Philosoph Konrad Paul Liessmann: "Wer keine Ahnung von Geschichte hat, dem hilft auch Wikipedia nicht weiter"

InterviewPhilosoph Konrad Paul Liessmann: "Wer keine Ahnung von Geschichte hat, dem hilft auch Wikipedia nicht weiter"

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Konrad Paul Liessmann ist Professor für Philosophie an der Universität Wien und wissenschaftlicher Leiter des Philosophicums in Lech.

von Ferdinand Knauß

In seiner Streitschrift „Geisterstunde. Praxis der Unbildung“ rechnet der Philosoph Konrad Paul Liessmann mit den Moden des Nichtwissens ab. Ein Gespräch über PISA, Bologna und Adam und Eva.

WirtschaftsWoche Online: Herr Liessmann, Ihr neues Buch heißt 'Praxis der Unbildung'. Wissen wir alle zu wenig?

Konrad Paul Liessman: Mir geht es nicht um Unbildung in dem Sinne, dass man zu wenig gelesen hat oder vieles nicht weiß. Wir wissen alle immer zu wenig. Es gab immer mehr in den Archiven und Bibliotheken, als man als einzelner wissen kann. Mir geht es um die Begriffsverwechslung, die darin besteht, dass man uns bestimmte Einrichtungen und Entwicklungen als Bildung verkaufen will, obwohl es sich dabei um Dinge handelt, die die Idee der Bildung sabotieren und zerstören.

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WirtschaftsWoche: Ihr Buch ist eine Streitschrift. Die schreibt man, weil man wütend ist. Was ist der Anlass für Ihre Wut?

Mich hat die Hörigkeit gegenüber der PISA-Ideologie wütend gemacht, die Ausrichtung des gesamten Bildungssystems in Deutschland und Österreich an einem höchst fragwürdigen Test. Der zweite Grund, der auch schon für mein Vorgängerbuch „Theorie der Unbildung“ eine große Rolle spielte, ist die so genannte Bologna-Reform der Universitäten. Dazu kommt noch die Kompetenzorientierung in den Studien- und Lehrplänen, die ich sehr kritisch sehe.

Das Buch

  • Konrad Paul Liessmann: Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung.

    "Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung" von Konrad Paul Liessmann ist im Zsolnay-Verlag erschienen. Preis: 17,90 Euro, als E-Book: 13,99 Euro.

Also das Ersetzen des Bildungszieles Wissen durch Fähigkeiten.

Keiner weiß genau, was diese Kompetenzen bedeuten. Sie sind höchst fragwürdig, völlig schwammig, ideologisch aufgeladen und beliebig.

Wie kam es dann dazu, dass man sie für so wichtig hält?

Das kommt historisch eher aus der Wirtschaft. Ursprünglich bedeutet Kompetenz so etwas wie Zuständigkeit. Ein Minister kann sagen: Dieses Thema fällt nicht in meine Kompetenz. Aber so wird das Wort kaum noch verwendet. Der heutige Kompetenzbegriff entstand im Zuge der Taylorisierung von Arbeitsprozessen. Also durch den Versuch, nicht nur zu messen, wie lange es dauert, bis ein Arbeiter bestimmte Arbeitsschritte vollzogen hat, sondern auch zu bestimmen, wie diese Leistungen verbessert werden können - indem man die zugrunde liegenden Fähigkeiten beobachtet und dann den Arbeiter schult und optimiert. Der Gedanke dahinter ist also, den Menschen aufzusplittern in einzelne, isoliert zu bewertende Fähigkeiten.

Kompetenzorientierung heißt also Bildungsziele und -ergebnisse in Zahlen auszudrücken.

Es ist skurril, dieses Bedürfnis nach Quantifizierung und einer analytischen Zergliederung. Der neue Schweizer "Lehrplan 21" für Grundschulen zum Beispiel listet auf 500 Seiten rund 4500 Kompetenzen auf, die die Sechs- bis Elfjährigen erwerben sollen. Jede Regung des Schülers wird als Kompetenz definiert und soll überprüft werden. Aber natürlich kann das niemand, weil niemand wirklich weiß, was solch eine Kompetenz überhaupt ist, geschweige denn wie diese gemessen werden soll.

Offener Brief an die OECD Bildungswissenschaftler attackieren PISA-Macher

Wissenschaftler und Pädagogen machen PISA-Chef Andreas Schleicher in einem Offenen Brief schwere Vorwürfe. Die Bildungstests der OECD schadeten den Schülern - und seien wissenschaftlich fragwürdig.

huGO-BildID: 34106511 ARCHIV - ILLUSTRATION - Die Wörter «PISA Studie» stehen am 06.12.2010 an einer Hauptschule in Arnsberg (Nordrhein-Westfalen) auf einer Glasscheibe, während Schüler den Unterricht verfolgen. Beim neuen internationalen Pisa-Schultest behaupteten sich die 15-jährigen Schüler im Mittelfeld. Foto: Julian Stratenschulte/dpa (zu dpa 0416 vom 03.12.2013) +++(c) dpa - Bildfunk+++ Quelle: dpa

Die PISA-Macher von der OECD behaupten, dass sie es können.

Aber sie können es nicht. Ein Beispiel: Zentral in allen Lehrplänen in Deutschland und Österreich ist die so genannte Selbstkompetenz. Wie ist die überhaupt definiert? Wann ist ein Schüler selbstkompetent entsprechend der acht Niveaus, die die EU vorgibt? Wenn er sich selbst anziehen kann? Selbst essen kann? Sich verlieben kann? Das ist doch unsinnig. Wie will man das bewerten? Oder nehmen wir die so genannte Reflexionskompetenz. Wenn ein Sechsjähriger sagt: „Ich sehe das nicht so“ - ist der dann schon reflexionskompetent? Oder wenn ein 18-Jähriger sagt, dass er dieses oder jenes oder auch gar nichts denkt? Hier ist der Ideologisierung der Schule Tür und Tor geöffnet.

Wie erleben Sie als Hochschullehrer konkret die Praxis der Unbildung? Und was tun Sie selbst dagegen?

Oasen der Bildung gibt es nicht mehr. Das ist auch ein Grund, warum ich diese Streitschrift geschrieben habe. Wir erleben an der Universität die Praxis der Unbildung etwa in Form der Rahmenstudienpläne. Ich habe es immerhin geschafft, dass aus dem für die Lehramtsstudenten in Philosophie die Kompetenzorientierung gestrichen wurde. Ich habe gesagt: Nur über meine Leiche. Das wollte man dann doch nicht.

Wenn ich mit Lehrern und Professoren über PISA oder die Bologna-Reformen spreche, äußern die fast immer ähnliche Ansichten wie Sie. Aber öffentlich wehren sie sich kaum dagegen.

Ja, das ist leider so. Ich finde es auch erstaunlich, wie passiv und resigniert die deutschen Universitäten den Bologna-Prozess über sich ergehen ließen und vieles noch in vorauseilendem Gehorsam exzessiv verschärfen. Obwohl es keines besonderen Mutes für einen Professor bedarf zu sagen: Ich mache nicht mit. Oder: Das finde ich falsch. Ich wollte gerade nicht zu denen gehören, die nur hinter vorgehaltener Hand klagen. Darum habe ich dieses Buch geschrieben. Auch um andere zu ermutigen, ihr Unbehagen zu artikulieren.

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