Personalmanagement: Wie Firmen die Rente mit 63 verhindern wollen

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Personalmanagement: Wie Firmen die Rente mit 63 verhindern wollen

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Die Rente mit 63 ist möglich. Doch wie soll das Management von Unternehmen darauf reagieren?

Die Rente mit 63 verschärft den Fachkräftemangel. Denn allein in diesem Jahr könnten 240.000 Arbeitnehmer früher gehen. Mit pfiffigen Ideen versuchen nun einige Unternehmen, erfahrene Mitarbeiter zu halten.

Wolfgang Nocker ist nicht alles Jacke wie Hose. Im Gegenteil. Der 67-Jährige nimmt es ganz genau mit den Kleidungsstücken. Denn Nocker ist Bekleidungsphysiologe und testet für W. L. Gore & Associates in Putzbrunn bei München Kleidung auf ihre Haltbarkeit und Funktionalität, bevor diese unter dem Label Gore-Tex in den Laden kommt oder sich als extra starker Stoff in gefährlichen Berufen bewährt.

Das Objekt seiner Begutachtung ist diesmal eine Feuerwehrjacke. Ein Brandspezialist zieht die Schutzkleidung über und betritt in voller Montur samt Sauerstoffgerät einen Container, in dem ein Brand simuliert wird. Beobachtet durch eine Glasscheibe, bewegt sich der Mann wie beim Löschen vorwärts. Sensoren an seinem Körper schicken Daten über Wind und Wärme an Nockers Computer. Danach weiß er aufs Grad Celsius genau, wie viel Hitze Stoff und Nähte vertragen.

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Die wichtigsten Fakten zum Rentenpaket

  • Abschlagfreie Rente ab 63

    Wer mindestens 45 Jahre in die Rentenversicherung eingezahlt hat, kann vom 1. Juli an ab 63 Jahren ohne Abschlag in Rente gehen. Begünstigt sind aber nur die Geburtsjahrgänge zwischen Mitte 1951 und 1963 - mit schrittweise abnehmendem Vorteil. Phasen vorübergehender Arbeitslosigkeit werden auf die Beitragsjahre angerechnet, nicht jedoch die letzten zwei Jahre vor Beginn der Frührente. Der Stichtag dafür ist jeweils der 61. Geburtstag. Selbstständige, die mindestens 18 Jahre lang Rentenpflichtbeiträge bezahlt und sich dann mindestens 27 Jahre freiwillig weiterversichert haben, können ab 63 ebenfalls abschlagfrei in Frührente gehen. Von der Regelung profitieren in vollem Umfang aber nur die Jahrgänge 1951 und 1952. Jeder spätere Jahrgang muss jeweils zwei Monate über den 63. Geburtstag hinaus arbeiten. Das Modell kostet zwischen 2 und 3 Milliarden Euro pro Jahr.

  • Mütterrente

    Etwa 9,5 Millionen Frauen, deren Kinder vor 1992 zur Welt kamen, bekommen Kindererziehungszeiten in der Rente künftig mit einem zusätzlichen Rentenpunkt honoriert. Pro Kind erhalten sie ab 1. Juli dann brutto bis zu 57 Euro monatlich im Westen, im Osten bis zu 53 Euro. Das entspricht einer Verdoppelung des bisherigen Betrages. Dies kostet etwa 6,5 Milliarden Euro pro Jahr zusätzlich.

  • Erwerbsminderungsrente

    Wer aus gesundheitlichen Gründen vermindert oder nicht mehr arbeiten kann, erhält brutto bis zu 40 Euro mehr Rente im Monat. Die Betroffenen werden so gestellt, als ob sie mit ihrem früheren durchschnittlichen Einkommen bis 62 - und damit zwei Jahre länger als bisher - in die Rentenkasse eingezahlt haben. Dies kostet zwischen 200 Millionen und 2,1 Milliarden Euro.

  • Reha-Leistungen

    Um Frühverrentungen zu verhindern, sollen die bislang gedeckelten Mittel für Rehabilitationsleistungen dynamisiert werden. Dafür sind Mehrausgaben zwischen 100 und 200 Millionen Euro veranschlagt.

  • Flexibler Übergang in Rente

    Nicht Teil des Pakets, aber von Union und SPD fest vereinbart ist, den Renteneintritt flexibler zu gestalten - und zwar auch nach Erreichen der gesetzlichen Regelaltersgrenze.

Tester Nocker hat beim US-Technologieunternehmen vor 25 Jahren das bekleidungsphysiologische Labor aufgebaut. Dort hat der lebhafte Weißhaarige zum Beispiel Sicherheitsschuhe auf ihre Stabilität geprüft oder herausgefunden, welche Fasern Schweiß am besten absorbieren. Mit 60 fand der Wirtschaftsingenieur und Physiker, nun sei es genug mit dem Messen und Prüfen, ging erst in Altersteilzeit und zwei Jahre später in den Ruhestand. Doch die Bekleidungsphysiologie ließ ihn nicht los. Als Gore anrief und ihm einen 400-Euro-Job anbot, hatte er sich genug gelangweilt in der Dauerfreizeit. Nocker machte sich selbstständig und arbeitet nun schon im fünften Jahr rund 40 Stunden pro Monat für seinen alten Arbeitgeber. Der Unterschied: „Ich kann mir Projekte von verschiedenen Auftraggebern aussuchen und bin nicht weisungsgebunden“, sagt er. Und: „Die Arbeit macht mir noch genauso viel Spaß wie früher.“

Nocker ist nur ein Beispiel bei Gore. Von den 1500 Beschäftigten sind einige schon im Rentenalter. Und auch die Rente mit 63, für viele Betriebe Grund zur Sorge, schreckt im bayrischen Putzbrunn niemanden. Denn dort hat man vorgebaut.

„Wir finden gemeinsam Lösungen, wenn ältere Mitarbeiter weniger arbeiten wollen“, sagt Anton Stanglmair, der bei Gore die Personalthemen verantwortet. „Denn natürlich wollen wir sie so lange wie möglich im Unternehmen halten.“ Das gelingt mit längeren Pausen, rückenschonenden Hebewerkzeugen in der Produktion, Altersteilzeit auch ohne staatlichen Zuschuss – lauter Details des Personalmanagements, die den Mitarbeitern vermitteln: Wir nehmen euch ernst.

Wer wie Gore agiert, ist also gut vorbereitet auf den drohenden Fachkräftemangel, den die Bundesregierung durch ihre Rente mit 63 noch verschärft. Denn ohne die Alten geht es nicht. Schon heute arbeiten in Deutschland 900.000 Menschen über das 65. Lebensjahr hinaus. Zum Teil aus finanziellen Gründen, aber auch, weil sie lieber Projekte leiten oder an der Werkbank stehen, als in der Schrebergartenidylle langsam Rost anzusetzen. Unternehmen, die sich um diese erfahrenen Mitarbeiter bislang nicht bemüht haben, bekommen jetzt und in Zukunft heftige Probleme.

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