Private Schulden: Wie gefährlich ist Konsum auf Pump?

Private Schulden: Wie gefährlich ist Konsum auf Pump?

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Paul Schmidt

von Bert Losse und Malte Fischer

Eine Expertendebatte über die ökonomischen Folgen privater Überschuldung, die Macht der Schufa und das Wesen des deutschen Verbrauchers.

WirtschaftsWoche: Meine Herren, in diesem Jahr werden in Deutschland rund 140 000 Privathaushalte Insolvenz anmelden, 10 000 mehr als 2009. Kommen die Schuldnerberatungen  da überhaupt noch mit?

Stark: Die Nachfrage nach unseren Beratungsleistungen ist schon seit Jahren größer als unsere Kapazitäten. Zu den Sprechstunden stehen die Leute teilweise bis auf die Straße Schlange. Jeder, der eine Privatinsolvenz beantragen will, benötigt zuvor die Bescheinigung eines Anwalts oder einer Schuldnerberatung, dass der Versuch einer außergerichtlichen Einigung mit den Gläubigern gescheitert ist.

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Animiert die Möglichkeit zur Privatinsolvenz nicht dazu, über seine Verhältnisse zu leben? Man kauft sich schöne Sachen auf Pump, geht pleite – und nach sechs Jahren ist alles vergessen.

Stark: Meinen Sie, überschuldet zu sein, macht Spaß? Die Betroffenen stehen unter immensem Druck, bekommen soziale Probleme und Besuche von Inkassounternehmen. So etwas gezielt herbeizuführen erfordert schon einen sehr speziellen Charakter. Der Großteil der Schuldner will das Geld zurückzahlen. Überdies werden Privatinsolvenzen nach Ablauf der gesetzlich vorgeschriebenen Wohlverhaltensperiode von sechs Jahren, die mit der Restschuldbefreiung endet, noch drei Jahre bei der Schufa gespeichert.

Überschuldete Privatpersonen in Deutschland

Überschuldete Privatpersonen in Deutschland

Piorkowsky: Wir sollten aber nicht so tun, als gebe es keine unredlichen Schuldner. Nur kommen die meist gar nicht ins Insolvenzverfahren. Die Gerichte prüfen sehr genau, wen sie da vor sich haben. Viele Menschen aus einkommensschwachen Milieus wachsen mit Schulden auf, schon die Eltern sind ohne Job. Da gibt es einen gefährlichen Gewöhnungseffekt.

Wer sucht denn den Rat der Schuldnerberatung?

Stark: Viele Klienten sind ohne eigenes Verschulden in Schwierigkeiten geraten. Scheidung, der Verlust des Arbeitsplatzes oder Krankheit sind typische Ereignisse, die Menschen in solche Notlagen treiben. Derzeit gelten in Deutschland mehr als sechs Millionen Bürger, das entspricht rund drei Millionen Haushalten, als überschuldet. In den ersten zehn Jahren des Verbraucherinsolvenzverfahrens, das 1999 eingeführt wurde, hat es aber nur rund 500 000 Verfahren zur Verbraucherinsolvenz gegeben. Aus Scham versuchen viele Schuldner, zunächst über windige Geschäfte-macher an neues Geld zu kommen, bevor sie den Weg in die Schuldnerberatung finden.

Können die Beratungsstellen allen Schuldnern helfen?

Stark: Ungefähr die Hälfte der Menschen, die sich im Verbraucherinsolvenzverfahren befinden, ist durch biografische Ereignisse in Schwierigkeiten geraten. Diese Gruppe kommt mithilfe der Insolvenzverfahren wieder auf die Beine. Die andere Hälfte jedoch besteht aus Menschen, die zusätzliche Beratung und Unterstützung benötigen. Ungefähr zehn Prozent aus dieser Gruppe brauchen eine dauerhafte Begleitung, da sie intellektuell mit Finanzfragen überfordert sind...

Piorkowsky: ...weshalb Unternehmen und Verbände schon seit Jahren ein Schulfach Wirtschaft und Finanzen von der Grundschule bis zum Gymnasium fordern. Dessen Schwerpunkt muss auf die praktische Alltags- und Lebenswelt zugeschnitten sein, damit man lernt, seinen Haushalt finanziell zu steuern. Viele Elternhäuser vermitteln dieses Wissen ihren Kindern nicht mehr.

Wie groß ist die Gefahr, dass Privatpleitiers nach einer Insolvenz rückfällig werden?

Piorkowsky: Es scheint, dass die Leute tatsächlich vorsichtiger werden.

Steinbauer: Vorsicht! Für solche optimistischen Aussagen ist es noch zu früh...

Stark: ...und es gibt einen Bodensatz von vielleicht zehn Prozent, die sofort wieder in die Bredouille geraten. Diese Leute müssen wir auch nach der Entschuldung begleiten, anstatt nach sechs Jahren zu sagen: Du bist schuldenfrei, jetzt leb mal schön.

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