Privatinsolvenz: Schnell aus der Pleite nach britischem Recht

Privatinsolvenz: Schnell aus der Pleite nach britischem Recht

Bild vergrößern

Franz-Josef Schillo

von Mark Fehr

Das britische Recht verschafft auch deutschen Pleitiers eine schnelle Entschuldung - Gläubiger gehen leer aus.

Regen, lauwarmes Bier und schwere Soßen – Klischees wie diese sorgen vor Großbritannien-Reisen für gemischte Gefühle. Trotzdem sieht so mancher hoffnungslos verschuldete Deutsche in der Flucht über den Kanal eine Chance auf einen schnellen Neuanfang. „Schuldenfrei in wenigen Monaten“ werben Internet-Seiten, auf die Interessierte bei Eingabe der Stichwörter „Privatinsolvenz“ und „Großbritannien“ mit den gängigen Suchmaschinen schnell stoßen.

Das Angebot klingt attraktiv, denn nach deutschem Recht pfänden Insolvenzverwalter und Gläubiger während eines Zeitraums von sechs Jahren jeden Cent, der privaten Pleitiers über das Existenzminimum von monatlich 990 Euro hinaus zufließen würde. Doch wer in England wohnt, hat es besser: Hier befreien die zuständigen Richter Privatleute in der Regel schon nach einem Jahr von ihren Restschulden.

Anzeige

Das Interessante dabei: Auch Deutsche können in den Genuss des an dieser Stelle günstigeren britischen Rechts kommen – Brüssel macht es möglich. Laut Insolvenzordnung der Europäischen Union sind bei privaten Pleiten die Behörden der Mitgliedstaaten zuständig, in deren Bezirk der Verbraucher „den Mittelpunkt seiner Interessen“ hat. Wer also seinen Wohnsitz etwa nach London verlagert, den behandeln britische Richter nach britischem Recht. Das gilt auch für Schuldner, die vorher in Deutschland gelebt und Verbindlichkeiten angehäuft haben.

Clevere Berater haben daraus ein Geschäftsmodell gemacht. Gegen satte Gebühren bieten sie Rundum-sorglos-Pakete für den angeblich juristisch wasserdichten und reibungslosen Umzug nach Großbritannien. Dieses Modell lockt Schuldner mit hohen geschäftlichen Außenständen, in der Regel gescheiterte Selbstständige, Freiberufler oder geschäftsführende Gesellschafter, die sich finanziell übernommen haben. Jahr für Jahr eröffnen deutsche Richter Tausende Insolvenzverfahren über private Unternehmer.

Diskreter Service

Kein Wunder, dass die Geschäfte der oft undurchschaubaren Dienstleister blühen. Meist verhüllen die einschlägigen Internet-Seiten, welche Firmen oder Personen hinter dem Service stehen. Das Portal privatinsolvenz-uk.de eines Dresdner Anbieters ist da keine Ausnahme. Auch ein Anruf unter der genannten Telefonnummer bringt zuerst wenig verlässliche Informationen ans Licht. Der Herr am anderen Ende der Leitung hält sich bedeckt. Bei Interesse müsse man sich schon auf den Weg nach Sachsen machen, um ein persönliches Gespräch zu führen. Zu Füßen der Frauenkirche trifft sich Horst Seifert dann mit potenziellen Kunden – seinen richtigen Namen will der Berater nicht in der Presse lesen. Der Treffpunkt unter dem majestätischen Barockbau hat Symbolkraft. So mancher Schuldner dürfte hier spontan neue Hoffnung schöpfen und sich fragen, ob auch die eigene wirtschaftliche Existenz bald aus den Ruinen aufersteht, wie das Jahrzehnte nach dem Krieg wieder errichtete Gotteshaus.

Was ist dran am angeblichen Wundermodell? Mit rheinischem Charisma weckt der Anfang 40-Jährige das Vertrauen derjenigen, die seine Hilfe suchen – und bereit sind, dafür zu zahlen. „Meine Kunden sind keine windigen Geschäftemacher, die sich aus dem Staub machen wollen, sondern vorbildliche Unternehmer, wie man sie auf Galaveranstaltungen der Industrie- und Handelskammer trifft.“ Die meisten hätten einfach nur Pech gehabt und wollten schnell wieder auf die Beine kommen.

Wie der Geschäftsführer einer GmbH, die mehrere Altenheime betrieb. Die » » Haftung war zwar per Rechtsform auf das Unternehmen beschränkt, doch der Chef stand bei der Gründung des Unternehmens als persönlicher Bürge für den Startkredit ein. Als die mit fast zwei Millionen Euro verschuldete Firma in Zahlungsnot geriet, war es nur eine Frage der Zeit, bis die Bank Zins und Tilgung aus dem Privatvermögen des Geschäftsmanns fordern würde. Doch der wartete nicht so lange ab und nahm über das Internet Kontakt mit Seifert auf. Der Berater regelte Ende 2008 den Umzug nach London, wo der Schuldner ein halbes Jahr später die Insolvenz anmeldete. Der englische Richter erteilte Anfang 2010 die Restschuldbefreiung.

Fällig werden 12 000 bis 14 000 Euro je Auftrag – Freunde oder die Familie des Schuldners müssen die Summe während des Insolvenzverfahrens in Raten abtragen. Hinzu kommen Reise- und Umzugskosten, Behördengebühren und die in London teuren Mieten. Für das Geld verspricht Seifert Unterstützung bei den erforderlichen Formalitäten: Seine englischen Kollegen suchen den Mandanten eine Wohnung, helfen bei der Kontoeröffnung und leiten die Schuldner schließlich durch die Stationen bei den britischen Behörden bis hin zum Termin beim zuständigen Insolvenzverwalter.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%