ThemaWahlen 2014

Politische Debatte: Die Republik im Umfragewahn

31. Januar 2013
von Ferdinand Knauß

Die Niedersachsenwahl machte deutlich, dass Wahlforscher und Demoskopen nicht nur Beobachter sind, sondern auch Akteure in der politischen Arena. Wir leben in einer Umfragedemokratie.

Um Erklärungen war keiner verlegen. Die Landtagswahlen in Niedersachsen waren nicht nur verteufelt knapp, sondern entsprachen auch nicht den Erwartungen. Und trotzdem gab es für das, was passiert war, exakt passende Erklärungen der Wahlforscher. Wer nach den ersten Hochrechnungen am Abend des 20. Januar erwartet hätte, dass die Umfrage-Institute und ihre Auftraggeber ratlos sind, angesichts der Unterschiede zu ihren Umfrageergebnissen der Wochen zuvor, sah sich getäuscht.

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Alle Institute hatten die CDU vorher zwischen 39 und 41 Prozent gesehen, statt 36 Prozent, und die FDP knappste den Umfragen zufolge an der 5 Prozent-Hürde herum, während sie tatsächlich fast doppelt so viele Stimmen (9,9 Prozent) schaffte. Die summierte Abweichung der Umfragewerte vom Wahlergebnis lag bei allen Wahlforschungsinstituten bei 10,0 Prozentpunkten (Forschungsgruppe Wahlen) und mehr. Aber die Demoskopen konnten auch das wiederum demoskopisch erklären: Die CDU hat dem Koalitionspartner eben Stimmen „ausgeliehen“.

In den beiden Umfragen der Forschungsgruppe Wahlen unmittelbar vor dem Urnengang, die das ZDF traditionellerweise nicht veröffentlicht, hätte sich der Anstieg der FDP-Wähler deutlich gezeigt, sagt Vorstandsmitglied Andrea Wolf. Und vor allem hätte sich gezeigt, dass 80 Prozent der bekennenden FDP-Wähler eigentlich die CDU am liebsten mögen. Ähnliches sagt auch Richard Hilmer, ihr Konkurrent von Infratest-Dimap. Zwei Drittel der FDP-Zweitstimmenwähler hätten ihr Votum selbst als "Leihstimme" bezeichnet.

Aus diesem Befund wurde in den Tagen danach von den professionellen Wahldeutern in Redaktionen und Parteien die angebliche „Leihstimmenkampagne“ der CDU gemacht. Journalisten – die meisten hatten die FDP zuvor auf Basis der Umfrageergebnisse wochenlang totgeredet – und Politiker außerhalb der FDP hatten die durch die Wahlforscherei scheinbar belegte These gleichermaßen dankbar aufgegriffen. Selbst in der CDU schienen viele daran zu glauben, so dass bald angebliche Schwüre kolportiert wurden, dass man so etwas nie wieder tun werde. Kaum einer machte sich die Mühe, in der erst wenige Tage und Wochen alten Wahlkampfberichterstattung nachzulesen. Da war nämlich nirgendwo die Rede von einer Kampagne der niedersächsischen CDU, die FDP zu wählen. Es gab sie schlicht nicht, die Leihstimmenkampagne. Weder David McAllister noch andere CDU-Wahlkämpfer haben ihre Wähler aufgefordert, die FDP zu wählen.

Die Demoskopen selbst hatten das getan. Denn ihre Umfragen machen taktisches Wählen erst möglich. Was für die Quantenmechanik gilt, gilt auch für das Wahlverhalten der Gegenwart: Messungen beeinflussen das gemessene Objekt. Wer nicht weiß, dass die FDP anscheinend knapp an der 5-Prozent-Hürde scheitern könnte, und damit als Koalitionspartner ausfallen könnte, der hat keinen Grund statt der eigentlich favorisierten CDU die FDP zu wählen. All die professionellen Wahlforscher, die die FDP vor der Wahl tot redeten, haben die taktische Reaktion der FDP-wählenden CDU-Freunde erst herausgefordert. So blöd sind CDU-Wähler nicht, dass sie für diese Erkenntnis eine Kampagne der CDU brauchen. Aber die FDP-Schlechtreder brauchten die Legende von der Leihstimmenkampagne, um den Ansehensverlust durch die Fehlprognose auszuwetzen.  

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