Parteiengeschichte : Ökos wie wir

Parteiengeschichte : Ökos wie wir

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Winfried Kretschmann (Grüne)

Von 1983 bis heute: Nicht nur die Grünen haben sich angepasst – auch der Mainstream ist grün geworden.

Es war ein bunter Aufzug, der sich am 28. März 1983 durch die Bonner Innenstadt bewegte. Unter dem Lärm von Trommeln und Rasseln rollten bärtige Gestalten einen riesigen Globus durch die Straßen, andere schleiften abgestorbenes Nadelgehölz hinter sich her – traurige Symbole des Umgangs der industriellen Zivilisation mit der Natur. Ungläubige Zuschauer säumten die Prozession in der beschaulichen Hauptstadt. Der Einzug der Grünen im Bundestag hatte etwas von der Landung Außerirdischer in der heilen Welt der deutschen Nachkriegspolitik.

Wenn man 28 Jahre später Winfried Kretschmann, den bald ersten grünen Ministerpräsidenten, ansieht, dann sticht vor allem dessen Normalität ins Auge. Nichts erinnert mehr daran, dass auch er damals schon zu jener grün-alternativen Subkultur zählte, deren Abkömmlinge am vergangenen Sonntag wieder ein Stück weiter ins politische Zentrum der Republik vorgedrungen sind. An Kretschmann ist nichts Exotisch-Grünes mehr zu bestaunen. Exotisch ist an ihm nur noch, wie bürgerlich, normal und vernünftig die Grünen geworden sind.

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Die Deutschen werden grüner

Deshalb hat in diesen Tagen des baden-württembergischen Umbruchs wieder die leicht abgegriffene Weisheit Konjunktur, nach der die Grünen sich im Laufe ihrer Geschichte immer weiter auf die Mitte der Gesellschaft zubewegt haben. Nun sind sie offenbar dort angekommen. Die Grünen seien eben erwachsen geworden, lautet schon länger die etwas altväterliche Diagnose. Dass parallel zur Metamorphose der Grünen die deutsche Gesellschaft immer grüner geworden ist, wird dabei gerne unterschlagen.

Sicher, kein grüner Parlamentarier würde heute, wie damals Petra Kelly in Bonn, ein Gelöbnis ablegen, "die Bewegung niemals zu verraten". Und kein grüner Abgeordneter drückt heute noch seine Friedensliebe dadurch aus, dass er einen amerikanischen Offizier im Landtag mit blutroter Farbe bespritzt. Dass Grüne früher auf Parteitagen mit Wasserpistolen und Hasstiraden aufeinander losgingen, gehört schon lange zur Parteihistorie. Überhaupt, der hohe, schrille, anstrengende Ton, in dem Grüne gegen Militarismus, Industrialismus, Rassismus oder Sexismus ankämpften, ist inzwischen nur noch selten zu hören. Wo er noch vorkommt, wirkt es wie nostalgische Selbstkarikatur.

Bevor die Grünen in die Parlamente einzogen, stritten sie über die Frage, was eine "Bewegungs-Partei" in den etablierten Institutionen zu suchen habe. Man einigte sich, das Parlament als Bühne für die außerparlamentarische Opposition zu nutzen, der man selbst entsprungen war: Frieden, Frauen, Ökologie, Atom.

Von der System- zur Regierungsopposition

Als dann die Partei in den Parlamenten angekommen war, brach die nächste Debatte los. Systemopposition, schön und gut – aber ließe sich der oppositionelle Impuls nicht auch bis in die Regierung tragen? Nie wurde diese Idee symbolisch schöner zum Ausdruck gebracht als mit den leuchtend-weißen Turnschuhen, die Joschka Fischer 1985 bei seiner Vereidigung zum ersten grünen Umweltminister des Planeten trug. Das war der Startschuss fürs grüne Regieren. Es folgten dann die Jahre erbitterter Auseinandersetzung um Realpolitik oder Fundamentalopposition, Pragmatismus, Opportunismus und reine Lehre.

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