„Pegida“-Demos: Wutbürger in Putins Sinne

Kommentar„Pegida“-Demos: Wutbürger in Putins Sinne

von Florian Willershausen

Diffuse Ängste werden die Deutschen diesen Montag auf die Straßen treiben – gegen Zuwanderung, gegen Europa, gegen Merkel, aber für Wladimir Putin, den viele als Friedensengel verklären. Zwischen den Deutschen und ihren Institutionen schwelt eine Kommunikationskrise, die die Demokratie gefährdet.

Bisweilen wundert man sich als Redakteur, welch große Bögen der geübte Leser-Kommentator nach der Lektüre von Beiträgen über Russland zu spannen vermag. Ganz gleich, ob es um die desolate Wirtschaftslage in der Ukraine geht oder um Ansätze zur Lösung des Kriegs im Osten dieses Landes – nicht wenige Rezipienten schießen sofort scharf gegen den Euro, gegen die Merkel-Regierung, gegen das vermeintlich allmächtige Amerika, das die Welt und sämtliche „Mainstream“-Medien steuert. Es versteht sich von selbst, dass der Kommentar gekauft ist und sich eine argumentative Auseinandersetzung erübrigt. Ende der Diskussion.

Ausländer in Deutschland

  • Aus der EU

    Besonders viele Ausländer kommen aus den Ländern, die 2004 der EU beigetreten sind. Die Zahl stieg gegenüber 2011 um 15,5 Prozent. Spitzenreiter ist Ungarn mit einem Plus von 29,8 Prozent, gefolgt von Polen mit +13,6 Prozent.

  • Euro-Krisen-Länder

    Die Zahl der Ausländer aus den von der Euro-Krise betroffenen Mittelmeerstaaten hat sich erhöht. Aus Griechenland sind 5,1 Prozent mehr Ausländer als im Vorjahr nach Deutschland gekommen, aus Spanien waren es 9,1 Prozent mehr Ausländer.

  • Überraschung Türkei

    Die registrierte Bevölkerung mit türkischer Staatsangehörigkeit ist, ähnlich wie in den Jahren zuvor, um zwei Prozent zurückgegangen. Grund dafür ist die relativ hohe Zahl der Einbürgerungen.

  • Beliebstes Bayern

    Die meisten Ausländer zogen nach Bayern, das sind rund 65.900 mehr als im Jahre 2011. Den geringsten prozentualen Anstieg verzeichnet das Saarland mit einem Plus von 1,6 Prozent. 

Man könnte es sich nun einfach machen und diese Stimmungsmache ignorieren. Seinen Job so machen, wie es sich für Journalisten eines Qualitätsmediums gehört: Vor Ort recherchieren, alle Seiten anhören, die Propaganda links und rechts liegen lassen, argumentieren, argumentieren, argumentieren. Nun sind da aber diese „Pegida“-Demos, die gegen eine angebliche „Islamisierung des Abendlandes“ vor allem im Osten des Landes Tausende auf die Straße treiben – nicht nur rechte Extremisten. Fast jeder zweite Deutsche, ergab eine Umfrage, sympathisiert mit dieser Bewegung. Was ist bloß mit Deutschland los, das sich der Welt so gern als weltoffen verkauft?

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Wer Kommentare unter Russland-Beiträgen liest, versteht rasch: Die Pro-Putin- und Anti-Amerika-Fraktion findet sich und ihre Losungen auch auf den Montagsdemos wieder. „Pegida“ in Dresden eint eine Angst vor Zuwanderung, obwohl es in Sachsen kaum Ausländer gibt. Kritik an „Mainstream“-Medien und Merkels Politik der Mitte ist in Dresden ebenso Thema wie bei den Montagsdemos der Verschwörungstheoretiker in Berlin. Die haben in Wladimir Putin schon seit geraumer Zeit ihren Friedensengel gefunden und verbreiten stoisch das Moskauer Märchen, in Kiew würden Faschisten regieren. Vermutlich spricht kaum einer Russisch, sicher hat kaum jemand das Land je selbst bereist. Ihr krudes Weltbild ist dennoch nicht zu erschüttern.

Anti-Islam-Demos Jeder zweite Deutsche hat Verständnis für "Pegida"

Die Anti-Islam-Gruppe „Pegida“ hat viele Sympathisanten. Jeder zweite Deutsche hat Verständnis für die Demonstranten, die Mehrheit der Bürger fürchtet den Einfluss radikaler Islamisten. Die Kanzlerin ist alarmiert.

Auch in Düsseldorf gehen Menschen gegen „die Islamisierung des Abendlandes“ auf die Straße. Quelle: dpa

Derweil wird Wladimir Putin im fernen Moskau vergnügt zur Kenntnis nehmen: Die Deutschen lassen sich mit den Lügen und Halbwahrheiten des russischen Propaganda-Apparats leicht spalten. Der Pluralismus lässt sich ausnutzen, indem man einen wohl finanzierten Staatssender an den Start bringt, der nichts als Gegenmeinungen zum angeblichen „Mainstream“ der Qualitätsmedien verbreitet: „Russia Today“ kokettiert sogar damit, einseitig zu berichten statt differenzierende Stimmen einzuholen – so wie es bei Qualitätsmedien in Deutschland Usus ist.

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