Religion: Soziale Marktwirtschaft im katholischen und evangelischen Denken

Religion: Soziale Marktwirtschaft im katholischen und evangelischen Denken

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Der NS-Widerstandskämpfer und Protestant Dietrich Bonhoeffer regte die wegweisende "Freiburger Denkschrift" an

Das Konzept der sozialen Marktwirtschaft hat seine Ursprünge auch im kirchlichen Widerstand gegen die Nazi-Herrschaft.

Hat der liebe Gott etwas mit der Marktwirtschaft zu tun? Im Schöpfungsplan taucht kein Kapitel dazu auf – und auch heute vermitteln kirchliche Stellungnahmen nicht immer den Eindruck großer Sympathie beider großer Konfessionen für das deutsche Wirtschaftsmodell. Dabei haben die Katholiken, vor allem aber Protestanten, bei der Grundlegung der Marktwirtschaft eine wichtige Rolle gespielt. Nur wirkt es inzwischen so, als sei es der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) fast schon peinlich, mit Erhards Wirtschaftswunder identifiziert zu werden.

Dabei geht die Idee für ein neues ordnungspolitisches Konzept auch auf den kirchlichen Widerstand gegen die Nazi-Diktatur zurück. Bereits in einem oppositionellen Schlüsseldokument, der „Freiburger Denkschrift“ von 1942/43, wurden die politischen, gesellschaftlichen und eben auch wirtschaftlichen Grundlagen für einen Neuanfang beschrieben. Angeregt waren diese Gedanken von Dietrich Bonhoeffer, einem protestantischen Theologen, der kurz vor Kriegsende hingerichtet wurde. Bonhoeffer beauftragte eine Gruppe von Kirchenvertretern und evangelischen Professoren mit der Erstellung eines Konzepts, das auch Vorarbeiten für die soziale Marktwirtschaft enthielt. Zu diesem Kreis in Freiburg und seinem erweiterten Netzwerk gehörten die Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaftler Wilhelm Röpke, Walter Eucken, Franz Böhm, Alfred Müller-Armack oder Adolf Lampe. Der spätere politische Vater des Wirtschaftswunders, Ludwig Erhard, begann mit einigen dieser Vordenker einen intensiven Gedankenaustausch.

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Das ordnungspolitische Konzept der „Freiburger“ wurde im Anhang zur „Freiburger Denkschrift“ thematisiert und beschrieb als dringliche Aufgabe, „die Grundlagen der Sozial- und Wirtschaftsethik christlich zu begründen“. Für die neue Ordnung der Wirtschaft wird eine Wettbewerbsordnung empfohlen, die sich mit der politischen Verfassung einer Demokratie verträgt. Sie soll den Mittelweg zwischen „laissez faire“ und Planwirtschaft beschreiten.

Forderung nach Autonomie der Wirtschaft

„Eine auf der Selbstverantwortlichkeit der Einzelwirtschaften aufgebaute, weitgehend durch genossenschaftliche und berufsständische Vereinigungen ergänzte Gesamtwirtschaftsordnung ist in der gegenwärtigen Lage besonders bedeutungsvoll als Schutz gegen das Aufkommen unbeschränkter, maßloser Gewalt. Politische Einrichtungen allein haben sich als nicht genügend widerstandsfähig erwiesen.“

Dies waren in einer totalitären Diktatur ungeheure Sätze: Autonomie der Wirtschaft – nicht nur um der wirtschaftlichen Effizienz willen, sondern auch als Sicherung gegen politische Absolutheitsansprüche. Erst eine, so heißt es in der Denkschrift, „geeignete, der Unterdrückung entgegenwirkende Verbindung von politischer Verfassung und Wirtschaftsordnung stärkt dagegen das Verantwortungsbewusstsein und verhindert, dass die Völker sich für hemmungsloses Gewaltstreben missbrauchen lassen“. Damit wurde auf den weltweit friedensstiftenden Charakter der Marktwirtschaft hingewiesen: Heute würde man von der Friedensrolle der Globalisierung sprechen.

Dieser noch im Krieg und im Umfeld von kirchlichem Widerstand entstandene ordnungspolitische Programmentwurf enthielt jene Elemente, die der protestantisch engagierte und theologisch interessierte Ökonom Müller-Armack 1946 in seiner berühmten Abhandlung „Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft“ schließlich unter dem Begriff „Soziale Marktwirtschaft“ zusammenfasste – und die zugleich zu den während des Krieges entwickelten Ideen des Protestanten Erhard kompatibel waren.

Erprobtes Zusammenspiel

Zwar bewegte sich auch die katholische Soziallehre und ihr Nestor Oswald von Nell-Breuning in Richtung mehr Freiheit für und in der Wirtschaft – doch blieb bei ihr ein großer Rest an Skepsis. Die katholische Seite verfolgte mehr ein Modell des paternalistischen Sozialstaats, der sogar Elemente eines „christlichen Sozialismus“ enthielt. Hingegen öffnete die Freiburger Programmatik der evangelischen Ethik – quasi über den Umweg der Wirtschaft – auch insgesamt einen leichteren Zugang zur Vernunft der Moderne. So wurde die soziale Marktwirtschaft ein erprobtes Zusammenspiel aus freier wirtschaftlicher Tätigkeit und einer Reihe teils ethisch, teils einfach nur wirtschaftspolitisch notwendiger regulierender Eingriffe des Staates, um soziale, ökonomische oder auch ökologische Fehlentwicklung zu vermeiden.

Der katholische Zeithistoriker Heinz Hürten beschreibt, dass die „effektvollste Leistung der CDU/CSU, die soziale Marktwirtschaft, nach Konzept und Realisierung im Wesentlichen das Werk evangelischer Unions-Politiker gewesen sei“. Positiver Nebeneffekt: Mit dem Erfolg dieses Wirtschaftssystems ermöglichten einige engagierte Christen ihrer Kirche wie auch den Deutschen insgesamt, sich schneller mit der neuen Ordnung und damit der freiheitlichen Demokratie anzufreunden.

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