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Offene Arbeitsmärkte: Wirtschaftsweiser warnt vor Mindestlöhnen

von Cornelia Schmergal

Der Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, Wolfgang Franz, über den Zuzug osteuropäischer Arbeitskräfte und die Folgen für die deutschen Arbeitnehmer und die deutsche Wirtschaft.

Wolfgang Franz, Präsident des Quelle: dapd
Wolfgang Franz, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung Quelle: dapd

Herr Franz, vom 1. Mai an dürfen viele mittel- und osteuropäische Arbeitnehmer ohne Einschränkung in Deutschland arbeiten. Warum erzeugt dieses Datum bei vielen Politikern so viel Angst?

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Es wird für jedermann unmittelbar erlebbar, wie internationale Freizügigkeit dazu führen kann, dass heimische Arbeitskräfte teilweise verdrängt werden. Es fällt mehr auf, wenn in einer Fabrik etwa ein polnischer Arbeitnehmer arbeitet und sein deutscher Kollege entlassen vor dem Werkstor steht. Das lässt sich auch in den Medien wirkungsvoll darstellen. Dabei gibt es den gleichen ökonomischen Effekt schon heute.

Was meinen Sie genau?

Aus ökonomischer Sicht macht es kaum einen Unterschied, ob der genannte Pole in seiner Heimat ein Gut zu niedrigen Lohnkosten herstellt, das dann nach Deutschland exportiert und hier preisgünstig verkauft wird – oder ob er hierher kommt und zu niedrigeren Löhnen preislich wettbewerbsfähigere Produkte herstellt. In beiden Fällen werden inländische Jobs verdrängt.

Wer profitiert von der Arbeitnehmerfreizügigkeit?

Der Einsatz von Arbeitskräften aus Mittel- und Osteuropa dürfte dazu führen, dass einige Güter und Dienstleistungen preisgünstiger angeboten werden. Das nutzt den Konsumenten. Mit dem eingesparten Geld können sie andere Dinge kaufen, das nutzt anderen Branchen. Wenn qualifizierte Arbeitskräfte zu uns kommen, mildert das auch den Fachkräftemangel.

Und wer verliert?

Menschen, die keine abgeschlossene Schul- oder Berufsausbildung haben und sich nur schwer anpassen können – oder wollen.

Einige Politiker mutmaßen, „Millionen“ potenzieller Arbeitnehmer stünden von Mai an vor den Toren Deutschlands. Was halten Sie von solchen Analysen?

Das halte ich für völlig überzogen. Ich rechne nicht mit einem solch überwältigenden Zustrom, weil schon während der eingeschränkten Freizügigkeit viele mittel- und osteuropäische Arbeitskräfte zu uns gekommen sind. Es ist aber schwer zu prognostizieren, wie viele Menschen tatsächlich einwandern werden. Vermutlich dürfte die Zahl bei etwa 100.000 liegen.

Ist Deutschland nicht attraktiv genug?

Attraktiv sind unsere Sozialleistungen. Außerdem werden für Pendler die deutschen Grenzregionen interessant. Ansonsten gilt: Deutschland und Österreich sind die beiden letzten EU-Länder, die völlige Freizügigkeit herstellen. Viele Polen sind schon vor Jahren etwa nach Großbritannien gezogen. Und für hoch qualifizierte Uni-Absolventen sind Länder wie die USA eine verlockende Alternative.

Kann die Arbeitnehmerfreizügigkeit trotzdem helfen, den Fachkräftemangel zu beheben?

Niemand kann vorhersagen, ob eher hoch oder gering Qualifizierte zu uns kommen. Inländische Unternehmen können aber verstärkt Ingenieure und Naturwissenschaftler aus Mittel- und Osteuropa anwerben.

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26 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 20.11.2011, 22:24 UhrAnonymer Benutzer: B.Giertz

    Es nervt so langsam, dass einige Superschlaue ständig vor etwas warnen, was in fast allen anderen EU-Staaten eine Selbstverständlichkeit ist - Ein Mindestlohn !!!

    Kann so ein Wirtschaftsweiser nicht 1+1 zusammenzählen,
    oder wird da etwa Lobby-Arbeit betrieben ?

  • 03.05.2011, 17:07 UhrAnonymer Benutzer: nicolo

    @MV

    Zitat:"Ja, eben ein regulierter Markt - gerade in einem unregulierten Markt geht der Zocker eben pleite- und dass ist gut so!"

    Zu behaupten, die Finanzkrise hätte deshalb stattgefunden, weil die Finanzmärkte "überreguliert" waren, ist eine ungeheuerliche Verdrehung der Tatsachen! Da es sich bei den Zockern fast überwiegend um systemrelevante banken gehandelt hat, hätte die befolgung ihrer Klein-Fritzchen-Ökonomie (pleite gehen - na und?) die Welt geradewegs in eine Weltwirtschaftskrise a la späten 20er Jahre geführt! ihre vereinfachende Denkweise funktioniert vielleicht im kleinen, volkswirtschaftlich hätten wir mit ihrer "Tea-Party-ideologie" kapitalen Schiffbruch erlitten! Aber das bleibt uns zum Glück erspart!

  • 03.05.2011, 16:29 UhrAnonymer Benutzer: nicolo

    @MV

    ich kann keine "Logik" darin entdecken, wenn Sie Millionäre als "Sklaven" bezeichnen, egal in welchem Zusammenhang! Und wenn Sie diesen Widerspruch nicht erkennen können, haben Sie ein größeres Problem als ich gedacht habe?!

    Zitat:"Jedoch führt Wettbewerb, gerade wenn er unreguliert ist, auch zu einem wenn sie so wollen "Gemeinwohl" - die von ihnen beschriebenen Auswirkungen sind Ergebnisse von Regulierungen."

    Jaja, die "unsichtbare Hand des Marktes" von Adam Smith. Das es sich hierbei nicht um ein Naturgesetz, sondern nur um eine Regel handelt, die mal mehr aber auch mal weniger zutrifft, wissen Sie aber schon?! Genau diese undifferenzierte betrachtung bezeichnet man als ideologie! Deswegen ist auch ihr letzter "Geistesblitz"

    "Falls er [der Mindestlohn] jedoch oberhalb des Marktlohnes liegt, ist der volkswirtschaftliche Schaden sicher."

    falsch. Das neue Prognos-Gutachten zu diesem Thema zeigt ganz klare volkswirtschaftliche Vorteile auf (http://www.wiwo.de/politik-weltwirtschaft/mindestlohn-entlastet-den-staat-464698/). Nur wenn ein Mindestlohn zu einem nennenswerten Arbeitsplatzabbau führen und dadurch die Vorteile überkompensieren würde, wäre er volkswirtschaftlich kontraproduktiv. Aber eben auch nur dann!

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