Politikverdrossenheit: Thilo Sarrazin und der Aufstand der bürgerlichen Mitte

Politikverdrossenheit: Thilo Sarrazin und der Aufstand der bürgerlichen Mitte

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Thilo Sarrazin, Arnulf Baring

von Dieter Schnaas

Die bürgerliche Mitte geht gegen die Ignoranz der politischen Kaste auf die Barrikaden. Sie wirft nicht mit Steinen; sie bewaffnet sich mit Büchern und fragwürdigen Argumenten. Wenn aber die Mitte ihre Mitte verliert – was dann?

Jede Zeit hat ihren Thilo Sarrazin, ihren bildungsstolzen Einspruchsdenker und sorgenvollen Verfallspropheten. Der Sarrazin vor Thilo hieß Arnulf Baring. Der Jurist, Historiker und Politikprofessor ist 13 Jahre älter als der Volkswirt, Banker und Berufspolitiker und hat vor 13 Jahren dasselbe Buch geschrieben. Mit dem Unterschied, dass Baring damals die entscheidende Frage („Scheitert Deutschland?“) stellte, die Sarrazin heute für beantwortet hält: „Deutschland schafft sich ab.“

Der Unterschied ist keine Kleinigkeit. Dass das vergreisende Deutschland, demografisch geschwächt durch den Gebärstreik der deutschen Frau, ausländische Sozialhilfeempfänger importiert, dass die mangelhafte Brauchbarkeit und Integrationsbereitschaft etlicher Zuwanderer den Wirtschaftsstandort schwächt und die „politische Klasse“ dieses Probleme nicht sieht, nicht sehen will oder sich weigert, aus ihren Beobachtungen die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen, findet Baring bereits 1997 skandalös.

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„Multikulti ist gescheitert“, resümiert er ein paar Jahre später, „weil die Ausländer die deutsche Kultur neben ihrer eigenen nicht akzeptieren oder auch nur dulden wollen“ – und weil „gegen Tatsachen blinde Gutmenschen“ und politische „Deppen“ das Offensichtliche verharmlosen würden. 2002 ruft Baring daher zum Aufstand auf: „Bürger, auf die Barrikaden! Wir dürfen nicht zulassen, dass alles weiter bergab geht, hilflose Politiker das Land verrotten lassen... Wir sind das Volk!“

Aufklärung steht auf dem Spiel

Acht Jahre später ist der Bürgeraufstand da – und er entlädt sich in einer Mischung aus Wut und Resignation, aus Depression und Raserei. Plötzlich zünden die bekannten Thesen, plötzlich fesseln die Untergangsszenarien – aber warum ausgerechnet jetzt? Weil das Gefühl der Ohnmacht angesichts der Staatsschulden, der demografischen Krise und des munter zirkulierenden Anspruchsdenkens im überdehnten Sozialstaat mit jedem weiteren Tag wächst, den eine schneckenhaft kompromisslerische Politik verstreichen lässt?

Weil die (letzte) Hoffnung (vieler) bitter enttäuscht wurde, dass wenigstens eine Regierung, die sich als „bürgerlich“ bezeichnet, die Sorgen der brav arbeitenden Mitte ernst nimmt? Weil die Fehlerhaftigkeit von Hochleistungssystemen (Finanzmärkte, Ölbohrungen), die Trägheit von politischen Veränderungsprozessen und die ständige Beurkundung von „Alternativlosigkeiten“ das Vertrauen in den vernunftgeleiteten Fortschritt so nachhaltig erschüttert haben, dass nichts weniger als die Idee der Aufklärung auf dem Spiel steht, also der Glaube daran, dass es eine andere, bessere Zukunft gibt?

Der historische Determinismus hat wieder Konjunktur in Deutschland – und mit ihm die Lust an der Angst, zur Radikalität und Revolte. Der Zuspruch zu den Befunden der konservativen Kassandras war nie stärker, die Wut der steuerzahlenden Mitte auf die politische Kaste nie größer, die Ignoranz des politischen Betriebs nie auffälliger als ausgerechnet hier und heute. Thilo Sarrazin hat sein Buch innerhalb weniger Tage mehr als 250.000-mal verkauft. In Umfragen von Fernsehsendern erhalten seine Thesen 80 Prozent Zustimmung. Beim Internet-Buchhändler Amazon akklamieren Tausende von Lesern Hunderte von eifrig zustimmenden Rezensionen. Aus den digitalen Echokammern des Netzes hallt uns allerorten ein jubelndes „Endlich Klartext!“ entgegen.

Das Einzige, was sich nicht geändert hat, ist die brüske Zurückweisung des grummelnden Volksbegehrens durch die Politik. Bundeskanzlerin Angela Merkel legte der Bundesbank nahe, sich von ihrem Vorstandsmitglied zu trennen. SPD-Chef Sigmar Gabriel zettelte ein Parteiausschlussverfahren an.

Am Ende dieser denkwürdigen Woche weiß man wirklich nicht mehr, worüber man sich mehr wundern sein soll: über den kaum verhüllten Rassismus des Buchautors, über die Wucht der Zustimmung, die Sarrazin mit seiner raunenden Endzeitrhetorik erfährt – oder über die Borniertheit einer Politik, die Sarrazin pflichtgemäß tadelt und dabei einmal mehr so tut, als gingen sie die vielen Probleme, die er im Windschatten seines Geraunes sehr zu Recht beim Namen nennt, nichts an.

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