_

Parteitag: Widerstand gegen den Linkskurs in der SPD

von Cornelia Schmergal

Auf ihrem Parteitag wählt die SPD eine neue Spitze und rückt nach links. Doch ihre Wirtschaftspolitiker wollen gegensteuern.

SPD-Generalsekretär Huberts Quelle: REUTERS
SPD-Generalsekretär Huberts Heil: Steuert als Fraktions-Vize auch die Arbeitsmarktpolitik der SPD Quelle: REUTERS
Anzeige

Wenn er nur mal dazu kommen würde, den ganzen Ballast loszuwerden. Oder wenigstens seine Kartons auszupacken. Im Flur vor dem neuen Büro stapeln sich die Umzugskisten, auf dem Schild neben der Tür prangt noch der Name seines Vorgängers. Und hinter dieser Tür führt Hubertus Heil gerade ein Gespräch mit potenziellen Mitarbeitern. Es wäre vermessen, zu behaupten, der neue oberste Wirtschaftspolitiker der SPD-Fraktion sei schon in seinem Amt angekommen.

Vor zwei Wochen erst ist Hubertus Heil, bislang Generalsekretär der Partei, zum stellvertretenden Fraktionschef der SPD gewählt worden. Er soll sich künftig um die Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik kümmern. Und steckt schon mittendrin. Gerade klingelt das Handy. Opel-Betriebsratschef Klaus Franz ist dran und will über das Opel-Desaster reden. Nebenbei muss Heil organisieren, wen die SPD in den Wirtschaftsausschuss schickt. Und dann steht da noch eine Rede für den ersten Auftritt im neuen Amt beim DIHK an. Eigentlich hat Hubertus Heil an diesem Tag Geburtstag. Aber an Feiern ist nicht zu denken.

Heil übernimmt schwierigsten Job der SPD-Fraktion

37 Jahre ist er nun jung und übernimmt einen der wohl schwierigsten Jobs in der Fraktion. Hubertus Heil soll dafür sorgen, dass die SPD-Abgeordneten ökonomisch auf Kurs bleiben. Was nach dem Wahldebakel nicht ganz leicht sein dürfte. Seit ihrer Niederlage bei der Bundestagswahl steckt die altehrwürdige Sozialdemokratie in ihrer schwersten Krise. Am nächsten Wochenende will sie sich eine neue Spitze und ein neues Profil verpassen. Es soll eine Zäsur werden, der Beginn einer großen Debatte über die Zukunft. Allerdings steht zu befürchten, dass die ökonomische Vernunft darin untergeht.

Die Sozialdemokratie ist zersplittert wie lange nicht mehr. Man kann der SPD nicht einmal vorwerfen, sie wende sich vollends von der Reformpolitik der Schröder-Jahre ab. In Wahrheit ist es schlimmer: Sie ist vollkommen ratlos. Frank-Walter Steinmeier, der letzte prominente Schröderianer, hat nach der gescheiterten Kanzlerkandidatur den Fraktionsvorsitz übernommen – unter der Bedingung, dass die Partei an der Agenda 2010 festhält. Die SPD dürfe sich nicht „zur Partei der sozialen Umverteilung verengen“, sagt er.

Allerdings fordert der linke Flügel ein Ende der Reform-Ideologie. „Markenkern sozialdemokratischer Politik“ müsse auch „die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums“ sein, heißt es in einer Analyse der Demokratischen Linken. Zehn Jahre nach dem Schröder-Blair-Papier habe sich gezeigt, dass dieser Weg gescheitert sei. Schon im April beklagte Andrea Nahles, die nun zur Generalsekretärin aufsteigen soll, die SPD habe dem „globalisierten Kapitalismus zu unkritisch gegenübergestanden“.

Kahlschlag im ökonomischen Kraftzentrum der Partei

Zwischen beiden Polen trudelt die Partei hin und her. Schnelle Aufklärung ist von der neuen Spitze nicht zu erwarten. Denn wofür Sigmar Gabriel, der auf heutigen Parteitag in Dresden zum SPD-Chef gewählt werden soll, wirtschaftspolitisch eigentlich steht, weiß niemand ganz genau. Genau das prädestiniere ihn für den Spitzenjob, wie einige Wirtschaftspolitiker frotzeln.

Früher einmal war die SPD auch die Partei der großen Ökonomen. Sie hat Karl Schiller groß gemacht und Helmut Schmidt, sie brachte Klaus von Dohnanyi hervor und ertrug wortgewaltige Querdenker wie Finanzminister Peer Steinbrück.

Heute sucht sie Wirtschaftspolitiker mit Gewicht. Vor allem in der Bundestagsfraktion, einst ökonomisches Kraftzentrum der Partei, herrscht Kahlschlag. Peer Steinbrück nimmt heute als Ex-Minister auf den hinteren Stuhlreihen Platz, Experten wie Rainer Wend oder Ditmar Staffelt arbeiten längst als Lobbyisten. Seit der Wahl findet sich kein einziger Unternehmer mehr in der SPD-Fraktion. Im Parlament gibt es so viel gelebten Antikapitalismus sonst nur bei der Linkspartei.

Der wirtschaftsnahe Flügel ist über den Mangel an Experten besorgt. Wirtschaftspolitik sei in der SPD "gewiß keine Massenveranstaltung", sagt zum Beispiel Hubertus Heil. Umso wichtiger sei es, immer wieder klarzumachen, dass „eine erfolgreiche Sozialdemokratie immer ein Zusammenspiel von sozialer und ökonomischer Kompetenz“ brauche.

Da wäre zum Beispiel der Fall Hübner. Noch in der letzten Periode saß Klaas Hübner für die SPD im Bundestag. Der Sprecher des konservativen Seeheimer Kreises, nebenbei Chef von 1000 Mitarbeitern, war der einzige Unternehmer der Fraktion. Kurz vor der Bundestagswahl verbannten ihn die lieben Parteifreunde in Sachsen-Anhalt so weit unten auf ihre Landesliste, dass er gleich ganz verzichtete und um ein Direktmandat kämpfte. Vergebens. "Unternehmer haben es schwer, einen guten Listenplatz zu bekommen", sagt Hübner.

4 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 14.11.2009, 15:52 UhrAnonymer Benutzer: rita

    Lasst euch von den Linken und dem linken Flügel der SPD nichts einreden, Leute! Das ist das Allerletzte und lauter Lügner!

  • 14.11.2009, 00:28 UhrAnonymer Benutzer: Hans P.

    Es ist erschreckend, wie angeblicher Qualitätjournaismus ein ums andere Mal Fakten mit ideologischen Meinungsbekundungen verquickt und so Stimmungsmache betreibt; die informationen muss man sich mühsam rausdestillieren, dabei sollte das ja mal der Job des Journalisten sein.

    Da hat sich ein Teil der SPD-Führung, nach einem historischen Niedergang, mal wieder auf die sozialdemokratischen Denkfundamente berufen, schon schreit es wieder "Linksrutsch!" Wer keine Sozialdemokratie will in Deutschland, darf dies sagen; aber ihr vorwerfen, mal wieder eine solche sein zu wollen, ist den Lesern gegenüber unverschämt.
    Und was hier alles als "links" herhalten muss: das Nachdenken über „die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums“, kritische betrachtung des "globalisierten Kapitalismus": schwupps, das kann nur links sein! Das es als solches auch gleich ibäh ist, wird schon gar nicht mehr gesagt, sondern vorausgesetzt. Der Neoliberalisumus hat erst das Denken von Alternativen zum No-Go-erklärt; jetzt soll wohl das Denken als solches diskreditiert werden?

    Kein Unternehmer in der SPD = "gelebter Antikapitalismus" insinuiert die Autorin. Als ob Kaitalismus nur aus Unternehmern bestünde. Es sind ja wohl doch (noch) überwiegend die Arbeiter und Angestellten, die den Laden am Laufen halten. "Der wirtschaftsnahe Flügel" wird von der Autorin gleich mal als Gegenpol zur linken Gruppe definiert, als ob es dort keinen wirtschaftiche Sachvestand gäbe - und sie offenbart damit ihre für eine Journalistin erschreckend engen Scheuklappen.
    So legt sie denn auch im letzten Absatz nahe, dass Arbeitnehmer und Arbeitslose wohl eher nicht "Leistungsträger" sind oder werden könnten. Klar, wer was leistet muss ja auch Unternehmer sein, notfalls reicht auch einer, der gerad seinen Laden in den Konkurs geführt hat.
    So ein billig-polemischer Meinungsjournalismus ist erbärmlich. Schade um die Wiwo.

  • 13.11.2009, 15:39 UhrAnonymer Benutzer: Sabine

    im Falle eines Falles
    tut Nahles wirklich Alles.
    Warum nicht gehen mit den Linken
    wenn schöne neue Ämter winken.
    So meint die Dicke unverdrossen:
    Wir sind doch alle nur Genossen.
    Es stören eigentlich nur die Wähler,
    die gehn ihr richtig auf den Zähler.
    Mit Siggi, Wowi aus der Krise
    das ist die neue Wunschdevise.
    Wichtig ist, sie ist dabei,
    alles andere ist einerlei.
    Die SPD stürzt tief ins Tal,
    das ist ihr wirklich ganz egal.
    Das Trio wird die Welt schon retten,
    auch wenn niemand will drauf wetten.
    Wichtig ist, man hat die Macht,
    für Deutschland heißt das gute Nacht.

Alle Kommentare lesen

Blogs

Bettler im Bellevue
Bettler im Bellevue

Der Fall Wulff zeigt, was passiert, wenn klare Grenzen zwischen Staat und Unternehmen, Politik und Geld verwischen. So...

weitere Fotostrecken