Satirestreit mit Erdogan: Jan Böhmermann verkündet Fernsehpause

Satirestreit mit Erdogan: Jan Böhmermann verkündet Fernsehpause

, aktualisiert 16. April 2016, 09:23 Uhr

Nach der Entscheidung der Kanzlerin, Ermittlungen gegen Böhmermann zuzulassen, liegen die Reaktionen weit auseinander. Das ZDF sichert dem Satiriker volle Unterstützung zu. Der Komiker kündigt indes eine Fernsehpause an.

Jan Böhmermann will sich für einige Zeit aus dem TV zurückziehen. Dies kündigte der Satiriker auf seiner Faceboobseite an. Dort schrieb er: „Mein Team und ich haben es uns in den vergangenen drei Jahren zur Aufgabe gemacht, die Top-Themen aus Politik, Feuilleton und Boulevard satirisch einzuordnen. In den vergangenen zwei Wochen haben wir es geschafft jedes dieser drei Presse-Levels selber einmal durchzuspielen.“ Deshalb habe er sich dazu entschlossen, eine kleine Fernsehpause einzulegen, „damit sich die hiesige Öffentlichkeit und das Internet mal wieder auf die wirklich wichtigen Dinge wie die Flüchtlingskrise, Katzenvideos oder das Liebesleben von Sophia Thomalla konzentrieren kann.“

ZDF-Intendant Thomas Bellut sichert dem Satiriker Jan Böhmermann im Rechtsstreit mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan volle Unterstützung zu. „Wir gehen mit ihm durch alle Instanzen“, sagte Bellut dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“. Der öffentlich-rechtliche Sender gebe seinem Moderator vollen Rechtsschutz. Böhmermanns umstrittenen Beitrag bezeichnete Bellut als Grenzfall. „Man kann das so oder so sehen“, sagte er. Bellut sagte weiter, auch der zuständige ZDF-Redakteur, der die umstrittene Passage der Sendung freigegeben habe, müsse „keinerlei disziplinarische Maßnahmen befürchten“. Er selbst halte den Fernsehbeitrag für einen Grenzfall.

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Der Anwalt Böhmermanns kritisierte die Entscheidung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, den Weg für Ermittlungen wegen Beleidigung des türkischen Präsidenten frei zu machen. „Diese Verfolgungsermächtigung war völlig überflüssig und ohne Not“, erklärte der Rechtsanwalt Christian Schertz am Freitagabend. Er verwies darauf, dass Erdogan bereits als Privatperson einen Strafantrag gestellt hat und die Staatsanwaltschaft daher die Frage der Beleidigung ohnehin prüfen müsse.

Merkel hatte ihre Entscheidung mit den engen und freundschaftlichen Beziehungen zur Türkei begründet. Zudem sei es im Rechtsstaat Sache von Staatsanwaltschaften und Gerichten, das Persönlichkeitsrecht und andere Belange gegen die Presse-, Kunst- und Meinungsfreiheit abzuwägen. Die SPD-geführten Ministerien stimmten gegen die Ermächtigung und übten offene Kritik an Merkel. Die Opposition warf der Kanzlerin einen Kniefall vor Erdogan vor.

Fall Böhmermann Angela Merkel hat richtig entschieden

Die Justiz darf gegen Böhmermann ermitteln. Das ist bitter, aber die richtige Entscheidung der Kanzlerin. Warum Erdogan sich nicht zu früh freuen sollte und womöglich eine Regierungskrise droht.

Jan Böhmermann muss sich nun vor Gericht wegen sogenannter "Majestätsbeleidigung" verantworten - weil die Kanzlerin es erlaubt. Quelle: REUTERS

Die Entscheidung der Bundesregierung, ein Strafverfahren gegen den Satiriker zuzulassen, spaltet die Gemüter. Der frühere Bundestagspräsident und SPD-Politiker Wolfgang Thierse begrüßte den Entschluss, obwohl die Minister der SPD dagegen waren. „Ich halte es für richtig, dass Richter über das sogenannte Gedicht von Herrn Böhmermann entscheiden“, sagte Thierse der „Saarbrücker Zeitung“ (Samstag). „Die Bundesregierung hatte keinen Anlass, dies zu verhindern.“

CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach übte hingegen deutliche Kritik: „Ich bedauere die Entscheidung und hoffe, dass der Türkei eine Lektion in puncto Meinungsfreiheit erteilt wird“, sagte er der „Mitteldeutschen Zeitung“ (Samstag). „Ich gehe jedenfalls nicht davon aus, dass man Böhmermann verurteilt.“

Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt lobte in der „Bild“-Zeitung: „Kanzlerin Merkel hat gleich zweimal recht: Erstens lässt sie die Strafverfolgung zu. Das ist in einem Rechtsstaat auch selbstverständlich. Zweitens schafft sie den überflüssigen Majestätsbeleidigungsparagrafen ab. Das ist längst überfällig.“

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