Schweinegrippe : Abgeflaut oder neue Welle?

Schweinegrippe : Abgeflaut oder neue Welle?

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Ein Schild weist am Dienstag (10.11.2009) im Gesundheitsamt Kassel den Weg zur Impfung gegen die Schweinegrippe. Seit Beginn der Woche können sich Kasseler Bürger im Gesundheitsamt gegen die Schweinegrippe impfen lassen. Am vergangenen Freitag war eine 15-jährige Schülerin aus Kassel an einer Herzmuskelentzündung gestorben, die mit Schweinegrippe infiziert war.

Fast alle haben sie vielleicht, aber kaum einer weiß es sicher - die Schweinegrippe ist für die meisten Deutschen eher ein Partythema als ein ernstes Problem. Trotzdem ist die Gefahr noch nicht vorbei. "Eine weitere Welle ist möglich", warnt das Gesundheitsministerium.

Wer derzeit mehr als einmal niest oder hustet, kann sicher sein, dass die Sitznachbarn in der U-Bahn abrücken oder sich den Schal über die Nase ziehen.

Freunde witzeln am Telefon, „hast Du die Schweinegrippe?“, wenn man kurz den Hörer aus der Hand legt, um sich die Nase zu putzen. Angeblich soll das Thema auch die Nummer eins bei den Partygesprächen sein. Die wenigsten können diese Frage allerdings beantworten, weil sie schlicht nicht wissen, ob sie nun am „H1N1“-Virus erkrankt sind oder an einer gewöhnlichen Feld-Wald-und-Wiesen-Grippe. Die Chancen stehen 50:50, bei etwa der Hälfte aller Atemwegserkrankungen handelt es sich laut Gesundheitsministerium um die Schweinegrippe. Die Symptome sind ähnlich.

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Der Schweinegrippen-Virus verbreitet sich deutlich früher als die Erreger der üblichen Grippewellen

Trotzdem gibt es Unterschiede: Der Virus verbreitet sich deutlich früher als die Erreger der üblichen Grippewellen, die meist erst im Januar oder Februar ihren Höhepunkt erreichen.

Die Zahl der Toten ist zwar geringer als bei der herkömmlichen Variante – bisher sind 77 Todesfälle gemeldet, darunter 63 mit schwerer Vorerkrankung. Dafür trifft es viel häufiger als sonst Kinder und Jugendliche. Wer vor 1930 geboren ist, hat hingegen eine gute Chance, bereits immun zu sein. Denn möglicherweise hat das H1N1-Virus eine "gewisse Verwandtschaft mit dem Erreger der spanischen Grippe 1918", erklärt Gérard Krause vom Robert-Koch-Institut. Trotz der vergleichsweise geringen Zahl von Todesfällen sei die „Krankheitslast“ höher, sagt Krause. Denn je jünger man stirbt, desto mehr Lebensjahre gehen verloren. „Wer mit 10 Jahren stirbt und eine Lebenserwartung von 85 hat, verliert 75 Jahre. Bei einem 75jährigen sind es nur 10 Jahre“, erklärt der Leiter der Abteilung Infektionsepidemiologie am Robert-Koch-Institut. Das Institut will deshalb auch noch nicht von einer Entwarnung sprechen, auch wenn die Pandemie bisher weit harmloser verläuft, als befürchtet. „Ich nehme an, dass das Virus im nächsten Winter wiederkehrt“, sagt der Experte für Viruserkrankungen. „Wir werden nicht verhindern können, dass dieses Virus sich in die Gruppe der saisonalen Viren einreiht.“ Auch die Bundesregierung warnt vor einer möglichen zweiten Welle. „Es ist wichtig, sich zu schützen“, sagte Annette Widmann-Mauz, Staatsekretärin im Bundesgesundheitsministerium, am Freitag in Berlin. Die Regierung will ihre Impfkampagne fortsetzen – bezahlt übrigens aus Mitteln, die eigentlich für eine Organspende-Kampagne vorgesehen waren. Nachdem zunächst vor allem chronisch Kranke, Schwangere, Babies und Gesundheitspersonal zur Impfung aufgerufen wurden, sollen sich jetzt deren Angehörige sowie Kinder und Jugendliche ab sechs Monaten immunisieren lassen. Bei Schwangeren ist das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs vier bis sechs Mal so hoch wie bei anderen Erwachsenen.

Viele Schwangere schrecken jedoch vor der Spritze zurück

Schwangere sind verunsichert wegen der teils widersprüchlichen Aussagen zu den Impfstoffen. „Zuerst hatte es geheißen, wir sollten uns nicht impfen lassen, dann hieß es, doch impfen ohne Einschränkung, und schließlich: Impfen ja, aber mit dem Präparat ohne Wirkungsverstärker“, klagen Betroffene.

Widmann-Mauz versicherte, für Schwangere gebe es bis Mitte Dezember Impfstoff ohne Wirkungsverstärker. 150.000 Dosen würden bei einem australischen Pharmahersteller gekauft. Eine Impfung mit Wirkungsverstärker werde nur empfohlen, wenn das andere Präparat nicht zur Verfügung stünde und die Schwangere einem besonderen Risiko ausgesetzt sei, etwa als Krankenschwester.

Bis Ende November sind 9,6 Millionen Impfdosen ausgeliefert worden, etwa die Hälfte ist bereits verbraucht. Bis Ende Dezember sollen es 20 Millionen sein.

Der neue Gesundheitsminister Philipp Rösler geht mit gutem Beispiel voran: Auf seiner Homepage ist zu sehen, wie er sich tapfer eine Spritze setzen lässt und dabei auch noch lächelt.

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