Reise-Diplomatie: Krisenmanager Steinmeier

Reise-Diplomatie: Krisenmanager Steinmeier

Der Leiter unseres Hauptstadtbüros, Michael Inacker, begleitet eine Woche lang den deutschen Außenminister und eine Wirtschaftsdelegation auf ihrem Weg nach Indonesien, Singapore und Vietnam und beschreibt in wiwo.de das Phänomen der Politischen Reise-Diplomatie.

Teil 1: Warum es nicht bequem ist Minister zu begleiten, es alle aber trotzdem tun.

Heute kann ein Außenminister auch nicht mehr nur Außenminister sein. Frank Walter Steinmeier musste seine geplante einwöchige Asien-Reise abkürzen und den Teil Indien erstmal verschieben – der SPD-Bundesvorstand am Montag war wichtiger: Wichtiger als eine Milliarde Menschen der indischen Weltmacht. Denn in Deutschland zerlegt sich die Weltmacht SPD gerade selber, und da ist der Krisenmanager Steinmeier wohl eher gefragt.

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Da müssen dann auch Vorstände und Unternehmer Rücksicht auf die sozialdemokratischen Selbsterfahrungsdebatten nehmen. Mehr als eine Stunde warteten die Manager – natürlich auch wir Journalisten – an Bord des Lufthansa-Airbus’ „Konrad Adenauer“. Dessen Bequemlichkeit hält sich – gemessen an den sonst in Unternehmerkreisen so beliebten Business-Jets oder der First Class der Lufthansa ohnehin in Grenzen. Denn die stärkste Wirtschaftsmacht Europas traut sich ja nach wie vor keine anständigen Regierungsflugzeuge zu kaufen – Vorsicht, Sozialneid droht.

Also fliegt der Vizekanzler mit seiner Wirtschaftsdelegation einen Airbus aus der Erbmasse der einstigen DDR-Fluggesellschaft Interflug. Zwar geht es im Ministerappartment an Bord ganz kommod mit Bett und Liegen zu. Und dereinst wurde sogar vom Bild-Kolumnisten Graf Nayhaus die Bord-Toilette vermessen, um zu prüfen, ob diese Helmut Kohl tauglich war. Aber auf den billigen Plätzen lebt es sich beim Interkontinentalflug nicht wirklich gut.

Erschwerend kommt aber noch etwas anderes hinzu: Die alten DDR-Maschinen waren nur auf Mittelstrecke ausgelegt, weshalb Non-Stop-Flüge zu fernen Destinationen nicht möglich sind. Für Steinmeiers Südostasien-Trip in die Länder Indonesien, Singapore und Vietnam bedeutet dies: Man fliegt den Umweg über Abu Dhabi, um dort nochmals Kerosin nachzutanken, und anschließend geht es weiter ins indonesische Djakarta. Der Grundsatz „Zeit ist Geld“ zählt nicht. Die Entdeckung der regierungsamtlichen Langsamkeit kostet fünf Stunden längere Reisezeit.

Kein Wunder, dass einige Wirtschaftsvertreter solche Anreisemodalitäten gerne umgehen und mit fadenscheinigen Argumenten – „habe noch eine wichtige Sitzung meines Vorstands“ oder auch „meiner Geschäftsführung“ – lieber doch Linie fliegen und die Annehmlichkeiten der 1. Klasse Lufthansa genießen. Das kommt nicht immer gut an bei Ministern. Wirtschaftsminister Michael Glos begann deshalb erst mal die Eiszeit mit einem Vorstandsvorsitzenden eines Luft- und Raumfahrtunternehmens.

Immerhin, bei Steinmeier sind doch fast alle Mitglieder der Delegation von Anfang an dabei. Hans-Jürgen Cramer (Vorstand der Vattenfall Deutschland AG), Harald Joos (Vorstandschef von Demag Cranes), Bernhard Meyer (Geschäftsführer der Meyer-Werft), Eggert Vorscherau (Vorstand BASF), Roberto Fusté Fernandez (Vorstand Fresenius) oder Vertreter von Solar und Bio-Energie-Unternehmen.

Solche Reisen sind trotz Strapazen beliebt, denn eine Woche im Schlepptau des Ministers bringt etwas fürs Netzwerk. Das ein oder andere Thema lässt sich ungezwungen ansprechen. Ein wenig verhält es sich mit solchen Reisen wie mit  einer großen Klassenfahrt. Man ist locker und lernt sich näher kennen  – weshalb man sich an Bord unter den Unternehmensvertreter schnell einig ist, Steinmeier „wäre doch der viel bessere SPD-Kanzlerkandidat“.

Gut, dass man dann schon weit von Berlin weg ist. Da kann es ja keiner hören. Und außerdem sind die Triebwerke des alten DDR-Airbus ziemlich laut.

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