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Pflegereform: Turnen gegen Alzheimer

von Elisabth Niejahr Zeit

Sport und Gedächtnistraining – die Politik ignoriert das billigste Präventionsprogramm gegen steigende Pflegekosten.

Eine Altenpflegerin hilft Quelle: dpa
Eine Altenpflegerin hilft Helga Malangre in der DemenzWG in Köln auf die Beine. Mit Sport kann Alzheimer entgegengewirkt werden. Foto: Oliver Berg dpa/lnw Quelle: dpa

So also sieht Kampfsport für Grauhaarige aus: Neun Erwachsene stehen aufgereiht in einer Berliner Turnhalle, straffen ihre Schultern, schieben ein Bein schräg nach vorn und wippen in den Kniegelenken. Einige bewegen sich geschmeidig, andere haben erkennbar Mühe. "Elegant geht anders, Oli, aber macht ja nix", ruft Trainer Carsten Brunner und versucht, aufmunternd zu gucken. Oliver Pohl, 47, Dirigent und Konzertpianist, ist zum ersten Mal beim Training. Nach einem Bandscheibenvorfall hat er sich für Budomotion angemeldet, ein neues Angebot in Brunners Karateschule. Er müsse bei der Arbeit viel sitzen, manchmal verspannt, und das vermutlich noch viele Jahre, sagt Pohl. Je länger er fit sei, desto länger könne er Geld verdienen. In Brunners Karateschule gibt es längst mehr Erwachsene wie Pohl als Jugendliche. Nachwuchs zu finden sei viel schwerer als Ältere, sagt der Trainer.

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Kleiner Aufwand, große Wirkung

Entsprechend sehen auch die Angebote aus. Budomotion ist neu im Programm, eine sanfte Version von Karate. Es ist einerseits so schonend, dass mehrere Krankenkassen für die ersten sechs Unterrichtsstunden zahlen. Andererseits ist es doch ein Kampfsport, der besser und härter aussieht als Aquagymnastik oder Nordic Walking, aber die Gelenke ähnlich schont. Die Bewegung mit dem schnell vorgestreckten Knie kommt auch in vielen Kursen für Pflegebedürftige mit mürben Knochen vor, als Sturzprophylaxe. Man lernt zu fallen.

Kleiner Aufwand, große Wirkung, noch größere Zukunft – so würden Altersforscher zusammenfassen, was Brenner in seiner Berliner Karateschule anbietet. So unspektakulär sieht aus, was Experten für Pflege und Demenz zurzeit für die klügste Antwort auf ein großes Zukunftsproblem halten, den aller Voraussicht nach dramatischen Anstieg von Pflegefällen, wenn die Generation der Babyboomer alt ist. Während in Berlin in diesen Tagen heftig darum gerungen wird, wie die Pflegeversicherung so reformiert werden kann, dass sie für eine steigende Zahl von Pflegefällen Leistungen finanzieren kann, hat sich der Blick vieler Wissenschaftler auf das Problem in den vergangenen Jahren verschoben: Sie schauen auf den Lebensstil der heute noch berufstätigen, mittleren Generation, auf deren Ernährung, ihre Bewegung, ihre Belastungen. Bei den Forschern setzt sich ein neuer Blick auf die Pflegebedürftigkeit durch, vor allem auf die Volkskrankheit Demenz. Alzheimer, die häufigste Demenzerkrankung, ist kein Schicksal, lautet ihre Botschaft. Ihr Ausbruch lässt sich nicht verhindern, aber bremsen. Entscheidend für das Pflegerisiko eines 70-Jährigen ist der Lebensstil in den zwanzig bis dreißig Jahren davor. Daraus folgt: Wer einen Pflegenotstand verhindern will, muss sich heute dafür interessieren, wie die Alten von morgen leben.

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Ohne medizinische Fortschritte würde sich allein die Zahl der Demenzkranken in den kommenden zwanzig Jahren verdoppeln und bis 2050 von heute 1,2 auf 4,8 Millionen Menschen steigen. Wie stark diese Zahl tatsächlich anwächst und ob in den Jahren 2030 bis 2050 eine junge Generation von Berufstätigen tatsächlich extrem belastet wird von einer dramatisch gestiegenen Zahl von Pflegebedürftigen – das hängt nach der neueren Diskussion extrem davon ab, wie die Vertreter der geburtenstarken Jahrgänge bis dahin leben werden. Die Gesundheitsvorsorge ist mindestens so wichtig wie die finanzielle Vorsorge.

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