Schrumpfkurs und Wachstum: Hier schrumpft Deutschland, dort boomt es

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Schrumpfkurs und Wachstum: Hier schrumpft Deutschland, dort boomt es

Deutschland wird umgebaut: Leerstehende Häuser und WG-Zimmer für 400 Euro im Monat - die Schere zwischen den Boom-Städten und den strukturschwachen Regionen klafft immer weiter auseinander.

„Geordneter Rückbau“ klingt zwar schöner als „Abriss“, aber irgendwie auch nach „geordnetem Rückzug“, so wie nach einer verlorenen Schlacht. In einigen schrumpfenden Kommunen im Osten von Deutschland ist dieser von städtebaulichen Maßnahmen begleitete Schrumpfungsprozess schon seit einigen Jahren im Gange. Er wird in den kommenden 20 Jahren laut einer aktuellen Prognose des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) weitere Landesteile erfassen, und zwar auch im Westen der Republik.

Zu den Regionen, in denen bis 2035 eine starke Abwanderung erwartet wird, gehören das Saarland, Nordhessen mit Ausnahme von Kassel sowie das Saarland, die südlichsten Regionen Niedersachsens und das ehemalige Zonenrandgebiet. Auch in Nordrhein-Westfalen, wo ein anhaltendes Wachstum der Großstädte Köln, Bonn und Düsseldorf prognostiziert wird, rechnen die Demografen künftig mit einem Rückgang der Einwohnerzahlen. Im Hochsauerland, im Märkischen Kreis und im Ruhrgebiet wird die Zahl der Einwohner voraussichtlich um 4 bis 20 Prozent schrumpfen. Und auch für die neuen Bundesländer gibt es keine Entwarnung. „Die Wachstumsinseln in schrumpfenden Regionen werden immer weniger“, sagt der Leiter des Referats Raumentwicklung im BBSR, Michael Zarth.

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IWH-Chef Ohne Zuwanderung droht Osten die Demografiefalle

Die Bevölkerung in Ostdeutschland schrumpft schneller als im Westen und sie wird immer älter. Manche Regionen entvölkern sich. IWH-Präsident Gropp rät zur Konzentration auf die Städte und hofft auf Zuwanderung.

drei zehngeschossige Hochhäuser am Brühl in Leipzig Quelle: dpa

Der Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW) fordert deshalb jetzt mehr Unterstützung beim „Umbau Deutschlands“. „Diejenigen, die abreißen wollen und in zukunftsfähige Städte investieren möchten, brauchen die Unterstützung von Bund und Ländern“, sagt GdW-Chef Axel Gedaschko. Auch der Deutsche Städtetag plädiert da, wo eine „Auslastung der Infrastruktur“ nicht mehr realistisch erscheint, für einen „geordneten Rückbau“.

Auf dem Gebiet der ehemaligen DDR wird das schon lange praktiziert. Das Bund-Länder Programm „Stadtumbau Ost“ verbindet den Abriss mit dem Erhalt schützenswerter Altbauten und Maßnahmen zur „Aufwertung der von Schrumpfungsprozessen betroffenen Städte“. Meist trifft die Abrissbirne Plattenbauten, die auch im bewohnten Zustand von vielen Menschen als ästhetische Zumutung empfunden werden.

Plattenbausiedlungen gibt es im Westen zwar nicht. Doch auch hier wird der Leerstand in einigen Gebieten nach Schätzung der Experten in den nächsten Jahren zunehmen, weshalb der Abriss einzelner Gebäude ihrer Ansicht nach auch dort angezeigt wäre. Als Beispiele nennt der GdW Osterode am Harz, Birkenfeld am Hunsrück sowie die oberfränkischen Kommunen Hof und Wunsiedel.

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Denn leerstehende Wohngebäude sind generell ein deprimierender Anblick. Und die Statistik zeigt: Wer so etwas täglich vor sich hat, denkt bald selbst daran, den Heimatort zu verlassen. Aus dieser Negativspirale findet eine Kommune dann später schwer wieder heraus. Deshalb plädiert der GdW-Bundesverband jetzt für eine Ausdehnung des Programms „Stadtumbau Ost“ auf ganz Deutschland. Denn das aktuelle Programm „Stadtumbau West“ legt den Schwerpunkt nicht auf den „Rückbau“.

Angesichts des drastischen Wohnungsmangels in einigen Ballungsgebieten mag das abstrus klingen. Doch die Bundesrepublik ist kein Planwirtschafts-Staat, der seinen Bürgern vorschreibt, wo sie zu wohnen haben. Wenn Gemeinden ausbluten, kann man deshalb nur versuchen, subtil gegenzusteuern, etwa durch die Gründung neuer Hochschulen in kleineren Städten. Auch die Ansiedlung einer größeren Zahl von Asylbewerbern in strukturschwachen Regionen mit viel Leerstand funktioniert oft nicht gut. Denn oft ist die Akzeptanz für Ausländer gerade in diesen Gemeinden nicht sehr groß.

Die aktuelle Bevölkerungsprognose geht davon aus, dass die Zahl der Menschen, die in Deutschland wohnen, in den kommenden 20 Jahren um knapp drei Prozent auf 78,2 Millionen schrumpfen wird. Die erwartete Zuwanderung ist dabei schon eingerechnet. Um die Bevölkerungszahl insgesamt konstant zu halten, müssten in den kommenden zwei Jahrzehnten 400.000 Menschen mehr ein- als auswandern. Das birgt zwar Integrationsrisiken, lässt sich nach Ansicht der meisten Demografen aber leichter beeinflussen als die seit Jahren niedrige Geburtenrate.

Die Schrumpfung ist für die seit Jahrzehnten auf Wachstum programmierten Deutschen - gleichgültig ob auf lokaler oder auf nationaler Ebene - auf jeden Fall eine neue Erfahrung. BBSR-Direktor Harald Hermann stellt fest: „Was wir im Moment haben, sind Anpassungsschmerzen.“

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