
CARACAS. Alle Fünf-Sterne-Hotels sind ausgebucht. Europäer und US-Amerikaner, aber immer öfter auch Brasilianer, Chinesen und Russen bevölkern die Nobelherbergen der Stadt. Im Duty-Free am Flughafen sind die großzügig bemessenen Whiskyregale restlos leer gekauft. Auf den Straßen herrscht Dauerstau. Aber zwischen zerbeulten Chevrolets und Dodges aus den Siebzigern schieben sich nagelneue Range-Rover und Hummer in Luxusversionen über den Asphalt. So ist das in diesen Tagen in Caracas, der Hauptstadt Venezuelas, einer Stadt im Ölrausch. Der Autoabsatz in der Vier-Millionen-Einwohner-Stadt hat sich dieses Jahr verdoppelt – auf 300 000 Fahrzeuge. Wer seinen neuen Wagen sofort will, muss 20 Prozent drauflegen. Kein Problem, die meisten PKWs werden sowieso mit Bargeld aus mitgebrachten Aktenkoffern bezahlt, erzählt ein Toyota-Händler. Über dem Boom thront Präsident Hugo Chávez. Bei der Wahl am kommenden Sonntag möchte er wiedergewählt werden, um bis 2012 weiterzuregieren. Die momentane Macht des 53-Jährigen, der mit seinem aggressiven Antiamerikanismus zum Vorbild für so manchen südamerikanischen Staatschef geworden ist, beruht auf den Öleinnahmen Venezuelas. Das Land ist der fünftgrößte Ölexporteur der Welt. Doch Chávez, seit acht Jahren im Amt, verschwendet die Einnahmen aus dem Ölboom: Es wird konsumiert, aber nicht investiert. Die Party für die Privilegierten in Venezuela könnte schnell vorbei sein, und das Land versänke erneut im Chaos. Niemand weiß, wie hoch die Öleinnahmen sind. Weder beim Staatskonzern PdVSA noch im Finanzministerium gibt es genaue Zahlen. Sicher ist aber, dass Chávez dank der Petrodollar über einen Milliardenetat verfügt. Statt 20 Milliarden Dollar wie vor sieben Jahren gibt er in diesem Jahr 56 Milliarden Dollar aus – so steht es im Staatshaushalt. Doch wohin fließen die Milliarden? In Caracas ragt kaum ein Baukran in den Himmel. In Fabriken wie in die Büros der Firmen wird schon längst kein Geld mehr gesteckt: weder in die Maschinen noch in die IT, weder in einen neuen Fuhrpark noch in einen neuen Anstrich.
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Das hat auch mit Angst zu tun. Unternehmer zögern mit Investitionen, weil die Regierung sie gängelt, wo sie kann: Regelmäßig steht die Steuerfahndung vor der Tür, und wenn ihr etwas nicht gefällt, schließt sie Firmen für Tage. Davon sind venezolanische Unternehmen genauso betroffen wie ausländische. Größere Landwirtschaftsbetriebe wurden teilenteignet. Die Deviseneinfuhr ist reglementiert. Die Preise für viele Konsumgüter werden staatlich kontrolliert. Mitarbeiter können kaum entlassen werden. Hinzu kommt ein Bürokratieboom durch immer neue Verordnungen. Profitable Unternehmen sollen künftig „sozial produktive“ Arbeitsplätze schaffen. Zudem will die Regierung Mitbestimmung und Mitarbeiterbeteiligung – ähnlich wie in Deutschland – einführen. „Wir investieren nur noch in Personal“, sagt ein deutscher Unternehmer, der wie alle seine Kollegen nicht genannt werden möchte, „das wird nicht so schnell enteignet.“ Chávez regiert nach dem Freund-Feind-Schema: Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn. Deswegen vermeiden alle in der Öffentlichkeit, über Politik zu reden. Selbst am Telefon fühlen sich die meisten nicht mehr sicher. Unternehmer erzählen, die politische Polizei habe ihnen wörtliche Zitate aus Telefonaten vorgehalten. Es heißt, Kubaner hätten ein umfassendes Spitzelnetz für Chávez aufgebaut. Beamte, die bei einer Volksabstimmung über seine Amtsenthebung vor zwei Jahren gegen Chávez stimmten, sind inzwischen ihre Jobs los. Woher die Regierung das weiß? Sie hatte die Wahlbehörde gezwungen, die Bögen, auf denen sich Wähler per Fingerabdrücke identifizierten, zu veröffentlichen. Auf den Ramschmärkten im Zentrum von Caracas gibt es CD-Raubkopien der Wahllisten, auf denen sich nachlesen lässt, wer 2004 wie gestimmt hat. 1992 fing es an. Damals versuchte ein unbekannter Fallschirmspringeroberst, die Regierung in Caracas zu stürzen. Der Putsch misslang. Die rebellischen Militärs kamen hinter Gitter. Sechs Jahre später wurde ihr Anführer Hugo Chávez zum Präsidenten gewählt. Heute ist er der dienstälteste Präsident Lateinamerikas.
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Wer ihn stützt, profitiert. In Altamira, einem Nobelviertel von Caracas, rümpft man die Nase über einen Richter, dessen sechs Luxusjeeps nicht mehr in die Garage passen und deshalb auf der Straße geparkt werden müssen. Den Banker Walter Molano vom auf Lateinamerika spezialisierten US-Bankhaus BCP Sec. wundert all das nur wenig: „Venezuela war immer ein Staat, in dem eine kleine Clique die Ölrente unter sich aufgeteilt hat – das ist unter Chávez nicht anders als unter seinen Vorgängern.“ Nach dem neuesten Korruptionsindex von Transparency International ist in Lateinamerika nur Haiti noch korrupter als Venezuela. Evangelina Carrillo, Chávez-Vertraute in der Generaldirektion zur Unterstützung der Nationalversammlung, hegt große Hoffnungen. „Letztes Jahr hat Chávez erstmals gesagt, dass er den ,Sozialismus des 21. Jahrhunderts’ schaffen will“, sagt die Ex- Gewerkschafterin mit den Che-Guevara-Postern an der Wand. „Heute befinden wir uns auf der Schwelle von der Reform zur Revolution.“












