Saar-Beben: Bange Fragen nach dem Kohlekompromiss

Saar-Beben: Bange Fragen nach dem Kohlekompromiss

Bild vergrößern

Der Helm und die Schuhe eines Bergmanns stehen am Montag (25.02.2008) im Steinkohlebergwerk Saar Anlage Nordschacht bei Lebach im Umkleideraum. Ein Erdbeben der Stärke 4,0 hatte am Samstag Teile des Saarlandes erschüttert. Das Erdbeben war die stärkste jemals durch den Kohleabbau im Saarland ausgelöste Erschütterung. Die RAG Deutsche Steinkohle AG entschied sich daraufhin, den umstrittenen Kohleabbau im betroffenen Gebiet Primsmulde Süd vorerst einzustellen.

Das Erdbeben im Saarland hat Ministerpräsident Peter Müller zu einer Blitzentscheidung veranlasst: Das Bergwerk Saar soll ab sofort seine Förderung einstellen – wohl für immer. Damit gerät der Kohlekompromiss ins Wanken.

Die Erde bebt – und der Kohlekompromiss gleich mit ihm. Die Vereinbarung zwischen Bundesregierung, nordrhein-westfälischer Landesregierung und der RAG-Stiftung in Essen, zu der auch das Bergwerk im Saarland gehört, wackelt kräftig nach dem Erdbeben der Stärke 4 im Saarland.

So schnell sollte das Aus für die Saar-Kohle nicht kommen.

Anzeige

Der saarländische SPD-Landeschef Heiko Maas hat wegen des drohenden Endes des Bergbaus im Saarland einen Krisengipfel aller Parteien und gesellschaftlichen Kräfte gefordert. „Die Dimension dessen, was jetzt auf uns zukommt, ist vergleichbar mit der Stahlkrise, die es hier schon einmal gegeben hat“, sagte Maas . 

Dies habe nicht nur Folgen für die unmittelbar bei der RAG Beschäftigten, sondern auch für die Energiewirtschaft und die vom Bergbau abhängige Industrie. „Es ist die Frage, wo denn von heute auf morgen ein Rezept herkommen soll“, sagte Maas mit Blick auf die Ankündigung von RAG-Vorstandschef Bernd Tönjes, nochmals zu versuchen, dem Erdbeben auf den Grund zu gehen und eine Lösung zu entwickeln.

Das endgültige Aus für den Bergbau im Saarland wird nach dem schweren Grubenbeben am Samstag immer wahrscheinlicher. Insgesamt arbeiten dort knapp 5.000 Menschen für die RAG Deutsche Steinkohle. Bereits am Wochenende hatte das Unternehmen etwa 3.600 Mitarbeiter freigestellt.

Die Ursache des Bebens liegt ungeachtet der anlaufenden geologischen und bergbautechnischen Untersuchungen jetzt schon fest: Der Bergbau im Saarland führt zu Verwerfungen im Gestein, die in ausgeräumten und stillgelegten Schächten zum Erdeinbruch führen können. Solche 1500 Meter tiefen Einbrüche lösen dann den Erd-Tsunami aus, der am Wochenende Tausende von Bürgern im Saarland vor Schrecken auf die Straße trieb. CDU-Ministerpräsident Müller, sowieso kein Freund des Bergbaus, verkündete keine 24 Stunden nach dem Beben, dass der Bergbau im Saarland damit beendet sei. So gut wie keiner glaubt tatsächlich mehr daran, dass die Schachtanlage in Ensdorf je wieder in Betrieb genommen wird.

Wie empfindlich, ja überempfindlich die Bürger dort geworden sind, zeigt der misslungene Versuch des Energieversorgers RWE, dort ein relativ sauberes Steinkohlekraftwerk zu bauen, dass viele Arbeitsplätze geschaffen hätte. Per Bürgerentscheid verhinderten die Ensdorfer das – ganz ohne Montanromantik, die früher hier vorherrschte. Nun gibt das Beben wohl einen berechtigten Grund zur Sorge. Mit dem Zwischenfall nicht zu spaßen ist, weil er den Zusammenbruch kompletter unterirdischer Gänge zur Folge haben könnte. „Damit ist der saarländische Teil der Deutschen Steinkohle DSK tot“, sagt ein Betriebsratsmitglied tonlos. Noch am Freitag konferierten die Betriebsräte zusammen mit RAG-Stiftungschef Wilhelm Bonse-Geuking über die Zukunft der RAG.

Diese ist vom sauberen Teil der früheren Ruhrkohle AG inzwischen abgetrennt. Dieses Unternehmen mit dem Kunstnamen Evonik sollte eigentlich in diesem Jahr an die Börse gehen. Evonik-Sprecherin Barbara Müller sagte am Wochenende: „Wir bereiten uns unverändert auf einen Börsengang im ersten Halbjahr vor. Für die Festlegung des genauen Zeitpunktes berücksichtigen wir natürlich auch das Kapitalmarktumfeld.“ Die Frankfurter Allgemeine Zeitung stellte fest: „Angesichts der Finanzmarktkrise ist der im vergangenen Jahr beschlossene Börsengang im Jahr 2008 vom Tisch.“

Dabei braucht die RAG-Stiftung, die sowohl Eigentümerin der Evonik als auch des Kohleförderers DSK ist, jetzt dringend Geld. Ein Beamter im saarländischen Wirtschaftsministerium schätzt die Kosten der Bebenschäden auf „mindestens 100 Millionen Euro“ – ohne dass die Kohleförderung je wieder angefahren werde. In den vergangenen Jahren investierte die DSK in den Schacht Saarlouis allein 200 Millionen Euro zur Modernisierung. Aus jetziger Sicht gesehen war das herausgeschmissenes Geld. Die Kosten des Erdbebens muss die RAG-Stiftung tragen, die sie aus dem Verkauf der Evonik an Investoren refinanzieren muss. Der Druck Evonik zu verkaufen, steigt mit dem Erdbeben ebenfalls um einige Grade auf der Richterskala.

Das wahrscheinliche Aus von Ensdorf bedeutet quasi die vorgezogene Schließung eines Großschachtes, der das effizienteste Bergwerk der Deutschen Steinkohle AG war. 3900 Arbeiter waren hier im Einsatz, jetzt sind sie freigestellt. Mit einer Jahresförderung von 3,7 Millionen Tonnen war dies das bisher – an Kohlemengen gemessen – produktivste deutsche Bergwerk, das wie die anderen Bergwerke natürlich auch keinen Gewinn erwirtschaftete, sondern vom Steuerzahler durchgefüttert werden musste. Das zweitproduktivste Bergwerk ist das Bergwerk Prosper Haniel im Ruhrgebiet mit einer Jahresleistung von 3,5 Millionen Tonnen, in dem 200 Arbeiter mehr als in Ensdorf arbeiten. Das an Jahreskohleförderung kleinste Bergwerk ist das Bergwerk Ost im nordrhein-westfälische Hamm mit 1,3 Millionen Tonnen Leistung.

Wenn die Saar als Kohleland ab sofort wegfällt, „dann stellt sich die Frage, ob der Kohlekompromiss nicht vorgezogen wird“, sagt ein Beamter aus dem Düsseldorfer Wirtschaftsministeriums. Eigentlich sollte spätestens 2018 Schluss sein, die letzte Tonne Kohle gefördert werden. Der Kompromiss sollte aber vorher noch einmal überprüft werden. Im Fall eines Energieengpasses wollte sich die Koalition eine Weiterführung des deutschen Steinkohlebergbaus quasi auf kleiner Flamme vorbehalten.

Bis dahin steht die Schließung zweier Zechen im Ruhrgebiet fest: Zeche Walsum in Duisburg macht zum 30. Juni dieses Jahres dicht. Das Bergwerk Lippe zum Janaur 2010. Bei beiden Bergwerken handelt es sich um kleinere Gruben, zusammen sind sie so groß wie die Zeche Ensdorf im Saarland. Der Ausstiegsplan entsprach dem gemütlichen Ausstieg. Jetzt fällt Ensdort weg und der Kohlekompromiß ist quasi per heute auf dem Stand vom Januar 2010. So kann die Förderung über Nacht wegbrechen.

So stellt sich die Frage, ob mit Ensdorf das Soll des Schließungsplanes bis 2010 erfüllt ist, und Walsum oder zumindest das Bergwerk Lippe erst einmal ihre Stilllegungstermine aufschieben können. Oder ob der Abschied aus der deutschen Steinkohle mit dem abrupten, vom Erdbeben ausgelösten Ausstieg im Saarland, stark beschleunigt wird. Angeblich drohe ein ähnliches Erdbeben im Ruhrgebiet nicht, weil das Gestein hier weicher sei als im Saarland. Wo mehr weicher Mergel anfällt, kracht ein von Kohle abgeräumter Schacht, auch toter Mann genannt, nicht so schnell und nicht so markerschütternd in sich zusammen, beteuern DSK-Geologen. Ein anderer Geologe warnt: Ein vom Bergbau ausgelöstes Erdbeben kommt schneller als man denkt. „Wenn man die ersten Vorboten wahrnimmt, dann passiert es auch schon im nächsten Moment“. Zeit für Alarm und Evakuierung bleibt dann nicht.

Doch Panikmache gilt nicht. Aber:  Die Diskussion um den Kohleausstieg hat die rumpelnde Erde im Saarland schon jetzt ausgelöst.

Drei Tage nach dem bislang schwersten Grubenbeben im Saarland haben heute morgen die Fraktionen im saarländischen Landtag mit Beratungen über die Folgen begonnen. Die Landesregierung will in der Sondersitzung des Wirtschaftsausschusses unter anderem über die Auswirkungen des Bebens und über den Stand der Gespräche mit der RAG Deutsche Steinkohle informieren. Auch über eine mögliche Sondersitzung des Landtags zu dem Thema wollten die Parlamentarier beraten. Nach dem Beben am Samstag hatte die Landesregierung einen unbefristeten Abbaustopp für das Bergwerk Saar verfügt. Ministerpräsident Peter Müller (CDU) rechnet nicht damit, dass die Kohleförderung im Saarland noch einmal aufgenommen wird. Von einem Aus für den Bergbau wären bei der RAG rund 5000 Arbeitsplätze betroffen, nach Angaben des Unternehmens kommen noch einmal so viele in der Zuliefererindustrie dazu. Auf einer Betriebsversammlung in Saarbrücken wollte der Konzern am Dienstagmittag die Belegschaft über die Situation informieren. 3600 Beschäftigte des Bergwerks sind zur Zeit freigestellt, in den kommenden Tagen werden sie in Kurzarbeit geschickt.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%