Psychologe Stephan Grünewald: Nörgeln hat auch was Gutes

Psychologe Stephan Grünewald: Nörgeln hat auch was Gutes

von Christian Schlesiger

Der Psychologe und Geschäftsführer des Kölner Instituts für qualitative Markt- und Medienanalysen rheingold, Stephan Grünewald, über die fehlende Identität der Deutschen und den schöpferischen Nutzen von Unzufriedenheit.

wiwo.de: Herr Grünewald, jammern sich die Deutschen ins Verderben?

Grünewald: Nein. Das Jammern gehört zur Natur der Deutschen. Es ist sogar ein wichtiger Teil von ihnen. Und letztlich ist es Zeichen einer inneren Unzufriedenheit und Unruhe, die gleichzeitig Antriebskraft ist.

Anzeige

Woher kommt dieser Hang zur Selbstkritik?

Den Deutschen fehlt ein stabiles Selbstbild. Sie haben keine feste Identität. Anders als etwa den Franzosen, Engländern und Amerikanern fehlt den Deutschen eine aus der Historie entwickelte Vorstellung von ihrem „Deutschsein“.

Und andere Nationen haben so eine Identität?

Eindeutig ja. Die Amerikaner klammern sich in der größten Krise an den amerikanischen Traum. Das gibt ihnen Zuversicht. Die Engländer haben ihre Queen und eine sehr fest gefahrene Etikette, die Wert auf Disziplin und Reglement legt. Die Franzosen fühlen sich in einer Genusskultur aufgehoben. Schon in der Schule lernen die Kinder 100 verschiedene Käsesorten kennen. Pausen und Geselligkeit beim Essen sind wichtiger Bestandteil im Alltag.

Und diese nationale Identität ist so vorteilhaft?

Ja. Eine Identität schafft eine gemeinsame Blickrichtung und gibt Sicherheit. Eine Nation, die kein stabiles Selbstbild hat, also keine stabile Identität, gerät dadurch in den Zustand gesteigerter Unruhe. Diese Unruhe, dieses fast schon faustische Prinzip, kennzeichnet das Deutschsein.

Wir sind also innerlich unruhig. Und diese Unruhe führt dann zu den ‚typisch deutschen Eigenschaften’?

Ja. Unsere verschiedenen regionalen Mentalitäten sind Versuche, die Unruhe einzubinden. Auch durch Eigenschaften wie Pünktlichkeit, Disziplin und Fleiß versuchen die Deutschen die Unruhe zu bannen.

Das klingt nicht unbedingt danach, als wäre Unruhe eine schlechte Voraussetzung für Erfolg.

Ist sie auch nicht. Die Unruhe ist zunächst mal ein Merkmal, das die Deutschen von anderen Nationalitäten unterscheidet. Sie ist aber nicht nur Last, sondern auch Antrieb, um sich und die Welt neu zu erfinden. Die deutsche Ingenieurskunst, die Philosophie, das Dichten und Denken, das sind produktive Folgen dieser Unruhe. Die Deutschen sind immer wieder bestrebt, diese Unruhe in etwas Neues zu übersetzen.

Die fehlende Gelassenheit bringt Deutschland also stetig nach vorne?

Wir stecken in einem Dilemma. Es gibt zwei sich abwechselnde Formen, mit der Unruhe umzugehen. Es gibt eine produktiv-schöpferische Form, die führt zu neuen Patenten, zu neuen Philosophien. Und es gibt eine unproduktive Form. Das ist der Versuch, alles Unregelmäßige in DIN-Normen, in abstrakte Formalismen und in Bürokratismus zu pressen. Wir paragrafieren alles in kleinen Schritten durch. Dann ist die Unruhe gebannt, mit ihr allerdings auch das Leben.

Und in welche Richtung schlägt unser Pendel der Unruhe gerade aus?

Momentan befinden wir uns in einer Phase, wo wir alles normieren wollen, wo wir absolute Verlässlichkeit suchen. Die Debatte um den Mindestlohn und die zugesagte Rentengarantie sind nur zwei Beispiele.

"Unruhe ist nicht nur Last, sondern auch Antrieb"

Und wie schnell schlägt es wieder um?

Das sind immer Grundtendenzen. Es gibt nie Phasen, wo alles bürokratisiert wird oder wo jeder schöpferisch wirkt. Interessant ist aber: In dem Moment, wo die Deutschen ihr Leben zubetonieren, erwächst automatisch eine Sehnsucht nach der Fremde. Die Deutschen haben dann das Gefühl: Deutschland  ist gar nicht lebendig. Dann schauen wir ins Ausland, zum Beispiel ins leichtlebige Italien und in die visionären USA. Dann suchen wir unser Seelenheil in der Fremde, haben aber dort Angst uns völlig zu verlieren und wenden uns so wieder reumütig der regionalen Heimat zu.

Die Deutschen also im Hin und Her auf der ewigen Suche. Ist das nicht positiv?

Doch. Man könnte sagen: Die Suche ist unsere Identität. Allerdings sind unsere Suchbewegungen oft seltsam blockiert. Das manifestiert sich vor allem in den politischen Talkshows. Das Austauschen von Argumenten gleicht dem Schunkeln im Karneval. Es geht nach links und nach rechts, aber die Bewegung kommt nicht von der Stelle.

Aber wie kommt es dann, dass Deutschland zum Bespiel bei Klima schonenden Umwelttechnologien heute zielstrebig eine weltweit führende neue grüne Leitindustrie erschaffen hat?

Auch das ist Auswuchs unseres Identitätsproblems. Wir ziehen uns häufig zurück und machen uns klein. Dann erwächst in Deutschland wieder der Traum von einer Weltbedeutung. Das ist typisch deutsch. Wir changieren zwischen dem Gefühl, in kleiner regionaler Mickrigkeit gefangen zu sein, und dem Wunsch von Weltherrschaft. Weil wir die natürlich nie mehr mit den Mitteln des vergangenen Jahrhunderts erreichen wollen, wird der Traum umgeträumt: Dann träumen wir uns in die Weltretterposition und wollen als Umweltmeister mit unserer Technologie die Klimakatastrophe aufhalten.

Wo sehen Sie Deutschland in zehn Jahren?

Die große Frage ist immer, ob es uns gelingt, die Unruhe produktiv umzusetzen, ob es uns gelingt, Visionen und Leitlinien zu entwickeln, damit wir unsere Kräfte bündeln können. Ich war etwas optimistischer nach der Fußball-Weltmeisterschaft, die eine Art nationale Lockerungsübung war. Seit der Krise fehlt mir die produktive Zukunftsgewandtheit. Aber: Das deutsche Wesen hat ja den Vorteil, dass es immer hin und her schwankt. Das deutsche Pendel der Unruhe kann schnell wieder zur anderen Seite ausschlagen.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%