Ruhrgebiet: Vom Kohlenpott zum Innovationsstandort

Ruhrgebiet: Vom Kohlenpott zum Innovationsstandort

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Bergwerk Prosper-Haniel

Seit zwei Jahrzehnten wird erfolglos nach einem Zukunftsmodell für die Industrieregion im Westen gesucht. Jetzt werden eine alte Stärke und eine akute Notlage zur letzten Hoffnung.

Die mächtigen Wirtschaftsbarone im Ruhrgebiet lieben große Ideen – und meiden das Konkrete. An dieser Unart hat sich nichts geändert. „Aus dem Ruhrgebiet muss eine Innovationsregion werden“, sagt Bodo Hombach so bestimmt wie unbestimmt.

Der einstige Kanzleramtsminister und heutige Chef der WAZ Mediengruppe führt seit Anfang des Jahres den Initiativkreis Ruhr, in dem sich die großen Unternehmen der Region zusammengeschlossen haben. Entstanden aus der Kohlekrise Ende der Achtzigerjahre widmet sich der Verein der Aufgabe, den Strukturwandel zu organisieren. Das Problem dabei: Alle zwei Jahre wechselten Vorsitz und Visionen – für mehr blieb selten Zeit.

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Selbst aktiv werden

Doch so sehr Hombach im Ton seinen Vorgängern ähnelt, wenn er über die „Unternehmen der flexiblen Spezialisierung“ philosophiert, eine Einsicht scheint er im Initiativkreis verankert zu haben: Die Unternehmen müssen selbst aktiv werden und Geld in die Hand nehmen und nicht auf die Politik warten. Dann würden auf einmal Investitionen möglich, die der Region mehr Zukunftsfähigkeit bringen könnten als alle staatlich gelenkten Entwicklungspläne zuvor.

„Innovation City Ruhr“ heißt das Projekt, und der Ort des Geschehens klingt nach viel Ruhrgebiet und wenig Zukunft: Die Stadt Bottrop, die mit Prosper-Haniel eine der letzten beiden noch aktiven Zechen beheimatet, soll zum Ökovorzeigeort werden. Konkret geht es darum, dass die Region mit ihren 70.000 Einwohnern innerhalb von zehn Jahren ihren CO2-Ausstoß um die Hälfte reduziert. Um das Ziel zu erreichen, setzt der Stromkonzern E.On in Bottrop die neuen Allzwecknetze „Smart Grid“ ein, das Unternehmen Emscher Lippe Energie rüstet die Stadtteile mit neuer Infrastruktur für Elektromobilität auf. Die für Wasserentsorgung zuständige Emschergenossenschaft ist mit von der Partie, und der Chemiekonzern Evonik plant ein Forschungszentrum zur CO2-Einsparung.

Rund 100 Millionen Euro wollen diese vier Konzerne auf einer Geberkonferenz am 2. September in Aussicht stellen, weitere Zusagen sollen folgen, und auch der EU-Kommissar für Regionalpolitik, Johannes Hahn, soll in Brüssel EU-Fördermittel loseisen. Am Ende hofft man auf ein Investitionsvolumen von 2,5 Milliarden Euro.

Die Idee dahinter: Die Unternehmen entwickeln Innovationen zur Marktreife und schaffen Arbeitsplätze, die der Region eine neue Perspektive verleihen. Ganz nebenbei hätte man noch vorgemacht, wie im Zusammenspiel von Unternehmen, Bürgern und Politik der Umbau zur ökologischen Gesellschaft gelingt.

Ein Plan, der nicht enden soll wie viele andere zuvor, die sich in der Umlenkung von Fördergeldern erschöpften. Über Projekte wie die Internationale Bauausstellung oder die Kulturhauptstadt flossen zwar Milliarden in die Region, doch jenseits der Leuchttürme wie dem Kulturzentrum „U“ in Dortmund und der renaturierten Emscher ist von diesen wenig geblieben. In der Landesregierung wird jetzt schon erwogen, als nächstes „Dekadenprojekt“ könne am Ende des Bottroper Versuchs eine Weltausstellung in der Region stehen.

Wenig Bewerbungen

Seit Anfang des Jahres läuft „Innovation City Ruhr“, doch eine zentrale Komponente lässt bisher zu wünschen übrig: die Beteiligung der Bürger. Bei der Bewerbung unterschrieben noch mehr als 20.000, um das Vorhaben nach Bottrop zu holen. Drei kleinere Projekte, die bereits gestartet sind, erweisen sich jedoch als Flops. Der Heizungskonzern Vaillant, Stromversorger Steag und der Energieversorger Emscher Lippe Energie bieten den Anwohnern Sanierungsmaßnahmen zum Energiesparen kostenlos oder mit sehr geringer Eigenbeteiligung, doch auf Bewerbungen warten sie fast vergeblich. Jetzt werden Fristen verlängert und Werbetrommeln gerührt, um die Bürger doch noch umzustimmen.

Für die Politik im Land wird das Gelingen des Projekts währenddessen immer bedeutsamer. So euphorisch der Abschied von der Atomenergie zelebriert wurde, umso deutlicher macht die jetzt folgende Krise der betroffenen Konzerne, wie wichtig deren Überleben für das Land ist. Allein E.On hat 2010 gut 1,5 Milliarden Euro Steuern gezahlt, fast ein Drittel davon fließt an das Land NRW, ein weiteres Drittel an die Standortkommunen. Im Ruhrgebiet geht es in den nächsten Jahren nicht um die Frage, wo die nächsten Subventionsmilliarden bleiben. Sondern darum, ob der letzte Rest industrieller Struktur zum Kern neuen Wachstums wird – oder mit der Ökologisierung der Gesellschaft untergeht. 

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