Populärer als Merkel: Warum Steinmeier Deutschlands Liebling ist

KommentarPopulärer als Merkel: Warum Steinmeier Deutschlands Liebling ist

von Max Haerder

Die deutschen Wähler mögen seriöse Langweiler und tiefenentspannte Seriosität. Besonders in der Diplomatie. Dass Frank-Walter Steinmeier die Beliebtheitsskala der Politiker anführt, hat er aber jemand anderem zu verdanken – seinem Vorgänger.

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Frank-Walter Steinmeier: 70 Prozent der Deutschen sind mit seiner politischen Arbeit zufrieden oder sogar sehr zufrieden.

Es könnte an Angela Merkels unfallbedingt eingeschränkten Bewegungsradius liegen, vielleicht auch eher daran, dass die Kanzlerin Nicht-Politik zum Markenzeichen ihrer Politik gemacht hat. Jedenfalls blicken die Deutschen in diesen Tagen mit besonderem Wohlgefallen nicht auf ihre nahezu unsichtbare Kanzlerin, sondern auf einen ihrer Minister: Frank-Walter Steinmeier.

70 Prozent, so dokumentiert es eine neue Umfrage, sind mit der Arbeit des Außenministers zufrieden, das bedeutet Platz 1. Die Kanzlerin rangiert mit 69 Prozent immerhin nur knapp dahinter. Folgen kann den beiden nur noch Finanzminister Wolfgang Schäuble (68 Prozent). Der gefühlt schon jetzt feststehende SPD-Kanzlerkandidat 2017 und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel dagegen? Abgeschlagen.

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Beliebter Steinmeier Der Höhenflug des Silberschopfs

Kanzlerin Merkel, die ein starkes Wahlergebnis holte und seitdem nichts Böses, allerdings auch sonst nichts verkündete, rutscht in der Beliebtheit auf Platz zwei. Ausgerechnet Steinmeier übernimmt. Wie kann das sein?

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) überrascht mit starken Beliebtheitswerten. Quelle: dpa

Momentaufnahmen – selbstverständlich. Aber Steinmeier knüpft an eine Tradition an: Fast immer waren deutsche Chefdiplomaten beim Volk beliebt, meistens sogar sehr beliebt, egal, ob sie Hand-Dietrich Genscher oder Joschka Fischer hießen. Steinmeier profitiert nun nicht nur vom Nimbus, dieses Amt schon einmal seriös ausgeführt zu haben (2005 bis 2009); er profitiert vor allem von dem Kontrast, den sein Vorgänger Guido Westerwelle hergibt.

Beim Liberalen hatte man stets das Gefühl, er rezensiere sich bei jedem Auftritt selbst. Mit jeder Faser war Westerwelle der Ehrgeiz anzumerken, ein zweiter Genscher werden zu wollen. Was dabei auf der Strecke blieb: ein souveränes Selbstbewusstsein ohne Arroganz. Wer zu viel will, den wollen die Wähler eher nicht.

Umfrage Steinmeier ist der Lieblings-Politiker der Deutschen

Kanzlerin Angela Merkel muss ihren Stuhl räumen - zumindest, was die Herzen der Deutschen angeht. Außenminister Frank-Walter Steinmeier ist an die Spitze der Beliebtheitswerte gerückt.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier lacht - er ist aktuell der beliebteste Politiker Deutschlands. Quelle: REUTERS

Steinmeier hat – ohne in der Substanz bereits Erfolge vorweisen zu können – das diplomatische Feld betreten, als habe er es nie wirklich verlassen. Brüssel, Paris, Syrien, Ukraine, dazu wohlgesetzte programmatische Interviews: Der Außenminister strahlt tätige Ruhe, Konstanz und seriöse Krisenbearbeitung aus. Vielmehr braucht es gar nicht, um der Deutschen neuer Liebling zu werden.

Der Aufstieg des Außenministers ist gleichzeitig der Abstieg von CSU-Chef Horst Seehofer (38 Prozent Zufriedenheit, minus 10). In seiner demonstrativen Ist-mir-egal-was-alle-denken-Attitüde wird er nur noch von Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit übertroffen. Seehofer fordert heute das und morgen etwas anderes, er forciert mal dieses Projekt und stellt dann jenen Günstling in den Senkel. In Bayern hat das bislang bestens funktioniert – bundesweit sorgt es für Augenrollen.

Die Wähler mögen in der Politik die Langweiler – kein schlechtes Zeichen.

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