Seuchen-Experte Jan Leidel: "Die erste Reaktion auf einen Ebola-Verdacht muss sitzen"

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InterviewSeuchen-Experte Jan Leidel: "Die erste Reaktion auf einen Ebola-Verdacht muss sitzen"

von Susanne Kutter

USA, Spanien, Mazedonien: Die Zahl der Ebola-Fälle steigt - und damit die Angst der Menschen, dass die Seuche sich auch hier ausbreiten könnte. Ist die Sorge berechtigt? Nein, meint der Seuchen-Experte Jan Leidel

WirtschaftsWoche Online: Herr Leidel, die Seuche kommt näher. Wie groß ist die Gefahr, dass Ebola sich in Europa ausbreitet?

Leidel: Ich halte diese Gefahr für nahezu ausgeschlossen. Natürlich ist es möglich, dass es bald auch hierzulande einzelne Ebola-Kranke geben wird. Aber die Krankheit lässt sich sehr gut eingrenzen. Denn anders als etwa bei Grippe-Erregern sind die mit Ebola infizierten Menschen erst ab dem Moment ansteckend, wenn die Krankheit bei ihnen ausbricht, sie also Symptome zeigen wie Fieber, Erbrechen oder Durchfall. Und auch dann können sie das Virus nicht durch Husten oder Niesen verbreiten, sondern nur durch engsten Kontakt und über Körperflüssigkeiten. Das ist eine große Chance.

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Chronologie der aktuellen Ebola-Epidemie

  • Dezember 2013

    Experten nehmen rückblickend an, dass es in der Region Guéckédou in Guinea den ersten Fall dieser Epidemie gibt.

  • 23.-25. März 2014

    In Guinea sind laut einem Radiobericht etwa 60 Menschen an Ebola gestorben, es gibt fast 100 Infizierte. Zwei Tage später wird Ebola auch in Liberia nachgewiesen, mindestens fünf Menschen sind bereits gestorben.

  • 23. Juni

    Am 23. Juni warnen die ersten Experten, dass die Epidemie außer Kontrolle sei.

  • 20. Juli

    In Nigeria bricht ein Regierungsberater Liberias am Flughafen zusammen. Tage später stirbt er, der Test ergibt: er hatte sich mit Ebola infiziert.

  • 7. bis 8. August

    Erstmals wird ein Ebola-Infizierter nach Europa gebracht: Spanien fliegt den Geistlichen Miguel Pajares ein. Er stirbt kurz darauf. Am 8. August stuft die WHO die Epidemie als Internationalen Gesundheitsnotfall ein.

  • 27. bis 29. August

    Erstmals kommt ein Ebola-Patient aus Westafrika nach Deutschland. Er wird in der Uniklinik Hamburg-Eppendorf behandelt. Zwei Tage später erreicht die Seuche mit einem erkrankten Studenten aus Guinea den Senegal. Der Patient gilt inzwischen als geheilt.

  • 30. September

    Eine UN-Sondermission (UNMEER) eröffnet ihr Hauptquartier in Ghana. Im US-Staat Texas wird bei einem Mann aus Liberia Ebola diagnostiziert.

  • 6. Oktober

    In Spanien hat sich eine Krankenschwester mit Ebola infiziert. Damit hat sich erstmals ein Mensch in Europa angesteckt. Die Krankenschwester hatte einen an Ebola erkrankten spanischen Priester betreut, der zur Behandlung aus Sierra Leone nach Madrid gebracht worden war und dort wenige Tage später verstarb.

  • 8. und 9. Oktober

    Der Ebola-Patient Thomas Eric Duncan in Texas stirbt. Der 42-Jährige hatte sich in Liberia infiziert, war aber erst in den USA erkrankt. Einen Tag später trifft ein dritter Ebola-Patient in Deutschland ein. Die Ärzte im Leipziger Klinikum bezeichnen den Zustand des aus dem Sudan stammenden UN-Mitarbeiters als „hochgradig kritisch“.

  • 13. und 14. Oktober

    In Liberia droht ein Streik im Gesundheitswesen die Krise zu verschärfen. Pflegekräfte fordern mehr Geld und Schutz. Am Tag darauf wird bekannt, dass der Leipziger Patient tot ist.

Ist Deutschland gut vorbereitet auf solch einen Ernstfall? Immerhin entscheidet jedes Bundesland selbst, wie es reagiert. Ist das noch zeitgemäß?

Ja, das funktioniert sehr gut. Denn zum einen gibt es mit dem Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin ja eine zentrale Behörde, wo zum Beispiel alle Ebola-Fälle sofort gemeldet würden und die Informationen zusammenfließen. Tatsächlich ist dieses RKI gegenüber der US-Behörde vergleichsweise winzig, aber darauf kommt es auch gar nicht an. Entscheidend ist in so einem Fall die erste Reaktion auf einen Ebola-Verdacht. Die muss sitzen.

Jan Leidel, Virologe, Sozialmediziner und Vorsitzender der STIKO. Quelle: privat

Jan Leidel, Virologe, Sozialmediziner und Vorsitzender der STIKO.

Bild: privat

Was bisher weder in USA noch in Spanien geklappt hat...

In der Tat. In Spanien wurde die Patientin wieder nach Hause geschickt, obwohl sie ausdrücklich sagte, sie habe Ebola-Patienten behandelt. Das kann ich wirklich nicht nachvollziehen. Und auch in den USA haben die Pfleger den inzwischen verstorbenen Mann zunächst wieder entlassen, statt ihn sofort im Krankenhaus aufzunehmen und von anderen Menschen zu isolieren. Das zeigt aber, dass ein zentrales Institut hier gar nichts hilft, sondern die Ärzte vor Ort informiert und vorbereitet sein müssen.

Das ist das Ebola-Virus

  • Das Virus

    Das Ebola-Virus gehört zu den gefährlichsten Krankheitserregern der Welt. Es löst ein sogenanntes hämorrhagisches, das heißt mit starken Blutungen einhergehendes, Fieber aus.

  • Sterblichkeit

    Je nach Erregerstamm sterben laut Angaben der WHO 25 bis 90 Prozent der Patienten an einer Ebola-Erkrankung. Trotz intensiver Forschung ist noch kein Heilmittel auf dem Markt, Impfstoffe sind in der Testphase.

  • Der Übertragungsweg

    Seinen Ursprung hat das Virus im Tierreich. Menschen können sich über den Kontakt zu erkrankten Tieren infizieren, unter anderem Affen oder Flughunde. Von Mensch zu Mensch überträgt sich die Krankheit durch Blut und andere Körperflüssigkeiten.

  • Die Krankheit

    Die Inkubationszeit beträgt nach WHO-Angaben zwei Tage bis drei Wochen. Dann setzen Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen, Schwächegefühl und Halsschmerzen ein. Später gehen Nieren- und Leberfunktion zurück, auch andere Organe werden geschädigt. Es können schwere innere Blutungen auftreten. Erst wenn die Symptome auftreten, sind Infizierte ansteckend.

  • Die Gefahrenzone

    Ebola kommt vor allem nahe des afrikanischen Regenwaldes vor. Zum ersten Mal wurde das Virus 1976 im damaligen Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo, nahe dem Ebola-Fluss nachgewiesen. Daher hat die Krankheit ihren Namen.

    Laut aktuellen Zahlen der WHO (Stand: 14. November 2014) sind seit dem aktuellen Ausbruch mehr als 14.400 Ebola-Fälle bekanntgeworden, die meisten in Liberia und Sierra Leone. Fast 5200 Menschen haben das Virus nicht überlebt.

Sind deutsche Ärzte das?

Ich denke schon. Denn diese fachliche Vorbereitung über die Ärztekammern und medizinischen Fachgesellschaften funktioniert erfahrungsgemäß sehr gut. Tatsächlich sollte jeder niedergelassene Arzt mit dieser Situation rechnen und sich klar machen, wann er an Ebola denken muss. Die entscheidenden Fragen sind dann: Was gibt es für Symptome und hatte der Patient, der vor mir steht, überhaupt eine Möglichkeit mit Ebola in Kontakt zu kommen?

Angenommen ein Ebola-Patient käme mit Ebola in ein Kölner Krankenhaus. Was würde passieren?

Aus meiner langjährigen Zeit als Leiter des Kölner Gesundheitsamtes weiß ich, dass in einem solchen Verdachtsfall sehr schnell eine relativ große Mannschaft sofort in Marsch gesetzt würde, um alle Kontaktpersonen ausfindig zu machen. Das ist die dringlichste und wichtigste Maßnahme – alle möglicherweise Infizierten zu finden.

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Hat jedes Gesundheitsamt im Land so eine Mannschaft parat?

Das ist ein wunder Punkt. Ich sehe mit einer gewissen Sorge, dass in vielen Ländern die Strukturen für die Infektionsabwehr teilweise abgebaut werden ­ auch in den Gesundheitsämtern. Im Falle von Köln bin ich mir sicher, dass es solch einen Fall gut meistern würde. Allerdings muss ich zugeben, dass ich mir bei zehn Patienten, für die die Kontaktpersonen gefunden werden müssten, da auch nicht mehr so sicher wäre.

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