Schwarzarbeit: "Schöne Hilfe"

von Bert Losse

Friedrich Schneider, Experte für Schattenwirtschaft, spricht im WirtschaftsWoche-Interview über den neuen Boom der Schwarzarbeit und deren ökonomische Folgen.

WirtschaftsWoche: Herr Schneider, wie wirkt sich die Wirtschaftskrise auf die Schwarzarbeit in Deutschland aus?

Schneider: Die Krise hat die Schattenwirtschaft weiter angefeuert. Viele Arbeitnehmer haben insbesondere durch Kurzarbeit spürbare Einkommensverluste erlitten, die sie kompensieren mussten. Auf der anderen Seite hatten sie mehr Zeit, nebenher zu arbeiten. Insgesamt dürfte die Schwarzarbeit in Deutschland 2009 um fünf bis sechs Milliarden Euro gestiegen sein – auf insgesamt rund 253 Milliarden Euro. 2010 erwarte ich wegen der steigenden Arbeitslosenzahlen eine weitere Steigerung zwischen fünf und acht Milliarden Euro.

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Mal abgesehen von moralischen Fragen: Ist das ökonomisch schlecht?

Nein, überhaupt nicht. Schwarzarbeit ist sogar wohlfahrtssteigernd, denn hier erfolgt ja durchaus eine Wertschöpfung. Klar, die Leute hinterziehen Steuern und Sozialabgaben, was Fiskus und Sozialkassen zwischen 20 und 25 Milliarden Euro jährlich kostet. Aber das schwarz verdiente Geld, das der Arbeitnehmer sonst nicht hätte, wandert ja nicht aufs Sparbuch, sondern wird wieder ausgegeben. Das ist ein schönes Konjunkturprogramm und hat den Konsum 2009 ein Stück weit stabilisiert.

Wie kommen Sie zu Ihren Zahlen? Schwarzarbeiter füllen gemeinhin keine Formulare aus, was sie wann tun.

Meine Mitarbeiter und ich nutzen dazu eine Reihe von ökonomischen Indikatoren, etwa Erwerbstätigenzahlen und die Geldmengenentwicklung. Hinzu kommen repräsentative Umfragen. Die Deutschen haben kein Problem damit, in anonymen Umfragen offen zu sagen, ob, wann und wie viel sie schwarz arbeiten.

Hat der Streit um die Vergütung von Managern und Bankern die Hemmschwelle für Schwarzarbeit gesenkt?

Absolut, das zeigen alle unsere Umfragen. Die Selbstbedienungsmentalität vieler Wirtschaftsführer hat der Steuermoral im Land nachhaltig geschadet. Die Leute haben das Gefühl, die Schuldigen für das ganze Desaster kommen ungeschoren davon – während sie selber wegen am Wochenende verlegter Fliesen oder einer illegalen Putzfrau kriminalisiert werden.

Das Angebot der Schwarzarbeit ist die eine Seite. Wer aber fragt Schwarzarbeit nach?

Zu gut 60 Prozent sind es Privathaushalte, zu 40 Prozent Unternehmen; das kann von Branche zu Branche variieren.

Schwarzarbeit ist kein deutsches Phänomen. Wo liegen wir im EU-Vergleich?

Im Mittelfeld. Bei uns macht die Schattenwirtschaft rund 13 Prozent des offiziellen Bruttoinlandsprodukts aus. Spitzenreiter sind die südeuropäischen Staaten. In Griechenland sind es 25 Prozent, in Italien 22 Prozent, in Spanien 20 Prozent. Danach kommen die Skandinavier.

Lässt sich die Schattenwirtschaft durch schärfere Kontrollen und härtere Strafen in den Griff bekommen?

Da muss man differenzieren. Im Rotlichtbereich und bei der organisierten Kriminalität sind mehr Fahnder nötig, auch in manchen Segmenten der Bauwirtschaft, wo sich immer noch viele illegale Betriebe tummeln. Zwei Drittel der Schwarzarbeiter aber sind Nebenerwerbstäter, die können sie nicht kontrollieren. Oder wollen Sie an jeder Dorfstraße einen staatlichen Kontrolleur postieren? Das beste Mittel, die Schwarzarbeit zu bekämpfen, sind sinkende Steuern und Abgaben. Letztlich ist Schwarzarbeit die Steuerrebellion des kleinen Mannes.

Dann müsste der Anreiz zur Schwarzarbeit nach den jüngsten Entlastungsschritten der Bundesregierung ja sinken.

Prinzipiell ja. Aber es drohen auch gegenläufige Effekte, wenn Sozialabgaben steigen. Auch neue Mindestlöhne, etwa für Bergbau, Lackiergewerbe und Abfallwirtschaft, sind kontraproduktiv. Staatliche Mindestlöhne gehen fast immer einher mit wachsender Schattenwirtschaft.

Was also raten Sie der Politik?

Ob sich eine massive Steuersenkung angesichts der katastrophalen Haushaltslage finanzieren lässt, wage ich zu bezweifeln. Aber kleinere Schritte sind möglich. Dass zum Beispiel die Vorgängerregierung die steuerliche Absetzbarkeit von Handwerkerleistungen verbessert hat, war ein richtiger Schritt. Ohne diese Maßnahme wäre die Schwarzarbeit 2009 um vier bis sechs Milliarden Euro stärker gestiegen. Hier sollte die Politik nachlegen. Und warum nicht für ein Jahr die Mehrwertsteuer für bestimmte Bauleistungen wie Altbausanierungen aussetzen? Dann würde in Deutschland die Post abgehen – ganz offiziell.

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