Rente: Wie lange muss ich arbeiten?

Rente: Wie lange muss ich arbeiten?

, aktualisiert 02. November 2012, 13:33 Uhr
Bild vergrößern

Die Lebenserwartung steigt immer weiter. Dass es bei Rente mit 67 bleiben wird, ist noch nicht gesagt.

von Maike FreundQuelle:Handelsblatt Online

In den Parteien herrscht Wirrwarr in Sachen Renten. Klar ist nur: Die Politiker wollen der Altersarmut den Kampf ansagen. Doch die Vorschläge taugen nichts. Auch beim Renteneintrittsalter ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

DüsseldorfMit 40 oder 50 nicht mehr arbeiten zu müssen, stattdessen das Leben genießen – und zwar als Frührentner. Manch einer wird davon schon mal geträumt haben. Beim Traum wird es wohl auch bleiben, jedenfalls in Sachen gesetzliche Rente. Egal ob mit 20, 40 oder 50: „Jedes Jahr zählt. Denn das deutsche Rentensystem bilanziert der Lebensarbeitszeit“, sagt Anika Rasner, Rentenexpertin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Und das hießt: Eine Pause, zum Bespiel für den Nachwuchs oder auch die Frühverrentnung – übrigens maximal fünf Jahre vor dem gesetzlichen Rentenalter –, wirke sich negativ auf die Bilanz aus. Und zwar dramatisch.

„0,3 Prozent pro Monat. Das ist der Abschlag, den jeder von seiner gesetzlichen Rente hinnehmen muss, will er frühzeitig in den Ruhestand gehen“, sagt Rasner. Konkret bedeutet das: Wer auch in Zukunft mit 65 anstelle von 67 in Rente gehen will, der muss mit einer Minderung von 7,2 Prozent rechnen. „Zurzeit liegt das durchschnittliche Rentenalter bei 61 Jahren.“ Das bedeutet aber, dass diesen Rentnern 14,4 Prozent der Rente abgezogen werden. Im schlimmsten Fall hieße das: arm im Alter.

Anzeige

Es ist dieses Szenario, das die Politiker gerade umtreibt. Kein Wunder, es ist Wahlkampf. Und so schafft es die Rente neben der Eurorettung als Megathema auf die Wahlkampf-Agenda der Parteien.

Vor allem ist es Ursula von der Leyens Prestige-Projekt, das sie schnell umsetzen will, am liebsten schon im kommenden Jahr. Die Bundesarbeitsministerin hat sich das Thema Altersarmut auf die Fahnen geschrieben – die sie mit ihrem Vorschlag der Zuschussrente bekämpfen will.

Das Konzept der Zuschussrente sieht vor, Menschen mit geringer Rente zu unterstützen – „unter sehr vielen Bedingungen“, sagt Rasner. Beispielsweise müssten sie sehr lange privat vorgesorgt haben. Haben die Betroffenen außerdem 35 Jahre Pflichtbeträge gezahlt, wird die Kindererziehung angerechnet. Waren sie 45 Jahre lang versichert, zählt Arbeitslosigkeit hinzu. Auch wenn das Konzept der CDU vielleicht nicht Zuschussrente heißen wird: „das alte Prinzip der Rente nach Mindestentgeltpunkten“, auf das sich die Partei verständigt hat, decke sich mit dem von ihr ursprünglich vorgelegten Konzept, sagt von der Leyen.

„Die Ministerin treibt den Teufel mit dem Beelzebub aus“, sagt Martin Gasche. Der Rentenexperte vom Munich Center for the Economics of Aging (MEA), eine Abteilung des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik, ist überzeugt: Die Zuschussrente verschiebe nur die Ungleichbehandlungen in die Rentenversicherung.


Bei der Grundsicherung im Alter gibt es eine hohe Dunkelziffer

Außerdem habe sie nicht nur diesen Konstruktionsfehler, sie biete auch noch negative Arbeitsanreize. Denn Ziel sei es, mehr Menschen im Alter in Arbeit zu bringen. Mit der Zuschussrente erreiche man das Gegenteil: Sie gebe einen Anreiz zur Frühverrentung. Für die Höhe der späteren Rente mache es zudem keinen Unterschied mehr, ob ein älterer Arbeitnehmer Voll- oder bloß Teilzeit arbeite. Ein für Gasche vernünftiger Vorschlag: Freibeträge bei der Grundsicherung im Alter – ähnlich wie bei Harzt IV oder die sogenannte Bonusrente, bei der ein Geringverdiener pro Beitragsjahr einen Zuschlag zur Rente bekommt.

Hinzu kommt, „dass von der Leyen von Zahlen in Sachen Altersarmut ausgeht, die wissenschaftlich nicht belegt sind“, sagt der Ökonom. Laut Arbeitsministerin Ursula von der Leyen droht jedem dritten Arbeitnehmer eine Rente unter der Grundsicherung von 688 Euro. Die aktuellen Zahlen zeigen aber: Nur 2,5 Prozent nimmt Grundsicherung in Anspruch. Dass die Zahlen so dramatisch ansteigen werden, wie die Ministerin prognostiziert, dafür gebe es bisher keine Belege.

Das sieht der Armutsforscher Christoph Butterwegge anders. In seinem gerade erscheinenden Buch „Armut im Alter“ hat er sich mit dem Thema auseinandergesetzt. Zwar habe von der Leyen das Problem etwas dramatisiert. „Aber es ist ein offenes Geheimnis, dass es bei der Grundsicherung im Alter eine sehr hohe Dunkelziffer gibt“, sagt der Forscher. Diese liege bei über 60 Prozent. Hauptgründe für die ausbleibenden Hilfsanträge: Stolz und Scham über den Empfang staatlicher „Stütze“. Deutlich über eine Million Menschen im Rentenalter leben laut Butterwegge auf oder unter dem Grundsicherungsniveau von 688 Euro, noch erheblich mehr unter der EU-Armutsrisikogrenze von 952 Euro.

Lückenhafte Erwerbsverläufe und zu niedrige Löhne seien schuld daran, dass immer mehr Menschen auch im Alter noch zusätzlich arbeiten müssten, sagt der Forscher. 760.000 Menschen über 64 Jahren hätten einen Mini-Job, darunter fast 120.000, die 75 Jahre oder älter seien – Tendenz steigend. Von der Zuschussrente als Absicherung hält der Wissenschaftler aber nichts. Einer seiner Kritikpunkte: „In einer westdeutschen Großstadt kann man von 850 Euro Bruttorente nicht leben, ohne arm zu sein.“


Frauen haben viel mehr Gefahrenpunkte

Dass die Gefahr der Altersarmut besteht, davon geht auch die SPD aus. Sie will unter anderem mit der Solidarrente dagegen halten – eine pauschale Rente von 850 Euro. „Wie die SPD das zusammen mit einem konstanten Rentenniveau finanzieren will, lässt sie aber völlig offen, sagt Ökonom Gasche. Auch der Armutsforscher Butterwegge kritisiert den Ansatz. Denn die Stärkung der betrieblichen Altersvorsorge schwäche die Gesetzliche Rentenversicherung. Hauptgewinner wären die Versicherungsgesellschaften. Das Ergebnis: mehr Provisionen und höhere Profite, aber kaum weniger Altersarmut. „Das SPD-Konzept bringt auch nicht viel mehr als die Zuschussrente.“

„Es sind vor allem Frauen, die viel mehr Gefährdungspunkte für einen unterbrochenen Lebenslauf haben“, sagt Rasner – egal in welchem Rentensystem. Und deshalb sei die Gefahr der Rentenkürzungen und somit auch das Risiko von Altersarmut betroffen zu sein bei Frauen erhöht. „Viele Frauen verlassen sich auf die hohe Rente ihres Mannes.“ Die Scheidungsraten würden jedoch etwas anderes sagen. Ehegattensplitting, Kindererziehung und Pflege eines Angehörigen seien weitere Aspekte, die sich negativ auf die Rente der Frauen auswirken würden. Ihre Forderung: Ein System, das zwar die Besonderheiten der Lebensläufe von Frauen berücksichtigt, aber auch die Vollzeitarbeit mit Kind fördere.

Nicht nur für Frauen könnte sich die Renten-Situation noch zuspitzen: Die Rente mit 67 gilt seit diesem Jahr, bis 2029 wird das Renteneintrittsalter stufenweise angehoben. Obwohl die Reform unter der schwarz-roten Regierung verabschiedet wurde, stellt die SPD – oder zumindest ein Teil der SPD – das Renteneintrittsalter wieder in Frage.

Dabei ist noch lange nicht klar, ob die Grenze beim Renteneintrittsalter schon erreicht ist. „Ich hoffe es“, sagt Ökonom Gasche. Aber es sei nicht wahrscheinlich. „Wir können nicht viel länger leben und weniger arbeiten. Das Renteneintrittsalter muss sich mit dem Anstieg der Lebenserwartung entwickeln.“

Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung prognostiziert sogar die Rente mit 72, wenn die Lebenserwartung weiterhin steigt – und bisher weisen alle Forschungsergebnisse darauf hin – von Jahrzehnt zu Jahrzehnt um zwei bis drei Jahre in Europa. „Etwas von dieser geschenkten Zeit werden wir auf die Arbeit verwenden müssen“, sagt der Direktor des Instituts, James Vaupel.

Quellle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%