Pflegereport : Die vergessenen Kranken

Pflegereport : Die vergessenen Kranken

, aktualisiert 09. November 2017, 11:05 Uhr
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Alt und gebrechlich, so stellt man sich Pflegebedürftige vor. Dabei sind 390.000 der rund drei Millionen Pflegebedürftigen unter 60.

von Peter ThelenQuelle:Handelsblatt Online

Die Zahl der jungen Pflegebedürftigen wächst. Doch laut des aktuellen Pflegereports der Barmer hat die Politik das bislang zu wenig auf dem Zettel. Aber nicht nur deshalb fordern Heimbetreiber von der Politik mehr Geld.

BerlinBei den Sondierungsgesprächen für eine mögliche Jamaika-Koalition steht das Thema Pflege auf der Tagesordnung. Dafür gibt es jetzt zusätzlichen Input vonseiten der Krankenkassen. Die Barmer stellte an diesem Donnerstag in Berlin ihren aktuellen Pflegereport vor. Dort kritisierte Vorstandschef Christoph Straub, dass man sich in der Politik beim Thema Pflege vor allem an einem gängigen Stereotypen orientiere: bettlägerig, hilflos und vor allem alt. Dass das nicht das vollständige Bild sei, zeige der Report: „Es fehlen die jüngeren Pflegebedürftigen. Und wir mussten leider feststellen, dass es für sie im heutigen Pflegesystem viel zu wenig Angebote gibt.“ 

Dies bestätigt eine repräsentative Umfrage bei Pflegebedürftigen unter 60. Danach fehlen für Pflegebedürftige vom Kleinkindalter bis in die Nähe des Rentenalters 4000 teilstationäre und rund 3400 Kurzzeitpflegeplätze. Zudem können junge Pflegebedürftige häufig nicht so wohnen, wie sie es bevorzugen: Es fehlen die entsprechenden Angebote. „Für junge Pflegebedürftige geht das Angebot an geeigneten Pflegeplätzen an deren Bedürfnissen vorbei, Wunsch und Wirklichkeit klaffen häufig auseinander“, sagte Straub. „Die Situation der jungen Pflegebedürften muss dringend verbessert werden, und zwar kurzfristig. Hier sind Politik, Pflegekassen und Leistungserbringer gleichermaßen gefragt.“

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Laut Report gab es 2015 insgesamt 386.000 Pflegebedürftige unter 60 Jahren. Das sind 13,5 Prozent der 2,86 Millionen Pflegebedürftigen mit den Pflegestufen eins bis drei. Während der weitaus größere Teil aller Pflegebedürftigen weiblich ist, verhält es sich bei den jüngeren genau entgegengesetzt. 175.000 weibliche stehen 211.000 männliche Pflegebedürftige gegenüber. Auch leiden die jüngeren Betroffenen eher selten an Demenz oder den Folgen von Schlaganfällen. Nach der Analyse des Reports haben 35 Prozent Lähmungen, 32 Prozent Intelligenzminderungen, 24 Prozent eine Epilepsie und zehn Prozent das Down-Syndrom.

Pflegereport-Autor Heinz Rothgang von der Universität Bremen fordert, dass Pflegeeinrichtungen auf dieser Entwicklung reagieren müssen. Denn: „Junge Pflegebedürftige haben ganz andere Bedarfe als ältere.“ Gerade für pflegebedürftige Kinder und junge Erwachsene bleibt der Wunsch nach einem selbststimmten Wohnen häufig unerfüllt. Wie die eigens durchgeführte Umfrage bei 1700 Versicherten ergeben hat, würden gerne 35 Prozent der Zehn- bis 29-Jährigen in eine Wohngruppe ziehen. Wegen des fehlenden Angebots kann dieser Wunsch aber nur jedem Zweiten erfüllt werden. „Die unerfüllten Wünsche nach einem selbstbestimmten Wohnen vieler junger Pflegebedürftiger müssen für Politik, Bauwirtschaft und Interessensverbände ein Ansporn sein, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Erforderlich sind mehr ihrem Alter angepasste Wohnplätze für Kinder, Jugendliche und sehr junge Erwachsene“, sagte Straub.

Vor allem bei der Kurzzeitpflege gibt es massive Versorgungslücken. Neun Prozent nutzen dieses Angebot mindestens einmal im Jahr. Den Wunsch hätten aber 19 Prozent. Mehr als jeder Wunsch nach Kurzzeitpflege kann deshalb nicht erfüllt werden. Ähnlich düster sieht es bei der Tagespflege aus. Jeder fünfte junge Pflegebedürftige wünscht sich ein entsprechendes Angebot, aber insgesamt können nur 13 Prozent diesen Wunsch realisieren. Als Gründe geben sie an, dass es für ihre Altersgruppe entweder gar kein oder nur ein kleines Angebot gibt, das für die eigene Erkrankung passt. „Die ergänzenden Pflegeleistungen, die die häusliche Pflege stärken sollen, würden insgesamt mehr genutzt werden, wenn die alters - und erkrankungsspezifischen Angebote gegeben wären“, sagte dazu Rothgang.


Der nächste Kostenschub wartet schon

Von einer Jamaika-Koalition erhofft sich die Branche deshalb eine Verbesserung der aktuellen Situation. Bislang haben die Sondierungsgespräche von Union, FDP und Grüne zum Thema Pflege einen eher oberflächlichen Konsens gebracht, der sich auf die Formel bringen lässt: Alle sind für mehr Personal und eine bessere Ausstattung. Das deckt sich mit den Forderungen des aktuellen Barmer Reports. Allerdings kritisiert Axel Hölzer, Geschäftsführer des relativ jungen Pflegeunternehmens Dorea, dass auch der Report verschweige, wie und vor allem mit welchem Geld die Defizite beseitigt werden könnten.

Auch Hölzer wünscht sich mehr Personal. „Aber wer das will, muss bundesweit verbindliche Personalschlüssel für Heime definieren, die deutlich höher liegen als heute“, sagte Hölzer. Nur dann hätten die Betreiber von Heimen und Pflegediensten eine Chance, die erforderlichen Vergütungssteigerungen in den Verhandlungen mit den Pflegekassen durchzusetzen. „Wer Ein-Bett-Zimmer als Standard fordert, muss auch die Mittel hierfür zur Verfügung stellen; allein die bis 2030 notwendigen Ersatz-und Neubauten kosten nach Schätzungen 54 Milliarden Euro“, erklärte Hölzer. Wer eine bessere Bezahlung wolle, müsse entsprechende gesetzliche Vorgaben machen. „Der derzeitige Mindestlohn in der Pflege allein reicht dafür nicht aus. Insgesamt gilt, wer mehr Personal will, höhere Löhne und bessere Angebote – etwa auch für junge Pflegebedürftige – , muss dafür tiefer in die Tasche greifen“, so Hölzer weiter.

Eine mögliche Konsequenz wären höhere Beiträge. Stattdessen kann sich Hölzer allerdings auch vorstellen, dass stattdessen der Solidaritätszuschlag nicht vollständig abgeschafft wird. Dieser könnte zumindest teilweise in einen Steuerzuschuss für bessere Pflegeangebote umgewidmet werden. Teurer wird es bei der Pflege allerdings auch ohne solche Leistungsverbesserungen. Dafür sorgt vor allem die wachsende Nachfrage nach Pflegeleistungen in einer alternden Gesellschaft. Diese wurde, so belegt der Barmer-Report, durch die in den vergangenen Jahren bereits beschlossenen Leistungsverbesserungen regelrecht angeheizt: Dies gilt für allem für die häusliche Pflege. Hier gingen die Leistungsausgaben 2016 um 50 Prozent in die Höhe – zum Beispiel durch die neu eingeführte Hilfen für pflegende Angehörige.

Doch im kommenden Jahr wartet schon der nächste Kostenschub. Dann treten die neuen Kriterien für die Pflegebedürftigkeit und damit verbundene Leistungsverbesserungen in Kraft. Hier rechnet die Barmer allein für die stationäre Pflege mit Mehrkosten von fast zwei Milliarden  Euro im laufenden Jahr. Entsprechend gering dürften die finanziellen Spielräume für die Unterhändler sein.

Quelle:  Handelsblatt Online
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