Politikverdrossenheit: Thilo Sarrazin und der Aufstand der bürgerlichen Mitte - Seite 2

Politikverdrossenheit: Thilo Sarrazin und der Aufstand der bürgerlichen Mitte

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Die Bürger begehren gegen die Arroganz der Macht auf – das ist die eigentliche Nachricht der vergangenen Woche. Und die Politik täte gut daran, sich ihren Bürgern zu stellen, ihren doppelbödigen Ruf nach „Entschlossenheit“ ernst zu nehmen. Denn dieser Bürgerprotest geht nicht von der Peripherie der Gesellschaft aus, wie früher, um sich langsam in ihr Zentrum vorzufressen, sondern vom Zentrum selbst, das heißt: Er äußert sich nicht aus Verantwortung für die Gesellschaft gegen sie, um schließlich erfolgreich in ihr aufzugehen, wie das zum Beispiel bei der Umweltschutz-Bewegung der Fall war, sondern er äußert sich in der Bürgergesellschaft – gegen die Politik. Anders gesagt: In der Bürgerprotest-Bewegung stehen sich keine Weltanschauungen mehr gegenüber, die politisch mehr oder weniger repräsentiert würden, sondern Bürger und Politik prallen unvermittelt aufeinander.

Der Protest hat sich einerseits zivilisiert, weil das Etablierte nicht mit Steinen und Molotowcocktails wirft, sondern sich mit Büchern und Statistiken bewaffnet. Andererseits verbirgt sich hinter der Bürger-Apo eine revolutionäre Sprengkraft, weil der Protest der gesellschaftlichen Mitte an sich, also durch sein bloßes Stattfinden, beweist, dass die parlamentarische Demokratie das fruchtbare Feld der gesellschaftlichen Mitte, von dem sie sich nährt, nicht mehr ausreichend beackert.

Thilo Sarrazin hat die Thesen der konservativen Rufer ins unerträglich Biologistische eskaliert: Der „Volkscharakter“ der Deutschen sei „Fäulnisprozessen“ ausgesetzt, weil „Bildungsgrad und erbliche Intelligenz in einem befruchtenden Verhältnis stehen“ und weil „die enorme Fruchtbarkeit der muslimischen Migranten“ dazu führe, dass der Tagesrhythmus in 100 Jahren „vom Ruf der Muezzine bestimmt wird“. An der gefährlichen Blödheit dieser Sätze gibt es nichts zu rütteln. Sarrazin redet einem Fatalismus das Wort, der keinen Platz lässt für Bildungs- und Aufstiegsversprechen. Er erklärt das Thema Bundesrepublik für erledigt – und schürt damit die Vorurteile derer, die sich Deutschland braun angestrichen wünschen.

Die politische Sphäre wiederum schien geradezu erleichtert, als Sarrazin auf seiner Talkshow-Tournee das „jüdische Gen“ rausrutschte: Endlich bestand kein Zweifel mehr an der Abseitsposition des Querulanten; endlich gab es keinen Grund mehr, sein Buch auf Wahrheiten jenseits der genetischen Laienforscherei abzuklopfen. Nicht nur, weil Sarrazin Deutschlands Gegenwart im Modus der vollendeten Zukunft verhandelt, sondern auch, weil eine bürgerliche Regierung es nicht fertigbringt, Integrationsverweigerungen (Spracherwerb, Rollenbild der Frau) angemessen zu adressieren, spitzt sich die antipolitische Stimmung in Deutschland zu. Dass der Union in dieser Woche mit Roland Koch der letzte Politiker abhanden gekommen ist, der das von Richter Sarrazin und seinen Henkern in die Sackgasse manövrierte Megathema produktiv hätte aufnehmen können, zeigt nur, wie tief der Graben zwischen Politik und Bürgern aufgerissen ist.

Wille zur Selbstausbürgerung

Angela Merkel hat Sarrazin politisch hingerichtet – und jeder Trottel schmeißt ihm nun einen Stein hinterher. Den bürgerlichen Revoluzzern wird damit ein weiteres Argument zur politischen Emigration und Selbstabschließung geliefert: Wer sich über Sarrazin empört und zugleich weiß, dass das Sprachdefizit vieler türkischer Kinder die Lernleistung aller Grundschüler drückt, darf sich etwa nicht über Eltern beklagen, die ihren Nachwuchs möglichst früh einer privatschulischen Obhut anvertrauen wollen.

Umgekehrt gilt: Wer der Politik vorwirft, sie vernachlässige die Integration, kann sein Kind nicht aus vorauseilender Angst vor fünf, sechs Klassenkameraden mit Migrationshintergrund in Sicherheit bringen. Der bürgerliche Aufstand gegen die Schulreform in Hamburg hat gezeigt, dass der Konflikt zwischen Bürgern und Politik höchst ambivalent ist, ja: dass der Protest der Bürger sich auch im Wege der Selbstausbürgerung artikuliert – und diskreditiert. Thilo Sarrazin leistet diesen kleinbürgerlichen Schäbigkeiten („Nur das Beste für mein Kind – der Rest ist ohnehin verloren.“) auf seine Weise Vorschub, wenn er seine ernste Sorge um das Land und seine diskutablen Lösungsvorschläge hinter allerlei genetischem Argumentationsgewölk zum Verschwinden bringt – und Deutschland bereits im Buchtitel für verloren erklärt.

Bei Angela Merkel verhält sich die Sache nicht viel besser: Sie heizt den Protest der Bürger durch die demonstrative Nichtbeachtung von Sarrazins Analyse an – und sieht schulterzuckend zu, wie Deutschlands Mitte sich mit Ressentiment gegen die repräsentative Demokratie auflädt. Das ist fatal. Die Uhr tickt, die Zeit läuft – gegen einen Aufstand der Anständigen in der Politik. Wenn die Mitte ihre Mitte verliert, schafft Deutschland sich am Ende tatsächlich ab. 

236 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 16.08.2011, 20:53 UhrAnonymer Benutzer: Fragezeichen

    Wird die Gesellschaft totgelinkt ?
    Oder ist die Gesellschaft totgelinkt ?

  • 12.10.2010, 00:01 UhrAnonymer Benutzer: logon

    2 großartige Männer gegen die (lächerlichen) Eliten, über die die Zeit hinweggehen wird.
    CDU und SPD, hilflose Altparteien, die keine Antworten auf die Zukunft geben können. Feige, verknöchert, hilflos...

  • 09.10.2010, 12:07 UhrAnonymer Benutzer: Es ist zu spät,

    nicht nur für "die Mitte" sondern auch für mich als Vater eines kurz vor der Volljährigkeit stehenden Sohnes und Schülers die von Herrn Dr. Sarrazin beeindruckend klar dargestellten Erkenntnisse, genügend zu berücksichtigen.

    bis Seite 225, soweit bin ich beim Lesen seines buches bisher gekommen, hat mich der inhalt,
    offen und verständlich angesprochen, beeindruckt und zugleich nachdenklich gestimmt.

    Nun, die Schilderung der altbekannten Tatsachen über den Einfluss eine ganz besonderen Volksgruppe
    vor 1930 (Seiten 94 / 95), wird heute vermutlich
    kritisiert auch wenn es den damaligen Zuständen entsprach.

    Nun, ich lese weiter mit großem interesse doch
    was die deutsche Mitte (o. Migrationshintergrund)
    in der Zukunft auf deutschem boden betrifft, habe ich wenig Hoffnung in dem "real existierenden Europa" wie es sich uns Deutschen und anderenen
    Nationen derzeit klar erkenntlich offenbart, ihre
    alten gewohnten Positionen zu behaupten.

    Es wird gelten wie es schon mehrmals galt: "Das Alte ist vergangen.....". Allen werdenden Eltern,
    Erziehern, Lehrern kann ich das Lesen des von höchsten deutsch- europäischen Stellen kritisierten buches von Herr Sarrazin jedoch nur empfehlen,
    rechtzeitig, vielleicht auch gerade wegen dieser Kritik auch wenn es sich nicht ganz so leicht ließt
    wie das was man sonst so täglich vielfach unkritisch
    lißt, um danach selbst zu urteilen.
    Anmerkungen eines deutschen Vaters, der sich der
    im buch oft genannten "bildungsfernen", als der
    "bildungsnahen" Gruppe des deutschen Vokes
    zugehörig fühlt.

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