Schwarzarbeit: Organisierte Kriminalität unterwandert die Baubranche

Schwarzarbeit: Organisierte Kriminalität unterwandert die Baubranche

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Der Zoll sieht sich überfordert.

"100 Prozent der Baustellen sind von organisierter Kriminalität betroffen."

von Christian Ramthun

Das Bundesfinanzministerium schlägt Alarm: Mit Scheinrechnungen betrügen Unternehmen in der Bauwirtschaft den deutschen Staat um viele Milliarden Euro.

Der Zugriff erfolgt im Morgengrauen, Punkt sechs Uhr. Mehrere Hundert Polizisten und Zöllner schlagen im Frankfurter Raum zu. 17 Mann der Zentralen Unterstützungsgruppe Zoll (ZUZ) – sie untersteht dem Bundesfinanzministerium und ist vergleichbar mit der Antiterror- Eingreiftruppe GSG 9 – brechen die Wohnungstüren der beiden Hauptverdächtigen auf, eines Serben und eines Iraner. Den einen erwischen sie halb nackt im Flur, den anderen ziehen sie aus dem Bett.

Doch die beiden haben noch Glück. Nach der Festnahme durch den Zoll können sie auf ein rechtsstaatliches Verfahren hoffen. Wären es die Konkurrenten von den Bandidos oder Hells Angels gewesen, die ihnen die Tür eingeschlagen hätten, hätte es einen kurzen Prozess gegeben.

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Baubranche

  • Strohmänner

    Es müssen nicht immer professionelle Treuhänder sein, die als offizielle Eigentümer einer Gesellschaft fungieren. Gerade Kriminelle setzen gern auf arglose Zeitgenossen, die für kleines Geld ihren Namen hergeben, aber nicht genau nachfragen, was damit eigentlich geplant ist. Sind ausländische Betrüger am Werk, heuern diese gern auch Strohleute aus ihrem Heimatland an. So berichten Fahnder, dass Banden, die Schwarzarbeit auf Baustellen organisieren, oft Personen aus ihrer Heimat einfliegen, die Deutschland nach der Firmengründung sofort wieder verlassen.

  • Scheinrechnungen

    Über die selbst gezimmerte Firma stellen die Kriminellen dann Rechnungen aus, mit denen ein Bauunternehmer vorgaukeln kann, dass er für schwarz ausgeführte Maurer- oder Verputzerarbeiten einen offiziellen Sub-Unternehmer engagiert hat. Der Clou: Der Unternehmer zahlt die Rechnung der Scheinfirma tatsächlich, bekommt das Geld aber abzüglich einer Provision zurück. Und zwar in bar, sodass er die Schwarzarbeiter bezahlen kann.

  • Kettenbetrug

    Für Fahnder sind solche Konstrukte schwer zu knacken, weil die von der Scheinfirma ausgestellten Rechnungen meist täuschend echt aussehen. Und wenn sie doch einmal einer Firma auf die Schliche kommen, führt die Spur oft zu einem Strohmann im Ausland, der für sie nicht greifbar ist. Zudem belassen es die Kriminellen in aller Regel nicht bei einer Tarnfirma, sondern gründen ganze Ketten – daher sprechen Fahnder auch vom „Kettenbetrug“.

In dem Metier, dem die beiden nun für eine Weile entzogen sind, geht es um enorm viel Geld – und entsprechend rustikal sind die Umgangsformen. In die organisierte Schwarzarbeit drängen deutsche Rockerbanden, italienische Mafiosi und osteuropäische Rotlichtgrößen, die dem Lockruf der gigantischen Renditen folgen.

Harte Gangart

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der für die Bekämpfung der Schwarzarbeit zuständig ist, bereitet das Bauchgrimmen. Wie ernst er die Lage einschätzt, lässt sich an einem internen Vermerk seines Hauses erkennen, demzufolge „es im Bereich der Schwarzarbeit und illegalen Beschäftigung einen hohen Grad organisierter Wirtschaftskriminalität gibt“. Das will der CDU-Politiker, der schon als Bundesminister des Inneren eine harte Gangart gegen das organisierte Verbrechen eingeschlagen hatte, nicht hinnehmen. Am Donnerstag will er die Jahrespressekonferenz des Zolls dazu nutzen, den gerade eingeschlagenen Strategiewechsel bei der Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) vorzustellen. Die 6700 Mitarbeiter zählende Truppe, die demnächst um 1600 Kräfte für die Kontrolle des gesetzlichen Mindestlohns aufgestockt wird, soll stärker als bisher die Hintermänner des milliardenschweren Geschäfts mit illegaler Beschäftigung aufspüren.

Die bisher üblichen Razzien, bei denen Zöllner Baustellen nach Schwarzarbeitern durchkämmen, will Schäuble deutlich einschränken – und zwar um mehr als 150 000 Personenkontrollen oder fast 30 Prozent, wie aus einer internen Zielvereinbarung hervorgeht. Stattdessen sollen FKSler die Bilanzen der am Bau beteiligten Unternehmen genauer unter die Lupe nehmen.

Es ist eine schwierige Mission. Mitten im Geflecht der organisierten Banden spielen sogenannte Servicegesellschaften eine zentrale Rolle. Sie verschaffen der Mafia einen Mantel, der auf den ersten Blick seriös wirkt und meist auch einem zweiten Blick standhält. Servicefirmen besorgen gegen Provision die so wichtigen Unbedenklichkeitsbescheinigungen. Diese enthalten Anmelde-Unterlagen für die Sozialversicherungen von Mitarbeitern und müssen von Subunternehmern ihren Auftraggebern vorgelegt werden. Mit den Papieren kommen Schwarzarbeiter durch jede Razzia.

Der Mafia-Trick auf dem Bau

  • 1. Rechnung

    Der Subunternehmer erhält von einer Servicefirma eine Rechnung über eine Million Euro.

  • 2. Überweisung

    Der Subunternehmer überweist die eine Million Euro an die Servicefirma.

  • 3. Provision

    Die Servicefirma behält 100 000 Euro Provision und gibt dem Subunternehmer heimlich 900 000 Euro zurück.

  • 4. Gewinn

    Der Subunternehmer zahlt davon für Löhne und Schmiergelder an Kolonnenschieber, Baustellenleiter und Auftragsfirmen 700 000 Euro.

    Sein Gewinn: 200 000 Euro Schwarzgeld

  • 5. Meldekarten

    Die Servicefirma stellt den Arbeitern Meldekarten zur Sozialversicherung aus, bleibt die Beiträge schuldig und löst sich schnell wieder auf.

Das aber ist erst ein Teil des „Service“. Der andere besteht darin, Scheinrechnungen an Subunternehmen auszustellen, die damit ihre Bilanzen mit Ausgaben vollpumpen. Natürlich nur auf dem Papier. Unter der Hand bekommen sie ihr Geld von der Servicegesellschaft nach Abzug der Provision zurück. Mit dem Schwarzgeld können die Subs ihre Arbeiter unter der Hand abspeisen, Schmiergelder an ihre Auftraggeber zahlen, eine Art Eintrittsgeld an die Baustellenleiter entrichten (teilweise ein Euro pro Mitarbeiter und Stunde) – und natürlich auch einen ordentlichen Batzen für sich behalten.

Servicefirmen haben ein kurzes Leben. Meist ist nach einem halben Jahr Schluss, die Hinterlassenschaft besteht aus einem Berg ausstehender Sozialbeiträge und Steuern. Oft sind Servicefirmen kettenmäßig hintereinandergeschaltet. Das minimiert die Aufdeckungsgefahr durch Betriebsprüfer oder Kontrolleure zusätzlich. Stoßen die Beamten doch auf eine solche Firma, müssen sie erst einmal die nächste ausfindig machen, die sich womöglich in Rumänien oder der Schweiz befindet.

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