Schulfach Wirtschaft: Kapitalismusangst im Klassenzimmer

Schulfach Wirtschaft: Kapitalismusangst im Klassenzimmer

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Ein Lehrer unterrichtet eine Klasse einer Hauptschule in Geografie

Wirtschaftslehre spielt an deutschen Schulen kaum eine Rolle. Das liegt auch an ideologischen Scheuklappen. Das zeigt auch ein Modellversuch in Nordrhein-Westfalen.

An der Friedrich-Ebert-Realschule in Hürth bei Köln stehen in der letzten Woche vor den Ferien überraschend aktuelle Inhalte auf dem Stundenplan: Lehrerin Angelika Eggert spricht mit ihren Schülern über Ratingagenturen. Den Schülern geht der Stoff nahe. Woher die Agenturen ihre Macht hätten, will eine Schülerin wissen, was man dagegen tun könne, ein anderer. Eggert teilt einen Text aus. Es ist ein Kommentar des Kieler Ökonomen Dennis Snower, ein komplexer Beitrag, Worte wie Basel II bleiben darin unkommentiert. Doch es herrscht Ruhe, die Schüler studieren das Stück, danach entspinnt sich eine muntere Debatte.

Es sind Situationen wie diese, die einen zweifeln lassen an den Planungsmechanismen im deutschen Schulsystem, am Verhältnis zwischen relevanter Information und Unterrichtsinhalt. Denn dass Angelika Eggert über ein so zentrales Thema des aktuellen Weltgeschehens sprechen kann, ist nicht Alltag, sondern Teil eines zeitlich begrenzten Modellversuchs. Über drei Jahre wird in NRW der Wirtschaftsunterricht an Realschulen erprobt – und es dürfte bei einem Versuch bleiben.

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Ökonomisches Wissen als Wahl statt Pflicht

Eigentlich findet das Lehrfach Wirtschaft an deutschen Schulen nicht statt. Bis auf einige Gymnasien, die es stellenweise in höheren Klassen als Wahlfach anbieten, verzichten die Lehranstalten auf die Vermittlung ökonomischen Wissens. Wirtschaftliche Zusammenhänge tauchen stattdessen rudimentär in anderen Fächern wie Geografie, Geschichte, Politik und Sozialkunde auf. "Die Lehrer, die wirtschaftliche Grundlagen vermitteln sollen, haben an der Universität allesamt etwas anderes gelernt", sagt Thomas Retzmann, Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität Duisburg-Essen.

Angelika Eggert ist da die Ausnahme. Die 55-Jährige hat Betriebswirtschaftslehre studiert und anschließend ihren Berufswunsch geändert. Sie wurde Sozialkundelehrerin, verlor jedoch nie das Interesse an ihrem alten Studienfach. Entsprechend begeistert war die Pädagogin, als sie vor gut zwei Jahren vom Plan des nordrhein-westfälischen Schulministeriums hörte. Das Fach Wirtschaft sollte zunächst in einem dreijährigen Modellversuch an Realschulen unterrichtet werden, so die Idee der damaligen Ministerin Barbara Sommer (CDU). Bei Erfolg würde man es flächendeckend an den Schulen an Rhein und Ruhr einführen. Eggert überredete zwei Kolleginnen, sie beim Unterricht zu unterstützen. Seit Sommer 2010 nun ist der Wirtschaftsunterricht an der Hürther Realschule und in 75 anderen Schulen in NRW für die Schüler der neunten Klasse Pflicht.

Lob von der Wirtschaft

Die bisherigen Rückmeldungen sind durchweg positiv. Auch von der lokalen Wirtschaft gibt es lobende Worte für das Pilotprojekt, das erworbene Wissen schlage sich in steigender Ausbildungsreife nieder. Doch die Begeisterung der neuen Landesregierung von SPD und Grünen hält sich in Grenzen. Der Modellversuch werde "geprüft, sobald er beendet ist", heißt es lapidar aus dem inzwischen in die Verantwortung der Grünen Sylvia Löhrmann übergegangenen Schulministerium. Das klingt ergebnisoffen, doch andere Signale sind eindeutig: Die mit der Evaluation des Projekts betrauten Wissenschaftler monieren, dass gar nicht genügend Mittel bereitstünden, um eine Erfolgskontrolle durchführen zu können. "Eine Bewertung wird nicht möglich sein", rügt ein Wissenschaftler aus dem Beirat. Die Landesregierung, so befürchten Kritiker, wolle das Programm offenbar ohne viel Aufsehen verschwinden lassen.

Über die Zukunft des Fachs entscheiden somit nicht pädagogische Erfahrungen, sondern politisch-ideologische Scharmützel. Im Gegensatz zum Ablauf der Fotosynthese herrscht zu wirtschaftlichen Mechanismen eben kein Konsens zwischen den weltanschaulichen Lagern der Republik. Gewerkschaften, linke Politiker und einen Teil der Wissenschaft treibt die Sorge um, der Wirtschaftsunterricht an Schulen könne zur Vermittlung allzu liberalen Gedankenguts genutzt werden. Gerne verweisen sie dabei auf von der Wirtschaft kostenlos zur Verfügung gestellte Unterrichtsmaterialien, etwa durch Verbände von Banken, Versicherungen und Industrie. Aus Lehrmaterial der Metallindustrie zum Beispiel zitiert der Osnabrücker Bildungsforscher Reinhold Hedtke zu Artikel 14 des Grundgesetzes (Eigentum verpflichtet): "Dieses Gebot ist ohne Zweifel gut gemeint, doch von einer freiheitlichen Wirtschaftsverfassung zeugt es wirklich nicht." Objektive Wahrheit klingt anders.

Nach Ansicht des Pädagogen Retzmann wäre ein Unterrichtsfach Wirtschaft jedoch nicht eine Verschärfung des Problems, sondern vielmehr die Lösung. "Dann müssten Experten zentral Materialien für die Schüler ausarbeiten. Und die Lehrer wären nicht mehr auf kostenloses Material angewiesen, das sie sich von irgendwoher besorgen müssen."

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