Schiefergasförderung: ExxonMobil trommelt für sauberes Fracking

Schiefergasförderung: ExxonMobil trommelt für sauberes Fracking

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Gernot Kalkoffen

von Benjamin Reuter

Kaum ein Energiethema ist derzeit umstrittener als die Erdgasförderung mit dem Fracking-Verfahren. Das US-Unternehmen ExxonMobil startet in Deutschland nun eine PR-Offensive – mit ungewöhnlichen Mitteln.

Die überraschendste Nachricht für Zeitungsleser war am Donnerstag wahrscheinlich nicht der neueste Geländegewinn der radikalen Islamisten der ISIS in Irak und Syrien oder die Lästerattacke des britischen Premiers David Cameron gegen die Queen.

Nein, Leser sahen in mehr als zehn überregionalen deutschen Tagesszeitungen und auf mehreren Onlineportalen eine große Anzeige des US-Energieriesen ExxonMobil. Darin wirbt Gernot Kalkoffen, der Deutschland-Chef des Unternehmens, in Form eines offenen Briefs für eine "giftfreie" Förderung des deutschen Schiefergases per Fracking.

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Manch ein Leser mag sich beim Blick auf die Anzeige an die Erzählung von der unbefleckten Empfängnis aus dem Konfirmationsunterricht erinnert haben.

Denn man muss wissen: Um Schiefergas zu fördern, pumpen die Unternehmen bisher Millionen Liter Wasser vermischt mit Sand mehrere tausend Meter tief in den Boden, sodass Risse im Schiefergestein entstehen. Erst dann fließt das Erdgas an die Oberfläche. In das Wasser werden in den USA - dem einzigen Land, das bisher in nennenswerten Mengen Schiefergas fördert - mehrere Tonnen Chemikalien gemischt. Die sind teilweise giftig und vielfach gesundheitsschädlich und ermöglichen unter anderem, dass der Sand besser in die Risse dringt. Entsprechend vehement protestieren Umweltschützer seit Jahren gegen Fracking, weil sie fürchten, es verseuche das Grundwasser.

Kalkoffen beteuert in der Anzeige nun, dass er den Chemiecocktail in Deutschland drastisch reduzieren will, sollte das Unternehmen künftig Schiefergas fördern. Es sollen nur noch zwei "ungiftige und zudem biologisch leicht abbaubare Zusätze zum Einsatz kommen".

Der Hintergrund der Werbeoffensive ist klar. Derzeit arbeiten Vertreter des Wirtschafts- und des Umweltministeriums an einem Frackinggesetz, das einen rechtlichen Rahmen für die Schiefergasförderung schaffen soll. Dabei deutet alles darauf hin, dass die Bundesregierung das Verfahren in einem gewissen Rahmen zulassen will.

Was hinter „Fracking“ steckt

  • „Fracking“ - umstrittene Förderung von Erdgas

    Das umstrittene „Fracking“ wird seit mehreren Jahrzehnten zur Gewinnung von Erdgas aus Gesteinsporen eingesetzt. Bei dem „Hydraulic Fracturing“ wird Gestein in 1000 bis 5000 Metern Tiefe mit hohem hydraulischen Druck aufgebrochen.

  • Künstliche Fließwege

    Um das Gas fördern zu können, werden künstliche Fließwege geschaffen. Dazu wird ein flüssiges Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien in den Boden gepresst, so dass Risse im Gestein entstehen. Durch sie entweicht das Gas und gelangt schließlich an die Oberfläche.

  • Gefahr für das Grundwasser

    Unter den Chemikalien sind auch gefährliche Stoffe, die bei unsachgemäßer Verwendung Mensch und Umwelt gefährden können. Kritiker weisen darauf hin, dass der Chemikalien-Cocktail bei Bohrpannen oder dem Durchstoßen von Wasserspeichern ins Grundwasser gelangen kann. Auch das Umweltbundesamt äußert Bedenken.

  • Beherrschbarkeit des Verfahrens

    Energiekonzerne wie ExxonMobil betonen dagegen die Beherrschbarkeit des Verfahrens: Jeder Eingriff („Frac“) werde durch eine stabile Ummantelung der Bohrung von der Umwelt getrennt.

  • Lagerstätten in Deutschland

    In Deutschland wird das Gas in „unkonventionellen Lagerstätten“ vor allem in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Nord-Hessen und dem Oberrheingraben vermutet.

  • ... und in der Welt

    Über das weltweit größte Vorkommen verfügt laut einer Studie des US-Energieministeriums China, danach kommen die USA und Argentinien. In den USA sind die Energiepreise durch die massive Erschließung von Gasvorkommen eingebrochen - allerdings gibt es Berichte über massive ökologische Folgen.

Zwei Chemikalien

“Erlaubt werden aber nur Probebohrungen für die Forschung, und auch das nur ohne den Einsatz von wassergefährdenden Frackflüssigkeiten”, beteuerte Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) kürzlich in einem Interview. Zudem müssen sich die Unternehmen und Forscher mit den Lagerstätten in mehr als 3000 Meter Tiefe begnügen. ExxonMobil betont deshalb auch, mit dem giftfreien Fracking eine "Kernforderung aus Politik und Öffentlichkeit" erfüllt zu haben.

Ganz neu ist das allerdings nicht. Schon im April hatte das Unternehmen bekannt gegeben, dass es bei künftigen Probebohrungen in Deutschland nur zwei Chemikalien einsetzen wolle. Einmal ist das Cholinchlorid, das Hühnerzüchter auch als Masthilfe einsetzen. Der zweite Zusatz mit dem komplizierten Namen Butyldiglycol kommt in Lacken und Haushaltsreinigern vor und kann die Augen reizen. Giftig oder gar wassergefährdend soll er in den geringen Dosen, die zum Einsatz kommen, laut ExxonMobil nicht sein.

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Unkonventionelle Methoden

Ob diese Zusätze allerdings genügen, um das Gas aus der Tiefe zu bekommen, können nur Probebohrungen zeigen. Genau die würde das Unternehmen, nachdem das Gesetz vom Bundestag verabschiedet ist, auch gerne starten.

Um die Nachricht vom ungiftigen Fracking zu verbreiten, scheut ExxonMobil auch unkonventionelle Methoden nicht. Kürzlich tranken zwei Ingenieure des Unternehmens vor laufender Kamera des Norddeutschen Rundfunks die Frackingflüssigkeit, um seine Harmlosigkeit zu beweisen.

Auch besorgte Anwohner in der Nähe der Bohrstellen will ExxonMobil-Chef Gernot Kalkoffen beruhigen. In einem Unternehmensvideo beteuert er, dass er kein Problem damit habe "wenn das Erdgas aus meinem Garten kommt" – auch wenn es per Fracking gewonnen werde. Ganz unwahrscheinlich ist dieses Szenario nicht. Schließlich hat ExxonMobil auch eine Zweigstelle in Hannover. In Niedersachsen befinden sich neben Nordrhein-Westfalen die größten deutschen Schiefergasvorräte.

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