Serie Weg damit: Zentrale Studienplatzvergabe schwächt den Wettbewerb

Serie Weg damit: Zentrale Studienplatzvergabe schwächt den Wettbewerb

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Hörsaal der Humboldt-Universität in Berlin

Die umstrittene ZVS bekommt mehr Aufgaben. Besser wäre es, der Staat würde die Finger von der Studienplatzvergabe lassen.

Bernhard Kempen ist sauer. Der Professor für Völkerrecht an der Universität Köln und Präsident des Hochschulverbandes erlebt jedes Semester aufs Neue, welche Folgen die Vergabepraxis bei der Hochschulzulassung hat: Studienplätze bleiben unbesetzt, obwohl es genug Bewerber gibt. Doch nicht alle angehenden Studenten erhalten pünktlich zum Semesterstart ihren Wunschplatz. Und bis sie ein oft wochenlanges Nachrückverfahren durchgehalten haben, ist die Hälfte des Semesters bereits vorbei. „Wie soll ich diese Studierenden dann noch vernünftig in die ersten Klausuren führen?“, fragt Kempen.

Die vermeintlich Schuldige für das halbjährlich wiederkehrende Chaos ist schnell gefunden: die Stiftung für Hochschulzulassung in Dortmund, die Nachfolgeorganisation der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS). Über sie läuft die Platzanweisung in bundesweit zulassungsbeschränkten Fächern wie Medizin und Pharmazie, aber teilweise auch in Disziplinen, für die es nur an einigen Unis Bewerbergrenzen gibt.

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Die Kritik an der zentralen Zuteilung ist so alt wie die Institution selbst. Die ZVS entstand 1973 als Reaktion auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Da die Studentenzahlen in den Sechzigerjahren rapide anstiegen, begrenzten viele Hochschulen den Zugang über die Abi-Note, den Numerus clausus. Dies sei verfassungswidrig, weil es an Chancengleichheit fehle, urteilte Karlsruhe. Die Zentralstelle sollte die Vergabe gerechter machen.

Der Weg ist holprig

Wie viel Chancengleichheit aber kann eine Organisation liefern, die gerade mal knapp zwei Prozent der Studienfächer verwaltet? Und geht es nicht etwas billiger? Die Bundesländer lassen sich die Stiftung und ihre 111 Mitarbeiter immerhin rund zehn Millionen Euro im Jahr kosten. Und nun soll die Aufgabe sogar wachsen, eine Reform der alten ZVS zu einer neuen Daseinsberechtigung verhelfen. 2008 einigten sich die Länder darauf, die ZVS in eine Stiftung umzuwandeln und sie in einem zweiten Schritt zur „Serviceagentur“ zu machen, die künftig alle Studienplätze verteilt. Die Idee: Die Hochschulen melden freiwillig ihre freien Plätze, die Stiftung schickt die Bewerber. Doch der Weg zum modernen Dienstleister ist holprig. Die neue Software, die das Vergabeverfahren effizienter machen soll, gibt es erst zum Wintersemester 2011/12. Zwar können die Unis den Service schon testen, darauf verzichten die meisten aber lieber.

Daneben gibt es in der Wissenschaft durchaus Befürworter einer zentralen Vergabe von Studienplätzen. Johannes Schneider etwa, Experte für rechnergestützte Forschung an der Uni Mainz, hat Bewerbungen über die ZVS mit Direktbewerbungen an den Hochschulen verglichen. Ergebnis: Bekommt ein Interessent von mehreren Unis das Ja-Wort, sei eine zentrale Institution schneller in der Lage, nicht in Anspruch genommene Plätze weiterzuvergeben. Doch muss das der Staat machen? „Das kann ohne Weiteres auch ein privater Dienstleister übernehmen“, sagt Dieter Dohmen, Direktor des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie in Berlin.

Kein Glaube an Effizienzgewinne

Zudem glauben viele Ökonomen nicht an die versprochenen Effizienzgewinne. „Durch die Studiengebühren und gesonderten Auswahlverfahren liegt ein großer Teil der Bürokratie mittlerweile bei den Hochschulen“, weiß Ludger Wößmann, Bildungsökonom am Münchner ifo Institut. Eine zusätzliche staatliche Koordinierung sei daher völlig überflüssig.

Justus Haucap, Chef der Monopolkommission, warnt sogar vor Qualitätsverlusten. In den vergangenen Jahren sei zwischen den Unis ein Wettbewerb um die besten Köpfe entstanden. Der würde durch weitere staatliche Einflussnahme ausgehebelt. „Die Unis hätten keinen Grund mehr, sich um ihre Studenten zu bemühen“, sagt Haucap und vergleicht die Wahl der Uni mit der Suche nach einem Job. „Da käme auch niemand auf die Idee, das zentral über die Arbeitsagenturen zu steuern.“

Trotz fragwürdigen Nutzens: Dass die Politik die Stiftung abschafft und die Studienplatzvergabe komplett den Unis überträgt, gilt als unwahrscheinlich. Wößmann: „Im öffentlichen Bereich werden Institutionen nicht abgeschafft – sondern bekommen neue Aufgaben.“

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