
Sie machen weiter. In drei Monaten starten die Russen ihre nächste Expedition Richtung Nordpol. Forschungs-U-Boote sollen den russischen Anspruch auf vermutete riesige Öl- und Gasvorkommen im Polarmeer untermauern – und möglichst auch konkrete Hinweise darauf finden, wo genau diese Schätze lagern könnten. Denn bisher ist die Hoffnung auf das Öl-Dorado unter der Eisdecke reine Spekulation. Ebenso ungewiss ist, ob Russland das Riesengebiet von 1,2 Millionen Quadratkilometern zu Recht beansprucht. Die weiß-blau-rote Flagge aus rostfreiem Titan, die russische Seeleute vor zwei Wochen in 4261 Meter Wassertiefe am Pol versenkten, ist völkerrechtlich ohne Belang. Der arktische Ozean ist ungeachtet seiner wegen der Klimaveränderung immer weiter nach Norden zurückweichenden Eisdecke im Sinne der Völkerrechtler offenes Meer, das allen und niemandem gehört. Die Seerechtskonvention der Vereinten Nationen erlaubt jedem Staat, bis zu 200 Seemeilen vor seiner Küste sogenannte Wirtschaftszonen abzustecken, und das haben die Arktis-Anrainer auch alle getan – in der Hoffnung auf Gas- und Ölvorkommen, deren Erschließung aber erst am Anfang steht: Das große norwegische Gasfeld Snohvit (geschätztes Volumen: 160 Milliarden Kubikmeter) hat dieses Jahr zu produzieren begonnen. Ungleich größer noch ist das Shtokman-Feld in der russischen Barentssee mit einem geschätzten Volumen von 3,5 Billionen Kubikmetern. Der Gazprom-Konzern rechnet damit, dass 2013 dort die Produktion beginnt: Die Wassertiefe von etwa 330 Metern ist ein Problem, und die Erschließungskosten werden von Gazprom auf mindestens 15 Milliarden Dollar geschätzt. Aber das wäre fast schon Kleinkram, wenn Russland seine Wirtschaftszone wirklich zum Nordpol ausdehnen könnte. Die Seerechtskonvention erlaubt so etwas, wenn ein Staat nachweisen kann, dass der Boden unter dem Meer über die 200-Meilen-Linie hinaus so etwas wie eine Fortsetzung der eigenen Geografie ist. In der Arktis führt diese Regel zu abenteuerlichen Ansprüchen, aus denen schlimmstenfalls ein eiskalter Krieg zwischen Russland und anderen Anrainern werden könnte. Kanada hat als Reaktion auf den russischen Vorstoß schon angefangen, seine eismeertaugliche Marine und den Militärstützpunkt Alert auszubauen. Moskau betrachtet das unterirdische Land zwischen der eigenen Küste und dem im Ozean versunkenen Gebirgs- zug namens Lomonossow-Rücken als Fortsetzung der Tundra, den Lomonossow-Rücken gleich auch noch. Dänische Diplomaten sehen dagegen die Lomonossow-Berge eine Art Nord-Nord-Grönland an, während Kanada argumentiert, der Bergrücken sei der versunkene Nordabschnitt der eigenen Inselwelt. Interessant ist das diplomatische Scharmützel aber nur, wenn die Fantasien der russischen Arktis-Forscher stimmen. Die verstehen weniger von Exploration als davon, wie sich Moskauer Politiker für kostspielige Forschungs- und Schiffbauprogramme begeistern lassen. Verdächtig klingen jedenfalls die runden Zahlen der Schätzung, im beanspruchten Tiefseegebiet seien zehn Milliarden Tonnen Öl und Gas im Wert von mehr als 1000 Milliarden Dollar zu finden. Doch die politische Führung im Kreml scheint inzwischen auch zu glauben, dass nahe dem Nordpol um die 2,5 Milliarden Tonnen Erdöl und 7,5 Milliarden Tonnen Erdgas auf ihre Entdeckung warten. Russland, bisher schon Nummer eins unter den Erdgasbesitzern und Nummer vier unter den Erdölnationen, könnte dann seine Vorkommen beider Energieträger um jeweils etwa 20 Prozent steigern. Das zusätzliche Erdöl wäre zu heutigen Preisen deutlich mehr als eine Billion US-Dollar wert, das polare Erdgas könnte nach heutigen Endabnehmerpreisen mindestens drei Billionen Euro erzielen. Aber noch ist nichts gefunden worden. Nach heutigem Stand, sagt Solveig Estrada von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover, „ist es schon schwer genug, in Küstennähe Rohstoffvorkommen zu explorieren. Im Grunde weiß noch keiner, was nahe am Nordpol zu finden wäre“.













