
BerlinEr ist erst seit 100 Tagen im Amt, aber es fühlt sich an, als sei er es schon ganz, ganz lange. Er äußert sich freimütig zu allem und jedem, aber kaum jemand nimmt es ihm übel. Seine glücklosen Vorgänger mussten sich fragen lassen, welche politischen Akzente sie denn zu setzen gedächten. Ihn fragt das keiner. Er ist sein eigener Schwerpunkt. "Ich bin eben der, der ich geworden bin", sagt Joachim Gauck und lächelt milde - er ist der Schicksals-Präsident. Die Menschen mögen ihn, die Politik hat sich noch nicht ganz an den Pastor aus Rostock gewöhnt. Überraschend oft ist er in den Schlagzeilen. Nicht immer ist das gewollt.
Reibungslos waren sie nicht, die ersten 100 Tage des Bundespräsidenten Joachim Gauck. Nach eher zaghaftem Beginn hat er fast Woche für Woche Aufmerksamkeit gefunden, auch Kritik und Kontroversen ausgelöst, zuletzt mit seiner aufgeschobenen Unterschrift unter Fiskalpakt und Euro-Rettungsschirm, oder mit seiner Rede über Auslandseinsätze der Bundeswehr, „Mut-Bürger“ in Uniform und die „glückssüchtigen“ Deutschen.
Auch die Absage eines Besuchs in der Ukraine, die Warnung vor Planwirtschaft bei der Energiewende, der Islam, der vielleicht doch nicht zu Deutschland gehört, und der spektakuläre Abschied von Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) liegen noch nicht lange zurück. Dazwischen hat uns der 72-Jährige starke Bilder beschert, emotionale Jubelszenen aus Fußballstadien, Trauer in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, würdiges Erinnern im holländischen Breda.
"Gauck ist eben Gauck", sagen sie auch im Bundespräsidialamt. Mit dem früheren DDR-Bürgerrechtler hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel ein Staatsoberhaupt des offenen Wortes eingehandelt. Dabei wäre es irrig zu glauben, der Bundespräsident wolle sich gegenüber der Kanzlerin profilieren oder sich gar von ihr distanzieren.
Gauck und Merkel: Dieses Thema beschäftigt die Berliner Szene intensiv. Zuletzt musste Regierungssprecher Stefen Seibert dementieren, dass Gauck überhaupt mit Merkel gesprochen habe - über den Wunsch des Verfassungsgerichts, seine Unterschrift unter die Euro-Gesetze zu verschieben. Viele meinen allerdings, dass der Präsident aus dem Osten mit der Kanzlerin aus dem Osten viel weniger Probleme hat als umgekehrt.
In Israel dachte Gauck laut darüber nach, was denn Merkels Satz bedeute, wonach das Existenzrecht Israels „deutsche Staatsräson“ sei. Das Wort könne sie in „enorme Schwierigkeiten“ bringen, fügt er hinzu. „Gaucks gefährliche Distanzierung von der Kanzlerin“, hieß es umgehend. Was er aber sagen wollte: Ist wirklich allen klar, was das große Wort von der Staatsräson bedeutet? Will Merkel tatsächlich militärische Unterstützung für Israel bei einem kriegerischen Konflikt mit dem Iran durchsetzen? Ein gutes Beispiel für die Methode Gauck ist auch die Debatte um Auslandseinsätze der Bundeswehr. Während die einen die Äußerungen vor der Führungsakademie in Hamburg als Unterstützung der Einsätze verstanden und gar als „Kriegsrhetorik“ kritisierten, haben andere die Fragen hervorgehoben, die er gestellt hat. Die wichtigste Botschaft dürfte ihm gewesen sein: Militärische Gewalt mag notwendig sein, aber sie darf nicht in Hinterzimmern der Politik beschlossen, sondern muss in der Mitte der Gesellschaft diskutiert werden.
Die Freiheit, öffentlich nachzudenken
Gauck nimmt sich vielmehr auch im Schloss Bellevue die Freiheit, öffentlich nachzudenken. Er dekliniert sein Mantra von "Freiheit und Verantwortung" durch - und nimmt dabei in Kauf, dass nicht jede Formulierung gänzlich zu Ende gedacht ist.
Dieser Bundespräsident hat auf diese Weise bereits in den ersten Tagen seiner Amtszeit einen Akzent nach dem anderen gesetzt. Bei seinem Antrittsbesuch in Brüssel äußerte sich Gauck optimistisch, dass das Bundesverfassungsgericht die Euro-Rettungschirme nicht "konterkarieren" werden. Das wurde ihm als Einmischung in die Karlsruher Rechtsprechung ausgelegt.
Gauck warnte vor einem "Übermaß an Subventionen" bei der Energiewende und forderte eine stärkere gesellschaftliche Debatte über die Auslandseinsätze der Bundeswehr. "Und dass es wieder deutsche Gefallene gibt, ist für unsere glückssüchtige Gesellschaft schwer zu ertragen", fügte Gauck in Hamburg hinzu - eine seiner Äußerungen, die als "unglücklich" kritisiert wurden.
Der zutiefst emotionale Theologe kennt seine Neigung zum Pathos, zum Pastoralen. Meist hat sich der Bundespräsident im Griff. Als begnadetem Redner fällt es ihm aber ersichtlich schwer, sich ans Manuskript zu halten. Und manchmal geht dann eben doch der Bürger Gauck mit ihm durch. Das Adjektiv "glückssüchtig" stand nicht im vorbereiteten Redetext.
Vielleicht erstaunlich, dass es die eine große Rede des großen Redners Gauck noch nicht gegeben hat, dass das große Thema seiner Amtszeit noch nicht zu erkennen ist. Vielleicht soll es das auch gar nicht geben. Plakative Botschaften sind dem Ex-Pastor aus der DDR fremd. Das unterscheidet Gauck wohl auch von seinem Vorgänger Christian Wulff, dessen wichtigsten Satz, wonach der „Islam auch zu Deutschland gehört“, er bereits öffentlich zerpflückt hat. Gauck bekommt dafür Zustimmung von der CSU, Kritik von den Grünen.
Gauck verteidigt sich mit einem einfachen Hinweis. Bei seiner Wahl zum Bundespräsidenten habe es niemanden gegeben, "der sich nicht gewünscht hätte, ich sollte der bleiben, der ich bin". Der 72-jährige stellt klar, dass er sich im strapaziösen Amt nicht verbiegen lassen will: "Dass ich nach fünf Jahren überhaupt nicht mehr Gauck bin, das will ich überhaupt nicht." Auch dabei ist ihm seine sympathische und aufgeschlossene Lebensgefährtin, die Journalistin Daniela Schadt, eine große Hilfe, die zwar zugibt, ihre neue Rolle noch nicht ganz gefunden zu haben, die aber große Sympathie und Anerkennung findet. Manchmal scheint das erste Paar der Republik noch überrascht von der neuen Rolle und Prominenz. Vor dem Treffen mit der niederländischen Königin Beatrix etwa sagte Gauck: „Ich übernachte heute im Schloss - auch schön so etwas.“
Selbstzweifel sind seine Sache nicht
In Artikel 54 Absatz eins des Grundgesetzes ist festgelegt, dass nur der Staatsoberhaupt werden kann, "der das vierzigste Lebensjahr vollendet hat". Der 1959 geborene Wulff hatte immer wieder betont, wie wichtig es sei, dass ein vergleichsweise junger Mann nun Bundespräsident geworden sei. Mit Verve stürzte er sich in die Außenpolitik, schaltete sich in internationale Konflikte ein. Letztlich wurde es ihm zum Verhängnis, dass ihn die Schatten seiner eben erst beendeten Laufbahn als CDU-Machtpolitiker einholten.
Gauck ist fast zwanzig Jahre älter. Er will es außenpolitisch ruhiger angehen lassen und mehr nach innen wirken. Wenn seine erste Amtszeit zu Ende geht, wird er 77 Jahre alt sein. Eine Verlängerung wird Gauck vermutlich nicht anstreben. Auch das macht ihn unabhängig, schenkt ihm die Freiheit des Präsidentenmenschen.
Durch die Rücktritte seiner Vorgänger Köhler und Wulff ist das höchste Amt arg ramponiert und in die Niederungen der Alltagspolitik gezerrt worden. Jeder Hinterbänkler darf ungestraft Gaucks Thesen attackieren, ohne dass dieser sich wehren kann. Gerade erst bat das Bundesverfassungsgericht den Bundespräsidenten in aller Öffentlichkeit, das Gesetz zum Euro-Rettungsschirm ESM vorerst nicht zu unterschreiben, bis es über Eilanträge entschieden habe. Gauck akzeptierte, schließlich ist er kein Unterschriftenautomat. Dann hagelte es Ratschläge von allen Seiten, ob er nun unterzeichnen solle oder nicht.
Manch einer hatte vor der Wahl Gaucks gute Gründe dafür geltend gemacht, dass das Staatsoberhaupt in der inzwischen gewachsenen deutschen Demokratie überflüssig ist. Nach den ersten 100 Tagen Gaucks wird allerdings deutlich: Ein Bundespräsident zum Nachdenken passt gut zum hektischen Berliner Betrieb. Er wird gebraucht. Und er hat ein dickes Fell, was im höchsten Amt überlebenswichtig ist.
Und Gauck ist sich seiner Sache ziemlich sicher. Selbstzweifel sind seine Sache nicht. Er würde deshalb seiner Noch-Ehefrau „Hansi“ kaum widersprechen, die vor kurzem in einem Interview sagte: „Er mag es und er kann es. Er war in der Schule schon so.“
Die Bürger und Wähler honorieren Gaucks Stil. In einer Forsa- Umfrage für das Magazin „Stern“ erklärten 78 Prozent der Befragten, sie seien sehr zufrieden (26 Prozent) oder zufrieden (52) mit der bisherigen Arbeit des Staatsoberhaupts. 83 Prozent der Befragten begrüßen es, dass sich der Präsident in die Tagespolitik einmischt. Dass Gauck manchmal starke Gefühle zeigt, finden 81 Prozent gut.
Und auch die Kanzlerin kann eigentlich bisher mit Gauck zufrieden sein. Große Fehler hat er aus ihrer Sicht nicht gemacht, und Gauck ist eben Gauck. Einmal sagt er, während dieser 100 Tage: „Ich bin bei einem Prozess, mich selbst zu definieren. Und ich hoffe, dass dann noch ein bisschen Gauck überbleibt.“
Der ehemalige Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde und Ex-DDR-Bürgerrechtler ist nicht einfach nur ein Mann mit Berufserfahrung. Dieser Bundespräsident verkörpert ein Schicksal. Seine Lebensgeschichte stellt er nun in den Dienst der Bundesrepublik Deutschland. Bislang mit Erfolg.











