als auch strategische Ziele. Aufgrund bislang fehlender Daten für 2012 (Suzuki und Subaru) beziehungsweise fehlender produktionsbezogener Angaben (Mitsubishi) konnten weitere Automobilhersteller nicht berücksichtigt werden.
Foto: REUTERSGroße Defizite zeigt auch der Hybridpionier Toyota: Zwar veröffentlicht der japanische Konzern regelmäßig umfangreiche Nachhaltigkeitsberichte für die verschiedenen Regionen sowie Umwelterklärungen von einzelnen Fabriken, in denen sehr genaue Angaben über viele Umweltkennzahlen enthalten sind. Allerdings fehlen weithin Umweltangaben und strategische Ziele, die konzernweite und globale Gültigkeit haben. So nennt Toyota keine strategischen, quantifizierbaren Ziele und benennt insgesamt nur zwei Indikatoren, die für die globale Produktion gelten.
Foto: dpa
Verstehe ich Sie richtig: Sie sagen, die Herstellung der neuen Fahrzeuge verschlingt so viele Ressourcen, dass die Umweltbelastung höher ist, als würden wir mit 20 Jahre alten Autos herumfahren?
Das ist so. Es werden Techniken mit Milliarden Euro subventioniert, die den CO2-Ausstoß von Autos um 10 bis 20 Prozent verringern. Dafür nimmt man eine Verdoppelung des Ressourcenaufwandes in Kauf. Das ist Unfug.
Was schlagen Sie stattdessen vor?
Es wäre viel besser, alles zu tun, um die Lebenszeit eines Autos zu verdrei- oder vierfachen. Das ist technisch möglich. Flugzeuge leben ja auch hundertfach länger als Autos. Aber für die Wirtschaft ist das natürlich nicht attraktiv. Die Unternehmen und die Werbung trichtern uns ein, es sei gut, sich alle zwei Jahre ein neues Auto zu kaufen. Nein, das ist es nicht! Ich kann verstehen, dass die Industrie so handelt. Kein Verständnis aber habe ich dafür, dass die Politik bei diesem Lügenspiel mitmacht. Erinnern Sie sich an die Abwrackprämie?
Ja, 2009 hat die Große Koalition eine Prämie über 2500 Euro ausgelobt für jedes Auto, das mindestens neun Jahre gefahren wurde und dann verschrottet und durch einen Neuwagen ersetzt wurde.
Diese Abwrackprämie ist ein Paradebeispiel für Politik ohne Sinn und Verstand. Mit Milliarden Steuergeldern wurde die Autoindustrie gepampert. Ich glaube nicht, dass Mercedes, BMW & Co. das nötig haben. Aber wenn man der Meinung ist die Hersteller unterstützen zu müssen, können Politiker das ja machen. Sich dann aber als Bundeskanzlerin mit einem naturwissenschaftlichen Hintergrund oder als Umweltminister – ich rede von Sigmar Gabriel – vor die Presse zu stellen und das als „ökologisches Gesetz“ zu verkaufen, ist dreist. Funktionstüchtige Autos zu verschrotten und den Kauf von Neuwagen, die vielleicht 15 Prozent besser im Treibstoffverbrauch sind, zu unterstützen, ist verrückt! Schizophren und empörend. Ich rede mich in Rage. Entschulden Sie mich.
Kein Problem. Ich finde, Ihre Wortwahl ist absolut im Rahmen und außerdem zeigt es ja, wie sehr Sie dieses Thema beschäftigt.
Ich würde mich wirklich freuen, wenn wir endlich ökologische Politik machen. Aber ich habe kaum noch Hoffnung, dass das unter Bundeskanzlerin Angela Merkel möglich ist. Der Einfluss der Lobby ist offenbar zu groß. Die Industrie ist so stark, dass sie Merkel davon überzeugen konnte, EU-Standards beim Klimaschutz aufzuweichen. Deutschland setzte doch tatsächlich durch, dass Autos vor der Ökoprüfung in Gewichtsklassen eingeteilt wurden. Ein spritschluckender, ressourcenintensiver Geländewagen tritt dann unter seinesgleichen an – und kann ein grünes Label bekommen, während ein Kleinwagen mit niedrigem Verbrauch und CO2-Ausstoß möglicherweise schlechter wegkommt, weil andere Mini-Pkw besser abschneiden. Das ist doch absurd! In meinem neuen Buch zeige ich, wie der PKW-Stadtverkehr mit zehnfach weniger Ressourcen und vergleichbarer Leistung auskommen kann als heute.
Sie fordern die Industrie auf, ressourcenschonender zu produzieren, perspektivisch träumen Sie gar von einer Dienstleistungsgesellschaft, die mit weit weniger neuen Produkten daherkommt. Können wir uns das leisten?
Wenn wir das innerhalb eines halben Jahres versuchen würden, bräche die Wirtschaft zusammen. Das ist doch völlig klar. Ich rede von einem Transformationsprozess, der sicher zehn Jahre dauert. Auch das Auto hat die Droschke nicht in sechs Monaten ersetzt. Ob wir uns das leisten können? Nun, wir haben schlicht keine Option. Wenn wir nicht handeln, ist die Erde in 20 oder 40 Jahren nicht mehr das, worauf heute unsere Wirtschaftskraft und Lebensfreude beruht. Sie wird sehr viel kärglicher sein. Keiner weiß genau, wann. Aber unendlich können wir den Planeten nicht auswringen. Das heißt: Sie können jetzt den US-amerikanischen Weg gehen und sagen: Mir ist die Zukunft völlig egal, entscheidend ist hier und heute. Wir pumpen alles in die Luft, machen Fracking und schauen mal, wie weit das noch geht. Oder aber: Wir steuern um.
John F. Kennedy
In die deutsche Geschichte und die Herzen der Deutschen ging der Präsident ein mit seinem Satz „Ich bin ein Berliner“, gesprochen 26. Juni 1963 vor dem Rathaus Schöneberg, zwei Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer. Die Veröffentlichung seiner Tagebücher über seine Deutschlandreisen 1937, 1939 und 1945 machten kürzlich Furore: "Komme zu dem Schluss, dass der Faschismus das Richtige für Deutschland und Italien ist", notierte er am 3. August 1937. Nach Kriegsende 1945 schrieb er anlässlich der Besichtigung des Obersalzbergs, man könne sich „ohne Weiteres vorstellen, wie Hitler aus dem Hass, der ihn jetzt umgibt, in einigen Jahren als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten hervortreten wird, die je gelebt haben."
Foto: dapdRonald Reagan
In Deutschland war und ist Präsident Reagan längst nicht so beliebt wie Kennedy. Seine Rede von 1987 vor dem Brandenburger Tor wurde erst zwei Jahre später historisch: “Mr. Gorbachev, open this gate. Mr. Gorbachev, Mr. Gorbachev, tear down this wall!” (Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor. Reißen Sie diese Mauer ein!) Bezeichnenderweise gibt es zu der Rede zwar Wikipedia-Einträge auf Dänisch und Chinesisch aber nicht auf Deutsch.
Foto: dpaWoodrow Wilson
Präsident Woodrow Wilson galt nach dem Ersten Weltkrieg, den Amerika unter seiner Führung durch den Kriegseintritt 1917 entschieden hatte, als großer Deutschenhasser. Während der Versailler Konferenz 1919 sagte Wilson zum britischen Premier David Lloyd George gemacht hat: „I have always detested Germany. I have never gone there. But I have read many German books on law. They are so far from our views that they have inspired in me a feeling of aversion.” (Ich habe Deutschland immer verabscheut. Ich bin dort nie gewesen. Aber ich habe viele deutsche Jura-Bücher gelesen. Sie sind so weit von unseren Vorstellungen entfernt, dass sie mich zu einem Gefühl der Ablehnung bewegt haben.)
Foto: GemeinfreiGeorge Soros
Der amerikanische Großinvestor hat sich häufig mit extrem kritischen Aussagen über Deutschland und seine aktuelle Finanzpolitik hervorgetan. "Wenn Deutschland den Euro-Raum verlässt, würde sich das Problem in Luft auflösen", sagte Soros im Oktober 2012 bei einem Treffen von Ökonomen in New York. In dem Falle würde der Euro an Wert verlieren und sich die Zinsen der dramatisch verschuldeten Staaten anpassen.
Foto: REUTERSMark Twain
In Deutschland ist der Schriftsteller nicht nur durch Tom Sawyer und Huckleberry Finn bekannt, sondern auch durch seine vielzitierten Sprüche über Deutschland, das er auf ausgedehnten Reisen kennen und lieben lernte. Berlin sei ein „luminous centre of intelligence“ (ein leuchtendes Zentrum der Intelligenz“ und eine „wonderful city“ (wunderbare Stadt). Besonders bekannt ist sein Kampf mit der deutschen Sprache: „Aufgrund meiner philologischen Studien bin ich überzeugt, dass ein begabter Mensch Englisch (außer Schreibung und Aussprache) in dreißig Stunden, Französisch in dreißig Tagen und Deutsch in dreißig Jahren lernen kann.“
Foto: GemeinfreiAndré Kostolany
Der Börsen-Guru hat vermutlich zu jedem Thema einen unterhaltsamen Sinnspruch fabriziert, so auch zu den Deutschen: „Die Deutschen sind der Tücke des Geldes nicht gewachsen. Das Volk der Romantiker, Philosophen und Musiker ist in Geldangelegenheiten unromantisch und verliert jeden Hang zur Philosophie und besonders zur Phantasie.“
Foto: dpa/dpawebTom Peters
Auch der amerikanische Unternehmensberater und Bestseller-Autor traute sich eine Pauschalaussage zu: „Der Deutsche liebt die Maschine und ist immer noch traurig, dass Henry Ford kein Deutscher war.“
Foto: APArthur Miller
Das Urteil des großen Schriftstellers Arthur Miller, 1992 in einem Spiegel-Interview abgegeben, hatte da schon etwas mehr Tiefgang: „Ich habe die schreckliche Ahnung, dass die Deutschen immer noch nicht herausgefunden haben, wer sie eigentlich sind. Sie definieren sich meistens darüber, was sie nicht sind.“
Foto: APDonald Rumsfeld
Wie so mancher Amerikaner hat auch der frühere US-Verteidigungsminister deutsche Vorfahren. Mit markigen und teilweise abwertenden Sprüchen über die damalige deutsche Regierung hielt er sich dennoch nicht zurück. Auf einer Pressekonferenz am 22. Januar 2003 auf die Kritik der Verbündeten an den Irak-Kriegsplänen angesprochen antwortete er: “You’re thinking of Europe as Germany and France. I don’t. I think that’s old Europe.” (Sie denken bei Europa an Deutschland und Frankreich. Ich nicht. Ich glaube, das ist das alte Europa.)
Foto: dpaDavid Hasselhoff
Der Schauspieler und Sänger ist bekanntlich überzeugt, mit seinem Lied „Looking for dreedom“ den entscheidenden Schlag gegen die Teilung Berlins geführt zu haben. Im März 2013 war er wieder in Berlin und demonstrierte für den Erhalt der „East Side Gallery“, eines der letzten noch stehenden Teilabschnitte der einstigen Mauer: „Dieses letzte Stück Mauer sollte wirklich unantastbar sein”, sagte Hasselhoff bei einer Pressekonferenz.
Foto: dpa
Sie haben gerade gesagt, die US-Amerikaner werden sicher nicht umdenken. Ich behaupte, dass gilt auch für Australiern, Chinesen und Japaner, die allesamt erklären: Wachstum geht vor Klimaschutz. Sind die Europäer nicht die Dummen, wenn Sie plötzlich Vorreiten spielen und ihren Wohlstand gefährden?
Ich bin überzeugt, dass wir mit einer dematerialisierten Technik Wachstum erzeugen können, und zwar Wachstum von Dienstleistungen und Nutzen mit dematerialisierter Technik. Ressourcenschonend zu wirtschaften, heißt nicht, den Wohlstand aufzugeben. Natürlich ist es mühsam, den ersten Schritt zu machen. Die Umstellung in Europa auf eine ökologische dienstleistungsorientierte Wirtschaft kostet Zeit und Geld. Es ist aber die einzige Lebensgarantie, die wir haben. Der Ressourcenverbrauch auf der Welt muss mindestens um den Faktor 10 gesenkt werden. Und zwar schnell.
So lange wir nicht auf unserem heimischen Markt ökologische Produkte einführen, können wir auch nicht den Import der Waren aus dem Ausland beeinflussen. Wenn wir aber einen Markt schaffen, der klare Regeln für die Qualität und Standards von Produkten festlegt, hat das auch Auswirkungen auf die Produktion im Ausland. Die Chinesen etwa würden natürlich alles tun, um unsere Vorgaben zu erfüllen. Sie brauchen Europa als Markt. Möglicherweise könnten sich sogar die Amerikaner bewegen, wenn sie bemerken, vom Rest des Weltmarktes abgekoppelt zu werden.
Wer legt die Standards fest und überprüft sie?
Wir brauchen eine unabhängige Institution, die Kennzeichnungen für die Ressourcenintensität für Güter und Dienstleistungen festlegt, und alle gesetzlichen Vorhaben der Regierung prüft, ob sie einer materiellen Verschlankung der Wirtschaft dienen oder nicht. Natürlich auch für Brüssel. Das fängt bei der Mausefalle an und hört beim Smartphone, dem Auto, und auch dem Windrad nicht auf. Technisch ist das machbar: Es gibt einfache Wege, um die Umweltverträglichkeit von Produkten festzustellen. Das hört sich bürokratischer und komplizierter an, als es ist.
Sie haben gerade die USA und ihr Drängen auf den europäischen Markt erwähnt. Wie bewerten Sie die Verhandlungen Europas mit den Amerikanern über ein Freihandelsabkommen?
Was man erfährt, scheint das eine Katastrophe. Die USA haben in den vergangenen 30 bis 40 Jahren bewiesen, dass sie nur ein Interesse haben: die Stärkung ihrer eigenen Wirtschaft. Sie werden sich nicht an europäische Sozial- und Umweltstandards halten. Wer das anders sieht, ist naiv! Da können die USA in den Verhandlungen noch so oft und freundlich das Gegenteil behaupten. Denken Sie mal an die vorsätzlichen Täuschungen im Zusammenhang mit der NSA-Affäre! Ich habe, als ich noch bei der OECD war, viele Gespräche mit US-Vertretern geführt. Ich kann Ihnen sagen: Die USA wollen keine öffentliche Diskussion, und alles deutet darauf hin, unsere Regierung auch nicht. Mit 28 Länderinteressen auf der Seite Europas wird auch die spätere Reparatur eines fehlerhaften Abkommens fast unmöglich, solange auch nur ein EU Land vom Handelsabkommen profitiert.
Sie glauben wirklich, die USA würden die Vereinbarungen Schritt für Schritt unterlaufen?
Oh ja. Davon bin ich fest überzeugt. Ob die USA vereinbarte Standards und Regeln einhalten oder nicht, wird dann wohl, wie bisher, vor der Welt Handels Organisation gerichtlich entschieden. Dort schließt die Definition für die Umweltgefährlichkeit von Handelswaren den Ressourcenverbrauch nicht ein. Ihre Ziele sind im Übrigen auch nicht neu. Nehmen Sie das Kyoto Protocol der Vereinten Nationen zum Klimaschutz. Es wurde zwar von den USA vor Jahren unterschrieben. Aber längst haben ihre wirtschaftlichen Interessen dafür gesorgt, dass es in Washington nicht ernst genommen wird. Ganz im Gegenteil. Das CO2 treibende Fracking wird seither massiv gefördert. Interessant ist auch die Diskussion um den Einschluss des Investitionsschutzes. Die USA haben über die OECD Anfang der 1980er-Jahre schon versucht, ein Klagerecht für US-Unternehmen zu erreichen, sollten sich Gesetze im Gastland geschäftsschädigend auswirken. Das wurde bei der OECD damals abgelehnt. Viele Mitgliedsländer empfanden die Forderungen als einen Affront. Nun kommen diese Forderungen wieder auf, im Namen des Wachstums! Die Europäer müssen wirklich aufpassen. Und noch eine grundsätzliche Sache stört mich am TTIP.
Nämlich?
Das Freihandelsabkommen hat als wichtigstes Ziel, den Warenverkehr über den Atlantik auszuweiten. Auf unserem begrenzten Planeten aber ist materielles Wachstum, “growth for ever” das beste Rezept, langfristig wirtschaftlich gegen die Wand zu fahren. Wir müssen unsere Grenzen für den grenzüberschreitenden Handel mit materialintensiven und kurzlebigen Gütern dicht machen. Zum Beispiel mit hohen Zöllen. Das ist das genaue Gegenteil von TTIP.
Wenn schon auf die Politik kein Verlass ist: Was kann der Einzelne tun, um für eine ökologischere Welt zu sorgen?
Die Möglichkeiten sind begrenzt, da darf man sich nichts vormachen. Aber er kann die richtigen Leute in die Parlamente schicken. Die heutige Wirtschaft zwingt uns, die Umwelt kaputt zu machen. Per se sollte sich aber jeder Einzelne hinterfragen, was er wirklich braucht. Es geht um Fleisch, Aluminiumfolie, Schuhe, um Schlagbohrer, und um Smartphones, die direkte Verbindung zur NSA. Wir brauchen nicht alle zwei Jahre ein neues Auto oder einen neuen Computer. Auch Frau Merkel und das Heer von Diplomaten nicht. Auch wenn die Werbung uns das weißmachen will. Selbst unsere absichtlich kurzlebigen Autos können 250.000 Kilometer fahren.
Oder ein anderes Beispiel: Ich war letztens hier in Berlin bei einer Sitzung von Hauseigentümern. Da wurde beschlossen, 200.000 Euro für eine mögliche Dachsanierung auf die Seite zu legen. So weit, so gut. Darauf folgte aber der Antrag, die Dachsanierung auf Verdacht in zwei Jahren durchzuführen. Nach dem Motto: „Dann machen wir das gleich. Irgendwann muss es ja eh gemacht werden“. Ich dachte, sind die jetzt wahnsinnig geworden!? Das muss nicht sein.
Ich liebe Spaß, ich bin kein Spielverderber: Freiheit muss sein, Luxus darf sein – aber wir haben auch eine verdammte Verantwortung für die Chancen unserer Kindeskinder und deren Kinder. Neuanschaffungen machen nur Sinn, wenn sich Reparaturen wirklich nicht mehr lohnen, und wenn neue Dinge Nutzen länger und mit weniger Ressourcenverbrauch erbringen können, ihr ganzes Leben lang. Ich hoffe, dass viele Bürger da schlauer sind als unsere Politiker.