Schwarz-gelbe Regierung: Sinn: Koalitionsvertrag ist besser als sein Ruf

Schwarz-gelbe Regierung: Sinn: Koalitionsvertrag ist besser als sein Ruf

Der von vielen Seiten kritisierte Koalitionsvertrag ist besser als sein Ruf. Er bietet Erfolg versprechende Ansätze, um drängende Probleme des Landes zu lösen, sagt ifo-Präsident Hans-Werner Sinn.

In unerfreulichen Zeiten ist dies ein erfreuliches Kabinett: Das war meine spontane Reaktion zu den neuen Ministern der Bundesrepublik Deutschland. Alle Posten sind kompetent besetzt, gerade im Wirtschaftsbereich. Rainer Brüderle ist ein liberales Aushängeschild mit viel Erfahrung in der Wirtschaftspolitik. Franz Josef Jung hatte bei der Herzog-Kommission und beim CDU-Parteiprogramm die Stellungnahmen zum Arbeitsmarkt verantwortet. Und Wolfgang Schäuble kann mit seinem in mehreren Kabinetten erworbenen Wissen aufwarten, wenn es darum geht, die Krise zu überwinden.

Auch das Regierungsprogramm kann sich unter dem Strich sehen lassen. Es gibt Erfolg versprechende Ansätze im Sozialbereich, die von erheblicher Bedeutung für die weitere Entwicklung der Bundesrepublik sind. Was bei der Krankenversicherung geschehen soll, bleibt zwar nebulös. Doch klar ist, dass die Pflegeversicherung eine kapitalgedeckte Säule erhält, was den Blüm’schen Konstruktionsfehler, die reine Umlagefinanzierung, korrigiert.

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Hinzuverdienstmöglichkeiten begrüßenswert

Wichtig ist das höhere Schonvermögen bei Hartz-IV-Empfängern, denn es regt zu verstärktem Sparen an. Kommentare, davon seien nur wenige Menschen betroffen, verkennen die Anreizwirkungen dieser Regelung. Auch der Beschluss, die Hinzuverdienstmöglichkeiten zu verbessern, ist zu begrüßen, weil sich so der Hartz-IV-Tarif noch stärker in Richtung eines Lohnzuschusses verändert. Derzeit beziehen etwa 1,3 Millionen Bürger Lohnzuschüsse über Hartz IV. Auch deshalb erweist sich der Arbeitsmarkt in der Krise als so robust. Dieses Element der Schröder’schen Reformen gilt es auszubauen. Mehr Lohnzuschüsse erhöhen die Bereitschaft, zu niedrigeren Löhnen zu arbeiten – und bei niedrigeren Löhnen gibt es mehr Jobs.

Natürlich wirkt die Maßnahme nur, wenn man nicht zugleich Mindestlohnschranken in das Tarifgefüge einzieht. Die Regierung will zum Glück nur eine relative Lohnschranke in Höhe von 70 Prozent der ortsüblichen Vergleichslöhne gesetzlich verankern und wird schon wegen der FDP vermutlich keinen weiteren Mindestlöhnen mit harten, ortsunabhängigen Schranken zustimmen. Jedenfalls hat die FDP durchgesetzt, dass sie bei neuen Mindestlöhnen im Kabinett ein Vetorecht hat.

Gravierende Krise

Die Koalition will zudem den Wegfall beruflicher Altersgrenzen prüfen. Das kann man nur begrüßen, denn wenn die Jungen am Arbeitsmarkt fehlen, müssen die Alten länger arbeiten. Statt das nur zu verordnen, kann man auch auf Freiwilligkeit setzen.

Besonders kontrovers diskutiert werden derzeit die angekündigten Steuerentlastungen. Wer dabei der Regierung vorwirft, sie wolle eine Steuersenkung auf Pump, verkennt, wie gravierend die heutige Wirtschaftskrise ist. Um in der Krise den Absturz zu verhindern, ist eine Steuersenkung prinzipiell geeignet, wenn sie mit Schulden finanziert wird. Dass nun gerade Politiker, die mitten in der Hochkonjunktur höhere Schulden wollten, in der schärfsten Rezession der Nachkriegszeit eine Wiederholung der Brüning’schen Parallelpolitik wie in der Weltwirtschaftskrise fordern, kann nur Kopfschütteln hervorrufen. Richtig ist allerdings der Vorwurf, dass die Steuersenkung, die für das Jahr 2011 geplant ist, ein Jahr zu spät kommen könnte.

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