Pilotprojekt Gesichtserkennung: Warum gibt die Bundespolizei Steuergelder für Amazon-Gutscheine aus?

Pilotprojekt Gesichtserkennung: Warum gibt die Bundespolizei Steuergelder für Amazon-Gutscheine aus?

, aktualisiert 02. August 2017, 16:36 Uhr
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Trotz herber Einschnitte in die Privatsphäre nehmen viele Menschen an dem Pilotprojekt Gesichtserkennung am Berliner Südbahnhof teil.

von Roman TyborskiQuelle:Handelsblatt Online

Für die 300 Testpersonen des Video-Pilotprojekts der Bundespolizei am Berliner Südkreuz winkt am Ende ein Amazon-Gutschein. Bezahlt wird der mit Steuergeldern. Zum Ärger von Verbraucherschützern und Gewerkschaften.

BerlinEigentlich sollten es maximal 275 Testteilnehmer werden. Doch der Andrang war größer als gedacht. Mehr als 300 Menschen wollten am Pilotprojekt der Bundespolizei am Berliner Bahnhof Südkreuz teilnehmen. Die Behörde darf nun die Fotos ihrer Gesichter in einer Datenbank speichern, damit sie mit einer Gesichtserkennungssoftware abgeglichen werden können. Außerdem müssen die Testteilnehmer einen Transponder an ihren Körpern tragen, durch den überprüft werden kann, ob sie sich auch wirklich auf dem Bahnhof befinden, wenn die Videokamera sie erkannt haben will. Trotz dieser Einschnitte in die Privatsphäre nehmen so viele Menschen an dem Pilotprojekt teil. Die ausführende Bundespolizei hat dafür nämlich auch ganz schön was springen lassen.

Viele dürfte vermutlich der 25-Euro-Gutschein des Versandriesen Amazon gereizt haben. Sie müssen innerhalb des halbjährigen Testzeitraums nur an 25 Tagen an der Kamera vorbeilaufen, schon kann die Online Shopping-Tour losgehen. An drei Probanden, die an mindestens 30 unterschiedlichen Tagen am häufigsten den Testbereich nutzen, werden als Hauptpreise sogar eine Apple Watch, ein Fitnessarmband der Firma Fitbit und eine GoPro verlost.

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Amazon, Apple, Fitbit und GoPro - alles US-Konzerne. Bezahlt werden Gutscheine, Uhr, Armband und Actionkamera aber mit deutschen Steuergeldern. SPD-Verbraucherschützerin Elvira Drobinski-Weiß sieht das kritisch. „Eine Barauszahlung wäre in meinen Augen geschickter gewesen. Und ich bin davon überzeugt, dass sich genauso viele Menschen gemeldet hätten, wenn man statt des Amazon-Gutscheins an die Testpersonen 25 Euro ausgezahlt hätte.“

Auch die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi findet die Wahl der Belohnungen für die Testpersonen unpassend. „Dass man so ein Unternehmen subventioniert, welches seinen Beschäftigten rigoros einen Tarifvertrag verweigert, ist unglücklich“, erklärt Verdi-Pressesprecherin Eva Völpel. „Da hätten wir uns mehr Fingerspitzengefühl gewünscht.“

Für den Sprecher der Bundespolizei Berlin, Jens Schobranski hingegen, machen die Amazon-Gutscheine durchaus Sinn. „Wir wollten etwas nehmen, was von vielen technikaffinen Menschen nutzbar ist.“ Mit dem Gutschein von Amazon könne man die verschiedenen Interessen der 300 Tester am besten abdecken, ohne dass sie örtlich oder zeitlich gebunden wären, erklärt Schobranski.

Einen vergleichbaren deutschen Anbieter hätte es nicht gegeben. Der Polizeisprecher betont aber, dass es keine Zusammenarbeit zwischen der Behörde und den US-Konzernen gäbe, die die Entscheidung beeinflusst hätte. Dennoch stellt sich die Frage, ob bei Pilotprojekten des Bundes, die mit Steuergeldern finanziert werden, diese unbedingt an US-Großkonzerne abfließen müssen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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