Personalprobleme der Bundeswehr: Lieber Spaziergänge statt Gewaltmärsche

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Personalprobleme der Bundeswehr: Lieber Spaziergänge statt Gewaltmärsche

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von Ferdinand Knauß

Nicht nur die Ausrüstung der Bundeswehr hat gefährliche Defizite. Vielen Soldaten fehlen die körperlichen Fähigkeiten. Schuld ist der Mangel an Rekruten und eine kopflose Gleichstellungspolitik.

Der Tod der Soldatin Sarah Seele, die am 8. November 2010 auf dem Segelschulschiff Gorch Fock verunglückte, hat die Nation bewegt. Bis heute sind die Umstände nicht eindeutig aufgeklärt. Ebenso wenig wie der Tod der Soldatin Jenny Böken, die auf demselben Schiff schon zwei Jahre zuvor unter mysteriösen Umständen über Bord gegangen war.

Die beiden jungen Offiziersanwärterinnen Seele und Böken hätten, dafür sprechen sehr viele Indizien, niemals den Ausbildungslehrgang auf dem Segelschulschiff antreten dürfen. Seele war zwar nicht übergewichtig, wie zunächst berichtet. Aber sie war mit 158 cm deutlich zu klein - und erhielt daher eine Sondergenehmigung. Wer schon mal auf einem Segelschiff war, der weiß, dass lange, starke Beine mehr als hilfreich sind beim so genannten Aufentern in die Takelage.

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Prozess wird neu aufgerollt

Für Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen gehören beide Todesfälle zu den vielen unerfreulichen Dingen, die mit ihrem neuen Amt verbunden sind. Sie traf die Eltern von Böken im Juli zu einem Gespräch. Am 22. Oktober wird der Fall vor dem Aachener Verwaltungsgericht wieder aufgerollt – auf Wunsch der Eltern.

Dabei wird es unter anderem um mysteriöse verschwundene ärztliche Untersuchungsergebnisse gehen. Böken litt vermutlich unter Prädiabetes, weswegen sie während des Dienstes oft einschlief. In der Bundeswehr fürchtet man nicht ohne Grund, dass am Ende als Ergebnis feststehen wird, dass vorsätzlich eine ungeeignete Kadettin auf die Gorch Fock geschickt wurde.

Braucht die Bundeswehr mehr Geld?

  • Die Wehretat-Debatte

    Die Bundesregierung hat bisher nicht vor, die Finanzmittel für die Bundeswehr wesentlich aufzustocken. Im Haushaltsplan für 2015 gehört der Verteidigungsetat zu den wenigen Posten, bei denen gekürzt wurde - wenn auch nur um 0,5 Prozent. Bis 2018 ist eine leichte Steigerung von 32,3 auf 32,9 Milliarden Euro vorgesehen. Angesichts der Ausrüstungslücken bei der Bundeswehr wird jetzt der Ruf nach einer deutlich stärkeren Erhöhung lauter. Was spricht dafür und was dagegen?

    Quelle: dpa

  • PRO: Mehr Verantwortung

    Deutschland will mehr Verantwortung in der Welt übernehmen. Bei den Verteidigungsausgaben liegt es aber weit hinter den wichtigsten Nato-Partnern zurück. Während der Bundesregierung Armee und Ausrüstung nur 1,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts wert sind, investieren die USA 4,4 Prozent in ihr Militär, Großbritannien 2,4 Prozent und Frankreich 1,9 Prozent. Erklärtes Nato-Ziel ist es, zwei Prozent des BIP für die Verteidigung auszugeben. Das bekräftigte das Bündnis auch bei seinem Gipfeltreffen in Wales Anfang September - mit dem Einverständnis von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

  • PRO: Finanzierungslücke

    Zumindest bei der Beschaffung von Ersatzteilen gibt es eine Finanzlücke. Die Mittel dafür wurden 2010 gekürzt. Militärs beklagen, dass die Bundeswehr heute noch darunter zu leiden hat.

  • PRO: Neue Aufgaben

    Auf die Bundeswehr kommen immer wieder neue Aufgaben hinzu. Die Nato will ihre Reaktionsfähigkeit im Krisenfall verbessern. Der Kampf gegen den islamistischen Terrorismus wird möglicherweise noch Jahre dauern. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat den Vereinten Nationen auch ein stärkeres Engagement Deutschlands bei Blauhelmeinsätzen in Aussicht gestellt. Das alles geht nicht ohne modernes, robustes und gut gepflegtes Material.

  • PRO: Die Truppe ist breit aufgestellt

    Die Bundeswehrreform wurde nach dem Prinzip „Breite vor Tiefe“ entworfen. Das heißt: Die Truppe soll alles können und braucht dafür in jedem Bereich die entsprechende Ausrüstung. Das kostet. Bleibt man bei diesem Prinzip, muss auch Geld dafür zur Verfügung gestellt werden.

  • CONTRA: Managementproblem

    Das Rüstungsproblem der Bundeswehr ist nicht in erster Linie ein finanzielles Problem, sondern ein Managementproblem. Das macht sich schon daran bemerkbar, dass im vergangenen Jahr insgesamt 1,5 Milliarden Euro des Verteidigungsetats gar nicht ausgeschöpft wurden.

  • CONTRA: Aufgabenteilung

    Das Prinzip „Breite vor Tiefe“ widerspricht den Bestrebungen von Nato und EU, innerhalb der Bündnisse Aufgaben zu teilen. Diese Bemühungen kommen bisher allerdings nur schleppend voran. Man könnte sich stärker dafür einsetzen, um zu einem effizienteren Rüstungssektor zu kommen.

  • CONTRA: Stärkere Spezialisierung

    Je mehr verschiedene Militärgeräte es gibt und je geringer die Stückzahlen, desto größer ist auch der Wartungs-, Instandhaltungs- und Ausbildungsaufwand. Deswegen könnte eine stärkere Spezialisierung der Bundeswehr Kosten sparen.

  • CONTRA: Verzögerungen und Kostensteigerungen

    Bei der Beschaffung neuer Rüstungsgüter kommt es regelmäßig zu Verzögerungen und Kostensteigerungen, denen man durch ein besseres Vertragsmanagement entgegenwirken kann. Nur einige Beispiele: Der Kampfhubschrauber „Tiger“ sollte im Dezember 2002 ausgeliefert werden. Daraus wurde Juli 2010. Auf den Transporthubschrauber NH90 musste die Bundeswehr sogar neun Jahre länger warten als ursprünglich vorgesehen. Die Kosten für die Fregatte 125 haben sich im Laufe der Entwicklung von 656 Millionen auf 758 Millionen Euro erhöht. Der Preis für ein Transportflugzeug A400M stieg wegen einer nachträglichen Reduzierung der Stückzahl von 124,79 auf 175,31 Millionen Euro.

Doch die beiden toten Soldatinnen sind nicht nur menschliche Tragödien, sie werfen auch eine grundsätzliche Frage auf, die Bundeswehrführung in zunehmendem Maße beschäftigen muss: Sind die Soldaten – und vor allem die Soldatinnen – der Bundeswehr den unter Umständen körperlich sehr anspruchsvollen Aufgaben ihres Dienstes überhaupt gewachsen? Oder drückt die Bundeswehrführung gerne auch mal beide Augen zu, weil sie sonst die Erfüllung von Personalplanzahlen und politisch gewollten Gleichstellungszielen nicht zuwege bringt?

Profi-Soldaten können das Soldatenhandwerk besser und sind fitter für Auslandseinsätze. Das war ein schlagendes Argument für die Aussetzung der Wehrpflicht seit dem 1. März 2011. Die real existierende Freiwilligenarmee gibt leider ein anderes Bild ab.  

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6 Kommentare zu Personalprobleme der Bundeswehr: Lieber Spaziergänge statt Gewaltmärsche

  • Die neue deutsche Bundeswehr
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    Alle "Soldaten" sind körperlich topfit. Vor allem die weiblichen.
    Deshalb nimmt die Bundeswehr auch gerne "Riesinnen" von 1,50m und 150kg Lebendgewicht auf. Hier gilt die "Inklusion". Alles Andere wäre eine Diskriminierung.
    Und die Bundeswehr ist nicht umsonst die beste Armee der Welt! Sie wird weltweit erfolgreich eingesetzt.

    /Sarkasmus off

  • Vielen Dank an den Autoren, dass Sie sich trauen das auszusprechen was für viele auf der Hand liegt, von dem sie jedoch wissen das Widerspruch hier Tabu und mit enormen Jobrisiken verbunden sind. Ich glaube das viele Männer, in diesem Fall Soldaten, eine hohe Motivation im Beruf mitbringen, da es ihre Partnerwahlchancen sehr verbessert, da eine Mehrzahl von Frauen noch immer erwartet, dass sie eine Familie versorgen können. Trotz Jahren oder gar Jahrzehnten der Gleichstellungsbewegung wird dieses traditionelle Partnerwahlverhalten von Frauen, das leider dazu beiträgt die traditionellen Geschlechterrollen zu erhalten, nicht kritisiert. Stattdessen werden Männern, die versuchen die funktionelle Ansprüche an sie zu erfüllen, Steine in den Weg gelegt, wenn Frauen mit geringerer Arbeitsmotivation bei Karriereentscheidungen bevorzugt werden. Speziell bei der Bundeswehr wird die daraus resultierende Unzufriedenheit mit diesem ungerechten, sexistischen Vorgehen oft als männliche Frauenfeindlichkeit ausgelegt, was ich schon für relativ perfide halte.

  • Von Kameradinnen, die nicht in den Auslandseinsatz müssen, dafür aber bei Beförderungen bevorzugt werden.
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    Stimmt! Es sind tatsächlich keine Latrinenparolen
    Auch werden Frauen weiter befördert, wenn sie 3 Jahre im Mutterschutz sind, evtl. dadurch nur Teilzeit arbeiten oder auch gar nicht.
    Logisch, dass da jeder Soldat sagt, dass so etwas gar nicht geht
    Das Niveu läßt auch erheblich nach, denn auch auf Arbeitsämtern und der ARGE wird Jugendlichen ohne Berufsabschluss geraten sich doch bei BW zu melden. Da wissen wir doch, was dann dort hin geht
    Mit der Aufgabe der Wehrpflicht begann der Verfall der BW. Hinzu kommt der unsinnige übertriebene Weiberkram.
    Viele der jüngeren Offiziere, die noch eine gute Ausbildung und Studium hatten, verlassen die BW, obwohl sie z. T. Berufsoffiz. sind. Sie verzichten somit auch auf alle ihre Gelder.

    Vielen Dank Herr Knauß, dass Sie nicht zu feige waren und nicht dem Weibermainstream folgten und das Thema mal angeschnitten haben.

    Steinbrück hat dies auch im Wahlkampf moniert und gemeint man müsse die Wehrpflicht wieder einführen und ausweiten. Und zwar für alle. Ein soziales Jahr also. Dann kann jeder wählen ob er zur BW geht oder Zivildienst macht, denn auch unsren jungen Mädchen schadet es nicht, sich mal einzubringen. Es gibt viel zu tun in unserem Land. Und 1 Jahr Arbeit im Altenheim oder Kindergarten täte so manch junger Frau gut
    Ein Land was ständig von Gleichberechtigung redet, sich die Frauen dann aber immer nur die Rosinen aus dem Kuchen picken, kann nicht gehen

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